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Konzert / Archiv | Beitrag vom 21.03.2008

Bachs Matthäuspassion am Karfreitag

Aus der Thomaskirche Leipzig

Thomanerchor (Gert Mothes)
Thomanerchor (Gert Mothes)

Als der Vespergottesdienst am Karfreitag des Jahres 1727 in der Leipziger Thomaskirche begann, konnte die versammelte Gemeinde nicht ahnen, dass die angekündigte Passionsvertonung des Thomaskantors Johann Sebastian Bach nach dem Evangelium des Matthäus ungefähr drei Stunden dauern sollte. Der erste Teil erklang vor, der zweite Teil nach der Predigt. So manch Hörer wird überfordert gewesen sein, bezeichnend ist auch der überlieferte Stoßseufzer einer adligen Witwe: "Behüte Gott, ist es doch als ob man in einer Opera oder Comödie wäre!"

So "passioniert" im Sinne von leidenschaftlich und Anteil nehmend war in Leipzig allerdings selbst in der Oper nicht musiziert worden. Die exzeptionelle Tiefe und im Grunde religionsübergreifende Humanität, mit der sich die Matthäuspassion damals weit über ihre Zeit erhebt, dürfte das Leipziger Publikum damals noch nicht ermessen haben. Viermal kam das Werk bis zu Bachs Tod 1750 noch zur Aufführung, danach geriet es in Vergessenheit. 1829 leitete der zwanzigjährige Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion mit der Berliner Singakademie eine "Bach-Renaissance" ein, in deren Folge das Werk 1841 erstmals auch am Ort seiner Uraufführung wieder erklang.

Bis heute stellen die jährlichen wechselnden Aufführungen von Bachs Matthäus- und Johannespassion mit dem Leipziger Thomanerchor in der Leipziger Thomaskirche einen Höhepunkt im Musikleben der Stadt dar und sind darüber hinaus Anziehungspunkt für ein musikbegeistertes Publikum aus der ganzen Welt. Im Unterschied zu den als wesentlich gleichberechtigt empfundenen verschiedenen Fassungen der Johannespassion wird die Matthäuspassion üblicherweise in der Fassung von 1736 aufgeführt.

Bach hatte dafür aufführungspraktisch relevante Verbesserungen gegenüber der Urfassung von 1727 vorgenommen. Der Text der Matthäuspassion gliedert sich in drei Ebenen: Die wichtigste, tragende Ebene stellt der biblische Bericht nach Matthäus (Kapitel 26 und 27) dar. Neben dem berichtenden Evangelisten treten in wörtlicher Rede Jesus, der Verräter Judas, der Jünger Petrus, der Jesus verleugnet, zwei Hohepriester, zwei falsche Zeugen, zwei Mägde, der Landpfleger Pontius Pilatus und dessen Frau auf.

Freie Dichtungen des Librettisten Christian Friedrich Henrici (genannt Picander), die der Kommentierung und Reflexion des Passionsberichtes in Form von differenzierten Chorsätzen und Einzelgesängen dienen, bilden die zwei Ebene. Und als dritte Ebene erscheinen die Choralstrophen, mit denen die Empfindungen der christlichen Gemeinde reflektiert werden: schlichte, vierstimmige Choralsätze als Ruhepunkte, als Momente des Innehaltens im Ablauf des Geschehens.

Deutschlandradio Kultur sendet die Passion in Übernahme einer Sendung des MDR für die EBU um eine knappe Stunde zeitversetzt ab 20.03 Uhr im "Konzert".

Aus der Thomaskirche Leipzig

Johann Sebastian Bach
Matthäus-Passion BWV 244

Sally Matthews, Sopran
Yvonne Naef, Alt
Martin Petzold, Tenor
MartinLattke, Tenor
Stephan Genz, Bass
Egbert Junghanns, Bass
Thomanerchor Leipzig
Gewandhausorchester Leipzig
Leitung: Georg Christoph Biller

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