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Tonart | Beitrag vom 08.09.2020

Bachs "Goldberg-Variationen"Lang Lang schreit die Liebe zum Werk hinaus

Mascha Drost im Gespräch mit Mathias Mauersberger

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Lang Lang spielt Klavier im Museo del Prado vor dem Gemälde "Las Meninas" von Diego Velázquez. (Getty Images / Samuel de Roman)
Der Pianist Lang Lang hat sich einen Lebenstraum erfüllt und die "Goldberg-Variationen" von Johann Sebastian Bach eingespielt. (Getty Images / Samuel de Roman)

Bachs "Goldberg-Variationen" sind ein anspruchsvolles Werk. Der Pianist Lang Lang hat sie zweimal aufgenommen: Einmal live und einmal im Studio. Die Kritikerin Mascha Drost lobt die Aufnahme und hört einen interessanten Unterschied.

Mathias Mauersberger: Lang Lang ist einer der bekanntesten Musiker überhaupt, denn er wird offensiv wie ein Popstar vermarktet. Sein Gesicht ist auf Litfasssäulen, Postern und überall. Jetzt wagt sich Lang Lang an die "Goldberg-Variationen" von Johann Sebastian Bach. Bach und Lang Lang, geht das zusammen?

Mascha Drost: Das geht sehr gut zusammen, sogar besser als ich dachte. Ich gehöre nicht zu den Lang Lang-Verächtern, obwohl ich mit dem Starrummel und mit der PR-Maschinerie nichts anfangen kann. Aber ich bin immer wieder von seinen pianistischen Möglichkeiten beeindruckt.

Die "Goldberg-Variationen" begleiten ihn schon seit Jahrzehnten. Er hat sich immer wieder damit beschäftigt. Jetzt, in jüngster Zeit, ist er nach Leipzig und Thüringen gefahren und hat sich die Instrumente angesehen, auf denen Bach gespielt hat. Das alles ist kein PR-Gerede, das wird einem sofort klar, da ist jemand wirklich ganz tief in diese Musik und diese Welt eingetaucht.

Die Aria, mit der die "Goldberg-Variationen" beginnen, ist ganz meditativ und schlicht gespielt. Man hat den Eindruck, die Musik entsteht ganz langsam, ist noch gar nicht so richtig da. Wie eine Blume, die sich langsam öffnet. Er nimmt sich Freiheiten, aber es wirkt zumindest hier am Anfang noch alles sehr organisch und völlig uneitel.

Harsche Kritik von Nikolaus Harnoncourt

Mauersberger: Lang Lang hat sich bei Nikolaus Harnoncourt Unterstützung gesucht und besonders auch bei dem Cembalisten Andreas Staier, einem Experten für die historische Aufführungspraxis. Hört man seinem Spiel das an?

Drost: Unbedingt. Diese barocken Spieltechniken, Verzierungen, Artikulation, das lernt man nicht allein. Und man muss ihm das Kompliment machen, er hat sich wirklich reingekniet. Harnoncourt hat nach einem ersten Vorspielen gesagt: Sehr schön, aber nicht einsam genug, es klingt ein wenig nach Etüde. Und wenn man das hört, ist das natürlich harsche Kritik.

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Er hat sich aber nicht entmutigen lassen, ist auch zu Andreas Staier gegangen, hat intensiv mit ihm gearbeitet, und da ging es vor allem um die Wiederholungen. Die Aria und die Variationen bestehen aus zwei Teilen und jeder Teil wird wiederholt. Und Lang Lang hat mir gestern im Interview gesagt, das sei eine der größten Herausforderungen gewesen: Man neige dazu, ganz offensichtliche Dinge zu tun, piano statt fort, ein bisschen weicher, ein bisschen mehr staccato zu spielen. Aber das reiche eben nicht. 
  
Und Andreas Staier habe zu ihm gesagt, sie müssten sich da mehr reinknien, wenn sie dieser Musik gerecht werden wollen und das ist ihm gelungen. Er ist natürlich kein Barockexperte geworden, aber es ist auch keine billige Kopie. Man merkt, dass er sich damit ausgiebig beschäftigt hat. Er hat auch viel Freude daran gefunden, er ist mit sehr viel Fantasie gerade an die Wiederholungen rangegangen. Das ist sehr charmant, weil es eben nicht nur laut–leise ist, sondern da wird auch harmonisch experimentiert.
Meistens gelingt das. Nur stellenweise ist es etwas zu viel des Guten, dann kommt noch eine kleine Schleife dazu, es wird eine Phrase besonders deutlich hervorgehoben, mal werden ein paar Akzente mit dem Holzhammer eingeschlagen. An manchen Stellen hört man leider den Zeigefinger: Herschauen, hier habe ich mir etwas ausgedacht.

Ein Hang zur Übertreibung

Mauersberger: Lang Lang veröffentlicht hier ja gleich zwei Versionen der "Goldberg-Variationen": Einmal hat er sie im Studio aufgenommen und einmal live im Konzert in der Leipziger Thomaskirche. Dort hat ja Johann Sebastian Bach schon selbst gewirkt. Wie unterschiedlich sind die beiden Aufnahmen insgesamt geworden? 

Drost: Im Studio kann man an allerkleinsten Details feilen, deshalb ist diese Aufnahme klanglich unglaublich ausgeklügelt, was Verzierungen angeht, die Dynamik. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Das meine ich nicht negativ - Bach selbst hat auch nichts dem Zufall überlassen.

Live kann man und muss man spontaner reagieren, und man muss die Spannung über anderthalb Stunden halten. Da hatte ich das Gefühl, da kommt die Seite von Lang Lang hervor, die ich nicht so mag, der Hang zur Übertreibung, zum Manieristischen. 

Im Studio spielt er sich frei, da wird es eher etwas schlichter im Verlaufe des Werkes. Live ist es umgekehrt. Was ich trotzdem besonders eindrücklich fand, das sind die dunklen, die in sich gekehrten Variationen. Da passiert klanglich unheimlich viel, in feinsten Schattierungen. Und das sei für ihn auch eine der größten Herausforderungen dieses Stückes gewesen, für diese Variationen einen ausgereiften und zugleich schmerzlichen Klang zu finden. 

Den "Goldbergvariationen" gewachsen

Mauersberger: Hat Sie die Interpretation denn insgesamt überzeugt? 

Drost: Hat sie, besonders die Studioversion. Lang Lang ist eben ein Musiker, der über eine so phänomenale Technik verfügt, dass er klanglich einfach alles machen kann. Und er stellt Technik ganz in den Dienst der Musik, obwohl die "Goldberg-Variationen" verteufelt schwer sind. Man merkt ihm auch an, dass er sich in das Stück verliebt hat und: Wie alle Verliebten, muss er sein Gefühl in die Welt hinausschreien. 

Auf die Aufnahme übertragen: Er zeigt manches eben ein wenig überdeutlich. Man merkt die Absicht und an manchen Stellen wäre etwas weniger nicht schlecht gewesen. Er hat eindrücklich gezeigt, dass er Bach und den "Goldberg-Variationen" gewachsen ist, er muss es an manchen Stellen nur nicht so überdeutlich unter Beweis stellen.

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