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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.11.2017

Ayse Erkmen und Mona Hatoum zeigen "Displacements"Krisen und Tragödien in Schönheit verwandelt

Von Simone Reber

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Die Künstlerin Mona Hatoum bei ihrer ersten Solo-Ausstellung im Art Museum St. Gallen, Schweiz (2013) (dpa / picture alliance / EPA/GIAN EHRENZELLER)
Die Künstlerin Mona Hatoum, hier bei einer ihrer Ausstellungen in der Schweiz (dpa / picture alliance / EPA/GIAN EHRENZELLER)

Ayse Erkmen und Mona Hatoum gelten als zwei der bedeutendsten Bildhauerinnen der Gegenwart. In Leipzig stellen sie nun gemeinsam aus. "Displacements/ Entortungen" heißt die Schau und sie zeigt, wie sehr sich die Arbeiten der beiden in ihrem Temperament unterscheiden - und was sie im Innersten verbindet.

Zu den gemütlichen Pfiffen springen grüne Formen über den Bildschirm: Die eine erinnert an ein Ufo, die andere an einen kleinen Eimer. Doch was aussieht wie Lego-Spielzeug, birgt das Verhängnis. Ayse Erkmen hat in der Computeranimation die Formen von Landminen bearbeitet.

"Wir wissen, dass sie extrem gefährlich sind. Und um ihre Gefährlichkeit zu verstecken, werden sie in hundert unterschiedlichen Formen hergestellt, damit die Leute sie nicht erkennen. Mich hat das skulpturale Äußere interessiert und ich wollte die Täuschung betonen. Ich wollte sie in eine ansprechende Form kleiden. Sie kommen zu uns, aber wir erkennen ihre Gefahr nicht."

Die Gefahr lauert überall in dieser spannenden Ausstellung, die Welt ist zerbrechlich in den Werken von Ayse Erkmen und Mona Hatoum. Der Titel "Displacements" bezieht sich für den Leipziger Kurator Frederik Bußmann sowohl auf Flucht und Vertreibung, als auch auf die Verschiebung der Wahrnehmung mit Mitteln der Kunst.

"Als wir die Ausstellungsidee entwickelt haben, 2015, darf man nicht vergessen, dass es eine Atmosphäre war, die stark von Vorurteilen geprägt war, und uns war es wichtig, eine Ausstellung zu machen mit international arbeitenden Künstlerinnen, die dazu einladen soll, Perspektivwechsel vorzunehmen."

Kreativität und Zerstörung überschneiden sich 

Die Werke locken durch ihre fragile Schönheit und zwingen dann durch innere Widersprüche dazu, die Erwartungen zu überprüfen. Für Glassworks hat Ayse Erkmen einen ganzen Saal durch farbige Glassplitter hindurch beleuchtet. An der Decke sind die Leuchtkörper spitz und scharf, auf dem Fußboden wirkt der bunte Schein wie ein weicher Teppich. In einem Kabinett sind auf vier Leinwänden die Säurebäder zu sehen, in denen Bronze-Skulpturen gefärbt werden – grün, gelb, rot oder blau. Da überschneiden sich Kreativität und Zerstörung.

"Die Säuren sind sehr gefährlich. Sie bestimmen die Farbe der Patina. Sie sind der erste Schritt, um Farbe auf die Bronze aufzubringen. Man braucht die Säuren für diesen Arbeitsvorgang. Und das sieht sehr schön aus, aber man darf es nicht berühren. Wie ein Tiger. Er ist wunderschön, aber man darf ihn nicht anfassen."

Gewalt, Krieg, Vertreibung – die beiden Künstlerinnen beschäftigen sich mit ähnlichen Themen. Manchmal sogar in überraschend verwandter Gestalt. In einer Glasvitrine hat Mona Hatoum Handgranaten ausgestellt, aus farbigem Glas, wie spiegelnde Weihnachtskugeln.

"Ich weiß genau, wie sie entstanden sind. Als ich in Venedig war, brach im Libanon gerade der Krieg aus. Ich sah einen Kristallleuchter auf Murano und für mich sahen die Kristallspitzen aus wie Handgranaten. Deshalb habe ich all diese Handgranaten aus Murano Glas fertigen lassen."

Zwei Künstlerinnen, eng verbunden

Beide Künstlerinnen verwenden ähnliche Begriffe, um ihre Arbeit zu beschreiben, Achtsamkeit, Verletzlichkeit, die Attraktivität der Form. Und doch unterscheiden sich ihre Skulpturen im Temperament. Ayse Erkmen fügt sich still, fast unmerklich von den Rändern in den Raum hinein. Mona Hatoum arbeitet vom Zentrum aus in harten Kontrasten und aggressivem Material. Ein Würfel aus senkrecht hängenden Strängen von Stacheldraht schwebt im Raum. Dahinter verkohlte Stühle, notdürftig mit Hasendraht geflickt. Inspiriert wurde dieses Ensemble von Exponaten aus dem Hiroshima-Museum. Remains of the Day – was vom Tage übrig bleibt.

"Die Oberfläche sieht fast wie Haut aus. Die Erinnerung an diese Objekte ist noch immer lebendig, wie ein Geisterbild. Man kann die Umrisse erkennen, aber sie sind natürlich verschwunden, weil sich irgendeine Katastrophe ereignet hat. Ein Feuer, eine Rakete, hat dieses Esszimmer getroffen, und hat es zerstört."

Die beiden Künstlerinnen kennen sich sehr gut. Wenn sie über die Arbeit der Kollegin sprechen, beschreiben sie immer auch ihr eigenes Werk.

"Ich mag ihr Feingefühl für den Raum, für das Material, für die Anmutung des Ortes, damit arbeite ich auch gerne", sagt Mona Hatoum über Ayse Erkmen. Und Ayse Erkmen bewundert an Mona Hatoum: "Sie kann Krisen und Tragödien in Schönheit verwandeln."

"Displacements" ist im Museum der Bildenden Künste in Leipzig zu sehen. 

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