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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.03.2017

Bachmann-GesamtausgabeDie gestohlenen Jahre

Von Elke Schlinsog

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Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (dpa picture alliance)
Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (dpa picture alliance)

Mitte der 60er-Jahre steckte die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann in einer großen Krise, die sich auch in ihren Texten wiederspiegelt. Mit der nun erscheinenden Gesamtausgabe werden erstmals auch private Aufzeichnungen aus dieser Zeit veröffentlicht. Ein Mammutwerk, das für viel Aufsehen sorgt.

Im Frühjahr 1963 erreicht Ingeborg Bachmann eine erste Druckfahne zu Max Frischs neuem Roman "Mein Name sei Gantenbein". Vier Jahre waren die Österreicherin und der Schweizer ein Paar. Sie lebten gemeinsam in Zürich und Rom, jetzt nach der Trennung ermöglicht Bachmann ein Stipendium der Ford Foundation den notwendigen Abstand. Sie zieht nach Berlin. An ihrem Schreibtisch im beschaulichen Stadtteil Grunewald schreibt sie auf einem ihrer Notizblätter vom "Verrat, den sie in einer fremden Stadt erduldet hat". Sie erkennt sich in Frischs Roman in der Figur der Lila wieder und fühlt sich literarisch missbraucht:

"Das Buch handelte von ihr, so sagte sie sich, er hatte sie zwei Jahre gekannt und dann nicht mehr, und es handelte aber von ihr. Sie konnte hier wiederlesen, wiederkäuen, wie sie mit ihrem Mann gelebt hatte, es waren lauter Dinge, die sie ihm erzählt hatte, durch seine Buchstaben standen sie da, und sie war beraubt, ausgeraubt mit all ihren Sätzen aus 700 Nächten und Tagen, aus beiläufigen und Hauptsätzen, wo war ihr Leben, hier war es."

Gut eineinhalb Jahre später, im Herbst 1964, erscheint "Gantenbein". Nun kann Bachmann zwischen zwei Buchdeckeln lesen, was sie zuvor geahnt hat: Sie war missbraucht, zum Objekt gemacht worden. Bachmann wehrt sich. In einem Schreibfuror entsteht auf unzähligen Seiten und in immer wieder neuen Ansätzen die Geschichte der 40-jährigen Wienerin Fanny Goldmann, die sich nach dem Zusammenleben mit einem zehn Jahre jüngeren aufstrebenden Provinzautor in dessen Roman literarisch "ausgeschlachtet" fühlt. "Die gestohlenen Jahre" schreibt sie über ein Kapitel; "Das Buch Goldmann" ist ihre Abrechnung mit Frisch. Er hatte sie "ausgeweidet, hatte aus ihr Blutwurst und Braten und alles gemacht, er hatte sie geschlachtet, sie war geschlachtet worden auf 386 Seiten."

Als neurotische, gekünstelte und kranke Frau beschreibt Max Frisch seine Figur Lila und macht sie - wie er es später selbst kommentiert - zur Chiffre für das weibliche Geschlecht. Das Buch zieht Bachmann den Boden unter den Füßen weg. Sie sieht sich öffentlich gedemütigt, zu einer lächerlichen Figur gemacht. Dass hinter der Figur Lila kaum ein Leser die angesehene Autorin vermutet hätte, wären nicht Gerüchte aufkommen, ändert nichts an ihrem Empfinden.

"Das Buch, der Missbrauch eines Menschen, mit dem man fast fünf Jahre gelebt hat, als Studienobjekt, sind nicht ungeschehen zu machen", so Bachmann in einem Brief an Max Frisch Ende des Jahres 1964.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch  (picture alliance / dpa / Undatierte Aufnahme)Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (picture alliance / dpa / Undatierte Aufnahme)

Lebensjahre mit Max Frisch: "Untergehen, Auslöschen, Krankwerden"

Wenige Jahre zuvor waren Frisch und Bachmann das schillernde Paar des Literaturbetriebs. Sie ist Anfang 30, gepriesene Lyrikerin, auf der Titelseite des "Spiegels" und im Feuilleton gar als "First Lady" der Gruppe 47 gefeiert. Er, in der sogenannten Lebensmitte kurz vor seinem 50. Geburtstag, ein gefeierter Bühnen-und Romanautor, Büchner-Preisträger. "Untergehen, Auslöschen, Krankwerden" bilanziert Bachmann bald darauf die gemeinsamen Lebensjahre.

"Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht", heißt es später lakonisch in Frischs Roman "Montauk". Wie schlecht es ihr nach der Trennung wirklich geht, darüber schreibt Bachmann im Februar 1963 offen ihrem Freund und Lebensmenschen, dem Komponisten Hans Werner Henze: "Es war nicht ein bisschen Krankheit, sondern ich musste vor zwei Monaten in die Klinik, weil ich versucht habe, mich umzubringen".

Mehrfach muss sich Bachmann in Kliniken begeben; im Dezember 1962 und im Januar 1963 in Züricher Spitäler, bis 1965 immer wieder auch in Berlin. Eine anhaltende Tortur von Therapien und Medikationen. In welch schwerer Lebenskrise die Autorin steckt, spiegeln Bachmanns erstmals publizierte Traumnotizen. Wie in ihren Romanentwürfen zum "Buch Goldmann" versucht die Autorin in diesen Traumtexten, sich ihre Ängste buchstäblich vom Leib zu schreiben. Ermuntert von ihren Ärzten ist es der Versuch, mit ihrem ureigenen Handwerk das Leiden zu fassen:

"Wenn der Traum anfängt, weiß ich schon, dass ich verrückt bin. Die Welt ist nicht mehr die Welt. Es sind noch Elemente von ihr da, alle Details, aber in einer Zusammensetzung, die irre ist. Alles ist farbig, Autos rollen heran, Menschen tauchen auf, stark überfärbt, grinsen im letzten Augenblick, wenn ich herankomme..."

Bachmanns Träume sind Schlaglichter eines inneren Dramas

Nackte ungefilterte Texte, in einem Rausch niedergeschrieben. Der Stift scheint der Hand kaum folgen zu können, groß und wild sind die Schwünge auf den Notizblättern. Anfangs oft konfuse und chaotische Träume, Ausdruck von Erschütterungen. In vielen Träumen ist Max Frisch die Hauptperson, er, der längst mit einer anderen Frau lebt, wird immer wieder namentlich angesprochen. Ungeheuerliches findet hier Platz, Gewaltszenen mit der Rivalin, Mordgedanken und Inzestträume - Schlaglichter eines inneren Dramas:

"'Wann kommt ihr denn zurück nach Europa?' Max lacht und lacht immer mehr, nicht gerade höhnisch, aber ziemlich belustigt, und ich frage ziemlich beherrscht: 'Wird es eher Ende Feber oder Anfang März sein?' Er lacht noch immer und sagt: 'Nein, ich denke erst am 1. August.' Und da er noch immer lacht, sage ich, 'das ist furchtbar, dass Du auch noch lachst', und ich hänge ab."

"Es ist schon, als existiere ich überhaupt nicht mehr. Zum Glück merkt die Mutter es nicht. Sie meint, ich müsse erst ganz gesund werden, ehe Max mich wiedersehen will. Aus unerfindlichen Gründen hält sie Krankheit für einen Trennungsgrund."

"Es ist eine Zerstörungswut ohne Sinn und Ziel und ohne Ventil. Ich sitze hier in einem Zimmer von Frau Auer, in dem liegt eine Platte von diesem Menschen, mit seinem Bild, mit dem Titel dieses Buches, und ich wollte sie heute zertreten... Was macht man mit so viel Hass? ...heut habe ich es doch getan... ich bin nur froh, dass diese Platte kaputt ist und im Mistkübel liegt."

"Dazwischen fetzenhafte Szenen, in der Wohnung, in einem Zimmer, liegt eine Frau, die mit einem Revolver alle bedroht, ich weiß schon davon, versuche auf ihre skurrilen Einfälle einzugehen..."

"In der Oper "Der junge Lord" soll ich auch die weibliche Hauptrolle übernehmen. Der Intendant kündigt es an, und ich komme in letzter Minute in das Opernhaus, verzweifelt und sehr aufgeregt, weil nirgends ein Textbuch zu bekommen ist und ich komm zwei Einsätze weit."

"... während ich schreibe, dröhnt der Kopf so, durch den Körper gehen dauernd Wellen von Erregung, an den Händen geht mir die Haut ab von den letzten nervösen Bläschen, die ich in den vorigen Wochen plötzlich stundenweis bekommen habe."

"Herr R. bringt mich auf die Idee, das aufzuschreiben, ja, was? Und ich versuche es, weil ich momentan sogar unfähig bin, zu einem Arzt zu gehen."

"Ich fahre Ski auf einem geschriebenen Satz, der von größter Wichtigkeit für mich ist, es heißt darin, dass ich momentan noch Schwierigkeiten habe und nicht damit rechnen kann, sofort aus der Misere herauszukommen."

Großprojekt Bachmann-Edition

Cover - Ingeborg Bachmann: "Male oscuro" (Suhrkamp / picture alliance / dpa )Cover - Ingeborg Bachmann: "Male oscuro" (Suhrkamp / picture alliance / dpa )

So dicht belegte noch keine Ingeborg Bachmann-Ausgabe die enge Verbindung von Leben und Werk der Dichterin. Bereits fünf Jahre nach ihrem frühen Unfalltod, erschien 1978 die vierbände Werkausgabe von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. 1995 sorgte dann die Kritische Ausgabe der "Todesarten"-Romane für Aufregung, weil die Herausgeber Monika Albrecht und Dirk Göttsche hier mit geradezu "kriminalistischen Analysemethoden" 3000 Seiten "Todesarten"-Texte neuedierten. - Und nun alles, was Bachmann je geschrieben hat. Die Salzburger Gesamtausgabe, das zentrale Editionsprojekt zur deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, widmet sich dem gesamten Werknachlass, den Briefen und Lebensdokumenten. Weit über 40 Bände soll es umfassen - so viel Bachmann gab es noch nie, eine Schatztruhe für Bachmann-Süchtige. Auch für den Bruder der Dichterin, Heinz Bachmann, eine kleine Sensation:

"Das war keine einfache Sache. Als unsere Schwester starb, war sie gerade vom Piper Verlag weggegangen und hat das erste Buch bei Suhrkamp veröffentlicht. Und wir mussten also dieses Problem lösen. Und meine Schwester Isolde und ich haben uns dazu entschlossen, weil wir nicht mehr die Jüngsten sind, dass dieses Projekt bald angegangen wird. Gottseidank haben wir eine großartige Unterstützung gefunden, und es hat dann eben diese Verhandlungen zwischen den Verlagen, und zwischen uns und dem Piper Verlag gegeben, der Suhrkamp Verlag ist federführend bei dieser Ausgabe und hier erscheinen auch die gebundenen Ausgaben und bei Piper eben mehrere Jahre später die Taschenbuchausgaben."

Hans Höller: "Diese Ausgabe hat uns allen viele schlaflose Nächte bereitet. Insgesamt war es schwierig, bis sich auch die Verlage geeinigt haben, und sie haben sich letztlich doch geeinigt, das finde ich sehr schön, dass auch Piper, der ja die Option auf den Nachlass hat und der Suhrkamp Verlag sich geeinigt haben zu einem gemeinsamen Editionsprojekt, auf dem auch oben steht, auf dem Bucheinband Piper Suhrkamp."

Das wohl komplizierteste Vertragswerk der Verlagsgeschichte

Ohne seine Geduld, seinem Langmut, hätte der langjährige Bachmann-Kenner Hans Höller sein Forschungs-und Lebensthema wohl nicht umsetzen können. Der Herausgeber der Großedition hat mit Erben und Verlagen ein zweieinhalbjähriges Verhandlungsprozedere hinter sich. Entstanden ist dabei wohl das komplizierteste Vertragswerk der Verlagsgeschichte. Sichtbarer Ausdruck ist ein Buchcover mit zwei Verlagsnamen. Fast einmalig. Allein die Brechtausgabe wurde in den 1980er Jahren gemeinsam vom Aufbau- und Suhrkamp Verlag herausgegeben, was damals der Existenz zweier deutscher Staaten geschuldet war.

Nun startet, mit gebotener Verzögerung, die große Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe. Ermöglicht haben das Großprojekt letztlich die Erben Ingeborg Bachmanns. Sie haben den umfangreichen Nachlass der Autorin, der eigentlich bis 2025 gesperrt war, vorzeitig geöffnet. Und das, obwohl die Bachmann-Geschwister ihn jahrzehntelang mit Argusaugen hüteten. Eigens für den ersten Band haben Heinz Bachmann und Isolde Moser daraus private Texte und Briefmaterial ihrer Schwester zur Publikation freigegeben.

Heinz Bachmann: "Wir haben damit natürlich ein bisschen gekämpft. Wir hätten natürlich alles weiter unter Verschluss halten können, aber da kommt ein Zeitpunkt, wo alles öffentlich wird und jeder kann machen mit diesen Texten, was er will. Jetzt haben wir noch die Möglichkeit, dass eine verantwortungsvolle Edition gemacht wird."

An die 30 Prosa-, Lyrik- und Tagebuchbände sollen es werden, und über 10 Briefwechsel. Darunter bisher unveröffentlichte: unter anderem mit dem engen Bachmann-Vertrauten Uwe Johnson, auch mit Hans Magnus Enzensberger - und der lang erwartete Briefwechsel mit Max Frisch. Sämtliche Nachlasskonvolute aus Klagenfurt, Bachmanns Geburtsstadt, aus Rom, ihrem langjährigen Wohnort und aus Kötschach, dem Familiensitz der Schwester Isolde Moser. All das ging vor zwei Jahren an das Salzburger Bachmann-Archiv. Als die Mitherausgeberin Irene Fussl ihre Stelle am Literaturarchiv Salzburg antrat, erwarteten sie hochgestapelte Umzugskisten:

"Heinz Bachmann hatte uns seinen Satz an Kopien zu Verfügung gestellt, das waren geschätzt 27.000 Blatt, die da erst Mal ausgeräumt werden mussten. Das ist schon ein gewaltiger Umfang, das war geordnet so wie es in der Österreichischen Nationalbibliothek bereits geordnet war, also in Konvolute zusammengefaßt, die aber eigentlich noch nicht wirklich feinsortiert sind. Das ist eine Arbeit, die erst noch passieren muss."

Nicht nur die Textmenge, sondern auch die schiere Textgestalt ist überwältigend: "Bei 'Das Buch Goldmann' hat man gesehen, wie Bachmann in einem Furor dahinschreibt, dass hier Textpassagen stehen, die kaum lesbar sind, weil sie wie eine Wilde in die Maschine tippt. Dass sie sich selbst auch selbst kaum korrigiert, sondern wenn dann auf der horizontalen Ebene, und dann einfach Worte oder Passagen neu ansetzt ohne das zuvor geschriebene zu streichen."

Umso wichtiger, dass Isolde Moser, die mittlerweile über 90-jährige Schwester Ingeborg Bachmanns an der Edition mitwirkt. Heinz Bachmann: "Sie ist eine Expertin im Entziffern von Ingeborgs Handschrift. Ich kann das auch einigermaßen, aber ich kann das nicht so gut wie meine Schwester Isolde. Sie ist da eindeutig die Expertin auf diesem Gebiet. Sie kann da eindeutig zweifelhafte Notate meistens eindeutig identifizieren, was sie damit sagen wollte."

Bachmann zeigt gnadenlos ehrlich ihren Schmerz

Um das nachgelassene Werk Ingeborg Bachmanns kümmern sich beide Geschwister der Autorin schon länger. Diskretion und Schutz der Persönlichkeitsrechte der Dichterschwester standen dabei immer im Vordergrund. Umso erstaunlicher ist, dass sie die große Bachmann Edition nicht mit gesammelten Gedichten oder Erzählungen beginnen lassen, die schließlich den Ruhm der Dichterin begründen, sondern mit einer Sammlung bislang unveröffentlichter Traumnotizen, mit eben sehr privaten Einblicken ins Innenleben Bachmanns.

Hans Höller: "Darf ich zuerst dazu sagen, dass man nicht einmal die "privaten" Aufzeichnungen braucht, um zu wissen , in welcher Situation sie sich befand. Sie hat an Hans Werner Henze über ihren Zustand geschrieben, über ihren Zusammenbruch, über die Beziehung zu Max Frisch, über einen Selbstmordversuch - und ihre Anstrengungen, aus diesem Trauma herauszukommen."

All die Texte, die Bachmann ab den 60er Jahren schrieb, sind Anstrengungen, aus dem Trauma herauszukommen. Gnadenlos ehrlich zeigen sie den Schmerz, ja den kranken Menschen, das Male oscuro! Das 1964 unter diesem Titel erschienene autobiografische Buch des italienischen Autors Giuseppe Berto, ermutigte Bachmann, die Schamgrenze zu durchbrechen. Daher wählten die Herausgeber für den Band mit Bachmanns Traumnotizen diesen sperrigen Titel: "Male oscuro", dunkles Übel.

Hans Höller: "Das ist eine Krise, die sicher weiter zurückgeht als die Trennung von Max Frisch. Es war schon das Zusammenleben für sie, sicher auch für ihn, ein Horror. Agonie, wie sie es auch bezeichnet hat. Anfang August hat sich eben Max Frisch definitiv getrennt und Ingeborg Bachmann ist in eine sehr schwere, tiefe Verstörung gefallen. Dazu kam aber etwas, das meines Erachtens auch so grausam es ist, einen neuen Impuls in ihr Leben und Werk bringt. Sie erlebt das Buch "Gantenbein", das Frisch geschrieben hat, er hat es ihr Ende 1962 geschickt zum Ansehen, sie hat sich darin erkannt, in Gestalt der Lila und sie findet im März 1963 die geheimen Aufzeichnungen von Max Frisch zu ihrer Person. Damit kann ein Schriftsteller was anfangen, das hebt ihn auf eine Ebene, auf der er sich verteidigen kann. Es geht um die instrumentelle Vernunft in der Literatur. Und eine Autorin, für die es nichts Ärgeres gegeben hat, als zur Beschriebenen zu werden, muss sich dagegen verteidigen und setzt dem eine andere Schrift entgegen. Am Ende steht bei "Malina" der Satz "Meine Name - Malina" - also "Mein Name sei Gantenbein" wird transponiert in etwas anderes, in ein ganz anderes Schreibprojekt."

Traumbilder in "Malina"

Die Autorin Ingeborg Bachmann präsentiert ihren ersten Roman "Malina" (imago/ZUMA/Keystone)Die Autorin Ingeborg Bachmann präsentiert ihren ersten Roman "Malina" (imago/ZUMA/Keystone)

Das Erstaunliche an all diesen ungeschützten Aufzeichnungen, den Briefskizzen und Traumnotizen der frühen 60er Jahre: Sie lassen Ton und Thematik von Bachmanns späterem Werk anklingen. In leicht überarbeiteter Form gehen sie ins sogenannte Traumkapitel von "Malina" ein, dem Roman, den die Autorin selbst als ihre "geistige, imaginäre Autobiografie" bezeichnet. In einem dieser Träume, der von wiederholten Verletzungen und Gewalt erzählt, heißt es am Ende, völlig unvermittelt: "Der Friedhof: wo die Töchter liegen, die Selbstmord begangen haben."

Zum ersten Mal notiert Bachmann jenen leitmotivischen Satz, hier noch einsam, vom Text abgesetzt, handschriftlich niedergeschrieben. Das Bild vom Friedhof der Töchter wird nicht nur in ihr "Buch Franza" eingehen, sondern auch das Traumkapitel von "Malina" immer wieder begleiten. Die Autorin selbst:

"Mein Vater steht neben mir und zieht die Hand meiner Schulter zurück, denn der Totengräber ist zu uns getreten. Mein Vater sieht befehlend den alten Mann an. Der Totengräber wendet sich furchtsam, nach diesem Blick meines Vaters, zu mir. Er will reden, bewegt aber nur stumm die Lippen und ich höre erst seinen letzten Satz: Das ist der Friedhof der ermordeten Töchter."

Irene Fußl: "Diese Traumtexte sind intensive Texte, die einem so merkwürdig vertraut vorkommen, wenn man 'Malina' schon gelesen hat. Weil diese Träume eben zum Teil beeindruckend unbearbeitet in "Malina" auftauchen. Das ist eigentlich eine Arbeitsweise von Ingeborg Bachmann, die man kennt. Und das ist das, was mich bei diesen Traumnotaten überrascht hat."

"Unterirdische Querverbindungen" nennt es Bachmann. In den Traumnotizen knüpft sie bereits das unterirdische Netzwerk an Figuren und Geschichten für "Malina":

"Herr F. hat mich ins Gefängnis gebracht, ich bin nicht allzu überrascht, aber ich hoffe, dass man mich gut behandeln und mich schreiben lassen wird. Immerhin könnte ich dann das Buch fertigschreiben. Aber dann stellt sich heraus, dass ich keine Vergünstigungen bekomme."

Traumtexte an der Nahtstelle zwischen Leben und Literatur. Im Gefängnistraum bedarf es kurzerhand einen Tausch der Männerrollen, aus einem "Herr F." wird in "Malina" die alles dominierende mörderische Vaterfigur:

"Mein Vater hat mich ins Gefängnis gebracht, ich bin nicht allzu überrascht, denn ich kenne ja seine guten Verbindungen. Zuerst hoffe ich, dass man mich gut behandeln und zumindest schreiben lassen wird, immerhin habe ich hier Zeit und bin vor seinen Nachstellungen sicher. Ich könnte das Buch fertigschreiben, das ich gefunden habe. Aber dann stellt sich heraus, dass ich keine Vergünstigungen bekommen. Ich bitte um Papier, ich trommle an die Tür um Papier, weil ich etwas schreiben muss. Es wird mir leicht fallen in der Zelle, ich bedaure es nicht, hier gefangen zu sein. In eine Ecke gekauert, ohne Wasser, weiß ich, dass meine Sätze mich nicht verlassen und dass ich ein Recht habe auf sie."

Diskretionsgrenzen im Editionsprojekt

All die Texte, die Bachmann nach ihrer schweren Lebenskrise schreiben wird, zeugen von dieser nackten, gnadenlosen Ehrlichkeit, vom Sich-Aussetzen im Schreiben. Erkennbar auch an den posthum veröffentlichten späten Gedichten, die Bachmanns Erben bereits im Jahr 2000 überraschend zur Veröffentlichung freigaben. Unter dem Titel "Ich weiß keine bessere Welt" erschienen an die 100 Gedichte oder Fast-Gedichte, lesbar wie ein Tagebuch der Katastrophen-Zeit nach der Trennung von Max Frisch. Vom Entsetzen darüber, von dieser tiefen Kränkung versuchen sie allesamt zu sprechen.

"Weiß vor Schmerz nicht, wie man einen Schmerz
aufschreibt, weiß überhaupt nichts mehr.
Weiß, dass man so nicht daherreden kann,
es muss würziger sein, eine gepfefferte Metapher,
müßte einem einfallen. Aber mit dem Messer im Rücken."

Bachmanns lyrisches Pathos der 50er Jahre wird man hier vergeblich suchen. Tastend, stammelnd ringt die Autorin um Sprache - was wir hier lesen, wohlgemerkt von Bachmann unautorisiert, sind Dokumente einer persönlichen Leidenszeit. Nach der Veröffentlichung des Gedichtbandes entstand im Feuilleton eine Debatte über das Für und Wider. Darf man das? Wie pietätvoll sollten Herausgeber mit einem Nachlass umgehen? Eine ähnliche Debatte wird nun vermutlich auch anstehen, da die Herausgeber der neuen Ingeborg Bachmann Gesamtausgabe gerade mit diesen beiden Bänden "Male oscuro. Aus der Zeit der Krankheit" und dem "Buch Goldmann" starten.

Hans Höller: "Man spricht viel von Diskretion, Schamgrenzen, Anstößigkeiten, die hier überschritten werden. Aber in den Träumen selbst manifestiert sich ein ganz tiefer Wunsch, sich an andere wenden zu können. Und es leidet dieses Traum-Ich daran, von den anderen nicht gehört zu werden, sogar die Mutter wendet sich von ihr ab, wenn sie von ihrer Krankheit spricht."

"Ich fange wieder an, ich spreche von meiner Krankheit, weiß jetzt schon, das keiner darüber reden will, ich fahre allen ins Gespräch mit meinen Sätzen. Plötzlich kommt Marianne. Sie hat kurzes Haar, goldblond, fast golden, strahlend, glücklich, setzt sich neben mich, erkennt mich, zögert, ich gebe ihr die Hand, beuge mich dann hinüber und küsse sie auf die Wange. Trotzdem scheint auch sie, wie die anderen, angesteckt zu sein von dieser Verlegenheit, die sich darin äußert, dass alle mich ignorieren."

Hans Höller: "Das ist das eine. Und dass in die Träume eingeht, der Wunsch geheilt zu werden oder herauszukommen. Immer wieder begegnet man diesen Bildern, einen Spalt zu finden, durch den man ins Freie kommt, einen Zauber zu finden, einen Gegenzauber, der sie aus diesem Wahnsinn herausführt. In einem dieser Träume kommt diese Vorstellung vor, sie ist dem Wahnsinn ausgesetzt, der unheimlich weh tut. Und sie möchte die Augen ganz fest schließen, und sie dann wieder aufmachen, und einen Meter weitergekommen sein. Und das die Augen schließen, diese Welt abblenden, um etwas anderes sehen zu können, das ist letztlich auf die schönste Weise die Literatur, sich diesen Raum der Autorschaft wieder zu verschaffen. Und gesund werden heißt für sie auch, diesen Raum auf die differenzierteste Weise sich zu erschreiben. Und von diesem Leben in der Schrift aus, erobert sie sich den Alltag zurück."

Ingeborg Bachmann schrieb um ihr Leben. Ein Leben, das mehr als Überleben ist. So erzählt der Auftakt der Gesamtausgabe die Geschichte von der Rettung durch Worte. Tausende Manuskriptseiten wird allein ihr mehrbändiges Romanvorhaben umfassen, das sie in den folgenden Jahren angeht. Der Bruder der Autorin, Heinz Bachmann, sah in ihrer damaligen Schreibkrise auch eine Chance:

"Ich wusste von der Krise, nur wie gravierend sie war, das war mir nicht vollständig bewusst. Sie hat mir einige ihrer Probleme mitgeteilt, ich war mir schon dessen bewusst, auch dass sie Schreibprobleme hatte, über die sie dann recht gut hinweggekommen ist. Sie hat dann sogar einmal gesagt sagte, vielleicht bin ich nun eine bessere Schriftstellerin geworden."

Eine gnadenlos ehrliche Schriftstellerin. Wenn das Salzburger Editionsgroßprojekt nun ausgerechnet mit den Traumtexten aus Bachmanns Zeit der Krankheit startet, dann ist das eine ebenso mutige wie nachvollziehbare Entscheidung: Deutlicher könnten die Herausgeber nicht zeigen, in welch dichtem Zusammenhang man Leben, Schreiben und das literarische Werk Bachmanns sehen sollte. In der Textfülle sind sie auch eine Chance, ihr Werk noch einmal neu zu lesen. Sie zeigen, welch lebensgeschichtliche Erfahrung und Radikalität es braucht, das ein Schreiben hervorbringt, das die eigene Existenz als literarische Aufgabe annimmt. Und so zum rettenden Erzählen wird.

Magie und Zauber im Schreiben

"Es sind drei harte, leuchtende Steine, die mir zugeworfen worden sind von der höchsten Instanz, auf die auch mein Vater keinen Einfluss hat, und ich allein weiß, welche Botschaft durch jeden Stein kommt."

Es ist schließlich der Traum über drei magische Steine, durch den Bachmann ihre Romanidee für "Malina" findet. Ende der 60er Jahre vertraut sie diesen Traum ihrem Kollegen Walter Zettl an, er sei ihr "von der höchsten Instanz geschickt worden", schreibt sie ihm, ein Traum von drei Steinen, die ihr "vom Himmel herabfielen".

"Malina": "Der erste rötliche Stein, in dem immerzu junge Blitze zucken, der in die Zelle gefallen ist, vom Himmel, sagt: Staunend leben. Der zweite blaue Stein, in dem alle Blaus zucken, sagt, Schreiben im Staunen. Und ich halte schon den dritten weißen strahlenden Stein in der Hand, dessen Niederfallen niemand aufhalten konnte, auch mein Vater nicht, aber da wird es so finster in der Zelle, dass die Botschaft von dem dritten Stein nicht laut wird. Der Stein ist nicht mehr zu sehen. Ich werde die letzte Botschaft nach meiner Befreiung erfahren."

Befreiung, das kann Tod heißen, Zugrundegehen, etwas, dem Bachmann schon in ihrem Gedicht "Böhmen liegt am Meer" eine magisch aufgeladene Bedeutung gibt:

"Ich will zugrunde gehn.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren."

Dieses zugrunde Gehen bleibt für Bachmann Leitmotiv. Es fordert den Zusammenbruch als Bedingung des Weiterlebens. Nur wer diesen Schritt wagt, gewinnt. Im Leben und im Schreiben.

"Malina": "Ich will nur den Satz vom Grunde schreiben. In eine Ecke gekauert, ohne Wasser, weiß ich, dass meine Sätze mich nicht verlassen und dass ich ein Recht habe auf sie. Ich habe die Worte im Satz vom Grunde verborgen. So sehr halte ich den Atem an."

 

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