Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert

"Ich musste 80 werden, um das schreiben zu können"

08:37 Minuten
Helga Schubert im Garten
Die diesjährige Preisträgerin Helga Schubert war schon 1980 eingeladen worden, durfte damals aber nicht aus der DDR ausreisen. © ORF
Moderation: Eckhard Roelcke · 21.06.2020
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Mit einem Text über ein Mutter-Tochter-Verhältnis hat Helga Schubert den 44. Bachmann-Preis gewonnen. Die Geschichte verbinde sie mit ihrer Generation, sagt die Schriftstellerin.
Die in Berlin geborene Schriftstellerin Helga Schubert hat den mit 25.000 Euro dotierten 44. Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Die 80-Jährige wurde für ihren Text "Vom Aufstehen" ausgezeichnet. Im Mittelpunkt stehen eine Mutter und ihre Tochter.
Schubert sagt, dass es sich weder um einen autobiografischen Text im herkömmlichen Sinn noch um einen tatsächlichen Auftrag handele, wie Juror Hubert Winkels meinte.
Der fragliche Satz - "Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe, aber wie sollte ich über sie schreiben, als sie noch lebte." - sei als literarisches Mittel gedacht gewesen, erklärt die Autorin. "Ich brauche ja eine Brücke. Die Erzählung selber muss in sich eine Struktur haben, und dazu gehörte dieser Auftrag. Alles, was ich mache, ist mathematisch gebaut."

Übungen in Distanz

Die Geschichte über die Mutter sei etwas, das sie mit vielen Altersgenossen gemeinsam habe, "diese Mütter, die alle ohne Männer groß geworden sind und die alle in der Nazizeit schon berufstätig waren". Sie habe alles, was ihr passiert und vergleichbar mit den Erfahrungen anderer aus ihrer Generation sei, beschreiben wollen, sagt Schubert.
"Ich musste 80 Jahre werden, um das schreiben zu können." Damit meint die Autorin die Verarbeitung und immer stärkere Kondensierung ihrer privaten wie beruflichen Erfahrungen. Jahrelang hat sie auch als Psychotherapeutin gearbeitet - die Grundlage für ein noch unveröffentlichtes Buch mit dem Titel "Übung in Distanz", wie Schubert berichtet.
"Zum Schreiben, kann ich sagen, ist das nur Material. In der psychologischen Arbeit habe ich gelernt, dass ich immer dem folgen muss, was Patienten mir erzählen. Und im Schreiben ist es genau umgekehrt. Da folge ich nicht den Schicksalen, sondern ich setze den letzten Satz, ich bin ja die Macht."

Aushalten und integrieren

Das Schreiben sei aber eine Möglichkeit, all diese teilweise schrecklichen Dinge, die sie als Therapeutin gehört habe, "auszuhalten und zu integrieren und nicht an Menschen zu verzweifeln und immer wieder Wohlwollen zu haben - und sich selbst auch viel zu verzeihen."
(ckr)
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