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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 16.08.2015

Autostadt Ingolstadt steigt aufMit Vollgas in die Fußball-Bundesliga

Von Günter Herkel

Ingolstadts Spieler laufen beim Trainingsauftakt des FC Ingolstadt 04 am 28.06.2015 im Audi Sportpark in Ingolstadt (Bayern). Mit einem Showtraining vor rund 2500 Fans ist der FC Ingolstadt in die Vorbereitung auf seine Premierensaison in der Fußball-Bundesliga gestartet. (dpa / Armin Weigel)
Der FC Ingolstadt 04 setzt auf junge, hungrige Spieler. (dpa / Armin Weigel)

Für manche ist der FC Ingolstadt 04 schlicht der FC Audi. Dabei hält die VW-Tochter nur knapp 20 Prozent der Anteile beim Aufsteiger. Hervorgegangen ist der FCI im Jahr 2004 aus der Fusion der Ingolstädter Vereine MTV und ESC. Somit steht der Klub für eine eher überschaubare Fußballtradition.

"Wenn man unser Budget letztes Jahr gesehen hat, ist es ja kein Überbudget in der Zweiten Liga gewesen. Da gibt's andere Vereine, die wesentlich mehr Budget hatten, und sportlich nicht den Erfolg hatten wie wir."

Peter Jackwerth, Vorstandschef des FC Ingolstadt 04.

"Ich glaub' schon, dass die Gemeinschaft, die wir hier pflegen, vom Aufsichtsrat bis runter zum Zeugwart, ein Team zu sein, uns unheimlich im Sportlichen geholfen hat. Ob sich das dauerhaft halten lassen wird, das wird man sehen."

Der Spieleretat des Klubs lag in der letzten Zweitliga-Saison bei bescheidenen 8,5 Millionen Euro. In der Beletage des deutschen Fußballs kalkuliert die Vereinsspitze mit einem Gesamtetat, der sich von 20 auf rund 40 Millionen Euro annähernd verdoppelt. Haben also diejenigen Kritiker Recht, die über die Ankunft eines weiteren Retortenklubs in der Bundesliga lästern? Eines Vereins, der von einem Großsponsor alimentiert wird und den sportlichen Wettbewerb in der Liga verzerrt? "Ohne Audi wärt ihr gar nicht hier" - solche Parolen gegnerischer Fans schollen den Ingolstädtern in der Aufstiegssaison bei manchen Auswärtsspielen entgegen. Peter Jackwerth hält die Rede vom FC Audi für einen ausgemachten Schmarren:

"Wir sind froh, dass wir Audi als Partner haben und Audi als Sponsor haben. Und der Einstieg von Audi war mit Sicherheit richtungsweisend für uns hier. Und ich glaub', jeder Verein wär' dankbar, einen Sponsor wie Audi zu haben. Jeder Verein braucht Sponsoren, ohne Sponsoren kann der Fußball nicht leben, das ist ja mittlerweile bekannt."

Audi ist Hauptsponsor, hält aber nur knapp 20 Prozent der Anteile an der ausgegliederten Fußball GmbH. Allerdings gehören der VW-Tochter auch das Stadion und das Trainingsgelände. Beide Einrichtungen vermietet sie an den Verein. Erst im vergangenen Sommer wurden der Komplex mit Trainingszentrum, Geschäftsstelle und Jugendinternat eingeweiht. Die erste Mannschaft trainiert, einige wenige Kiebitze schauen zu:

"Scho, ja, sofern die Zeit's erlaubt, fahrn mer zum Training, und's macht eigentlich wahnsinnig Spaß."

Carmen Kraus, langjähriger Fan, seit zwei Jahren Mitglied des FC Ingolstadt:

"Momentan ist alles traumhaft. Muss ich echt sagen. Und ich freu' mich wahnsinnig auf Mitte August. Das erste Mal in der Ersten Liga, und ich denk', das geht jedem so. Jeder hat Gänsehaut, jeder hat wahnsinnige Vorfreude, und mir san einfach nur stolz auf das Team."

Fans weisen Gerede über "neureichen Klub" zurück

Etwas vorsichtiger äußert sich Gottfried Sterner. Er verfolgt seit Jahren als Sportredakteur der Tageszeitung "Donau-Echo" die Höhen und Tiefen des lokalen Fußballs.

"Es ist 'ne Riesenfreude. Ich würde jetzt nicht sagen, Euphorie - das gibt es in Ingolstadt noch nicht aus dem Grund, weil der Fußball einfach hier zu lange brach gelegen ist. Die Leute sind einfach viel zu überrascht, dass in dieser kurzen Zeit - es sind ja erst elf Jahre, dass der Klub überhaupt existiert - dass in dieser Zeit so ein Aufschwung möglich war."

Eingefleischte Anhänger wie Carmen Kraus lassen auf ihren Herzensverein nichts kommen. Das Gerede vom neureichen Klub, vom FC Audi weist sie zurück:

"Es hat jede Mannschaft einen Sponsor. Was wär Bayern ohne ihre Sponsoren, was wär Dortmund ohne Sponsoren, was wären die Engländer ohne ihre Geldgeber? Ohne Sponsoren geht halt leider im Sport nix. Und wenn das nur der Neid ist von die Leute, ja gut, dann sollen's neidisch sein."

Bei näherem Hinschauen ist der Einfluss des Autobauers auf den Verein jedoch um einiges höher, als Kapitalbeteiligung und Sponsorengelder es auszudrücken vermögen. Im sechsköpfigen Aufsichtsrat des Vereins sitzen zur Hälfte führende Audi-Leute: Den Vorsitz führt Frank Dreves, Audi-Produktionsvorstand, sein Stellvertreter ist Martin Wagener Chefjurist bei Audi. Dazu kommen noch Wendelin Göbel Generalbevollmächtigter der Audi-Mutter Volkswagen sowie Andreas Schleef, der jahrzehntelang im VW-Konzern hohe Positionen bekleidete. Umstände, die die Süddeutsche Zeitung dazu veranlassten, von einer weitgehenden "Symbiose zwischen einem Fußballverein und einem Automobilkonzern" zu reden. Was, wenn die geballte Macht des VW-Konzerns eines Tages Einfluss auf das sportliche Geschehen in der Liga nähme? Trainer Ralph Hasenhüttl kann sich sowas nicht vorstellen:

"Ganz ehrlich: Wer so denkt, ja, ist weit von dem weg, was im Fußball passiert. Ich glaube, man sollte froh sein, dass sich Konzerne wie VW und sonstige im Fußball engagieren und nicht im Basketball oder im Handball oder sonst irgendwo. Ich glaub, da wär der Aufschrei wahrscheinlich noch größer."

Mit dem Engagement von Investoren hat auch Präsident Jackwerth logischerweise grundsätzlich kein Problem. Eher schon bedenklich findet er Praktiken, mit denen in den letzten Spielzeiten die Klubs des österreichischen Brauseherstellers Red Bull aufgefallen sind. Etwa die Rochade von Spielern zwischen den drei Vereinen:

"Was verwerflich ist, ist, wenn halt Spieler zwischen Salzburg und New York - ich glaub', drei Vereine gibt's - New York, Salzburg und Leipzig da hin und her geschoben werden. Das ist halt ein bisschen verwerflich. Da gehört meiner Meinung nach 'ne Regelung her. Das kann aber nur die DFL beziehungsweise der DFB machen, das ist nicht mein Thema."

Immerhin: Bei den zentralen Sponsoren der Ingolstädter handelt es sich um ortsansässige Firmen. Anders als etwa bei Schalke 04 oder dem Hamburger SV, auf deren Trikots die Logos eines russischen Energieunternehmens oder einer arabischen Fluglinien prangen. Sportredakteur Gottfried Sterner:

"Audi hat sich immer dazu bekannt, dass sie sozusagen Standortsponsoring machen. Das gab's vorher bereits beim Eishockey, und dann ist man eben auch beim Fußball nach den ersten Erfolgen in der Regionalliga eingestiegen. Und diese Partnerschaft, die setzt sich ja jetzt fort. Und aktuell ist ja mit dem neuen Trikotsponsor Media Markt wieder eine regionale Firma mit eingestiegen, die auch beim Eishockey engagiert ist."

Und das mit einigem Erfolg. Die Panther des ERC Ingolstadt wurden 2014 Deutscher Eishockeymeister, in diesem Jahr immerhin Zweiter - nicht zuletzt mit Unterstützung des europaweit größten Elektro-Discounters. Auch auf den Leibchen der FCI -Spieler prangt neuerdings das Logo von MediaMarkt - anstelle der vier Audi-Ringe. Mit dem Rückzug vom Trikotsponsoring will der Autobauer möglicherweise Kritikern einer allzu starken Präsenz seiner Marke den Wind aus den Segeln nehmen. Keine einfache Aufgabe angesichts der überaus dominanten Rolle des Unternehmens in der Region: 130.000 Einwohner zählt die boomende Donau-Stadt. An die 35.000 Männer und Frauen, darunter viele Pendler, stehen auf der Gehaltsliste des Unternehmens.

"Ja, liebe Fußballfreunde, herzlich willkommen noch einmal unseren Gästen vom VfR Aalen und natürlich auch dem FC Ingolstadt 04."

Die Spieler freuen sich auf die Herausforderung

Ein Dorfspielplatz im oberbayerischen Großmehring, acht Kilometer östlich von Ingolstadt. Es ist Anfang Juli, und an die 1.200 Zuschauer sind zu diesem Benefizspiel gekommen. Einem Benefizspiel, das der lokale Klub TSV Großmehring zugunsten seines ehemaligen Spielers Alexander Kepa organisiert hat, der seit einer Operation vor vier Monaten mit einem Spenderherz lebt. Noch in der vergangenen Saison spielten die heutigen Kontrahenten in der Zweiten Bundesliga. Aber dann stieg Aalen ab, die Ingolstädter dagegen feierten mit der Zweitligameisterschaft einigermaßen überraschend ihren erstmaligen Aufstieg ins Oberhaus:

"Na, war wirklich net so zu erwarten, aber natürlich umso schöner, dass es jetzt geklappt hat."

Ingolstadts Stürmer Stefan Lex.

"Ich denk', wir haben uns das letztes Jahr alle zusammen erarbeitet und es verdient, dass wir jetzt dieses Jahr in der Bundesliga spielen."

Tor für den FC Ingolstadt in der 42. Spielminute. Das 1:0 durch unsere Nr. 10 Pascal Groß. Stefan Lex, Pascal Groß - Namen, an die sich die Bundesliga-Zuschauer noch gewöhnen müssen. Ein anderer Name klingt schon vertrauter, der von Mannschaftskapitän Marvin Matip, dem Bruder von Schalkes Abwehrspieler Joel Matip:

"Natürlich freu' ich mich darauf, dass es endlich mal überhaupt gegen meinen kleinen Bruder geht. Er spielt seit sechs Jahren Profi und wir sind uns nie begegnet, außer mal in 'nem Testspiel Köln gegen Schalke. Klar freu ich mich auf die Begegnungen, und dass es natürlich jetzt schon in dem Jahr so weit ist, das hätte ich letztes Jahr nicht erwartet, aber jetzt freu ich mich darauf, und jetzt können wir die Schalker ärgern."

Das Benefizspiel endet mit einem verdienten 3:1 für die Ingolstädter. Nach dem Spiel gibt sich der Trainer bedingt zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft:

"Die Automatismen müssen wieder passen, da gibt's noch viel dran zu drehen und zu tun, weil im Moment fehlt auch die Spritzigkeit, um das Spiel genau so zu spielen, wie wir es wollen. Aber nochmal: Wir haben noch ewig Zeit bis zum Start, und deswegen braucht man da nichts überstürzen."

Ralph Hasenhüttl, 48, österreichische Frohnatur, als Stürmer viermaliger Meister mit Austria Wien und Austria Salzburg, dazu acht Länderspiele. Er führte Unterhaching in die Dritte, den VfR Aalen in die Zweite Liga. Jetzt will er mit dem FCI Geschichte schreiben.

"Wir haben noch nicht so viel Tradition. Aber wir sind der Verein dieser Region und ich glaube mittlerweile ein sehr besonderer Verein geworden. Wir schaffen uns im Moment das, wovon Traditionsvereine heute leben, nämlich von ihrer Geschichte, Historie, erfolgreichen Historie. Das sind wir gerade dabei, uns zu schaffen."

An diesem Punkt widerspricht Carmen Kraus dem von ihr sehr geschätzten Trainer.

"Es stimmt nicht. Wir sind auch ein Traditionsklub. Es ist ein Zusammenschluss zwischen zwei Ingolstädter Mannschaften, die auch sehr lange Traditionen haben."

Für gegnerische Fans, die darüber klagen, die alteingesessenen Traditionsklubs mit ruhmreicher Historie könnten über kurz oder lang von den neureichen Emporkömmlingen verdrängt werden, hat sie nur Spott übrig:

"Ich kann dieses nicht mehr hören, muss ich ganz ehrlich sagen. Es ärgert mich wahnsinnig. Und was hams mit ihrer ganzen Tradition? Schrammen knapp am Abstieg vorbei, verlieren wahnsinnig viel Fans mit ihren Scheißspielen –'tschuldigung den Ausdruck - dann sollen's ihr' Tradition haben."

In den 80er Jahren gab es emotionale Lokalduelle

Tatsächlich spielt der Klub erst seit 2004 unter dem Namen FC Ingolstadt 04 auf. Seine Tradition reicht allerdings wesentlich länger zurück. Schon knapp 100 Jahre zuvor war die Fußballabteilung des MTV Ingolstadt gegründet worden. Und kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstand mit dem Eisenbahner -Sportverein - kurz: ESV - Ingolstadt der zweite der beiden Vorgängerklubs, aus deren Fusion Anfang dieses Jahrhunderts der FCI hervorgehen sollte. Carmen Kraus' Mann Peter kann sich noch gut an rassige Duelle der beiden Lokalrivalen erinnern:

"Es war die Zeit 1980/85, wo es etliche Derbys gegeben hat zwischen den Vereinen ESV und MTV Ingolstadt. Und da war teilweise das Stadion doch voll, mit bis zu 15.000 Leuten. Und das waren auch schöne Zeiten, wo das ganze Ingolstadt unterwegs war und im Fußballfieber war."

Um die Wende von den 70er zu den 80er Jahren gehörten beide Klubs sogar zeitgleich der Zweiten Bundesliga Süd an. Doch der Erfolg war nicht von Dauer.

"Und dann ist das wirklich runtergangen. Finanziell hat's auch nimmer gestimmt. Bis in die Niederungen Bayernliga, Landesliga. Und eben erst durch den Herrn Jackwerth, den Präsidenten, durch die Fusion hat sich das wieder so entwickelt, dass wir jetzt zum ersten Mal Erste Liga erleben dürfen. Was für uns a Traum ist."

Peter Jackwerth ist der starke Mann beim FC Ingolstadt. Der ehemalige Zeitarbeit-Unternehmer hat den sportlichen Höhenflug des Vereins in der jüngeren Vergangenheit maßgeblich befördert:

"Es war mit ESV und MTV immer irgendwo auch sone Zerstrittenheit hier in der Stadt. Das heißt, ja, sone Zerreißprobe zwischen links und rechts der Donau. Früher hat's geheißen, der Arbeiterklub, das war eher der ESV, und der MTV der Klub der besser Situierten. Und beide haben sie nicht geschafft, längerfristig irgendwo hochklassig zu spielen."

Bis Jackwerth die Sache in die Hand nahm. Was dann geschah, wird in der Vereinschronik als "Ingolstädter Weg" glorifiziert. Am Beginn dieses Wegs stand die Ausgliederung der Fußballabteilungen von MTV und ESV und ihre Fusion zum FC Ingolstadt 04 an 1. Juli 2004:

"Und unser Weg war damals, erstens mal alles zu zentralisieren, zusammenzuführen, die Region zu stärken und mit der Region dann diesen Weg zu gehen. Dass es so schnell ging und so erfolgreich ging, das grenzt schon fast an ein Wunder hier."

2004 Start in der Bayernliga, schon 2006 Aufstieg in die Regionalliga Süd, weitere zwei Jahre später gar Durchmarsch in die Zweite Bundesliga. Ganz bruchlos verlief die Erfolgsstory allerdings nicht. Dem Abstieg in die 3. Liga 2009 folgte ein Jahr später die sofortige Rückkehr in die Zweite Liga. Auch danach lief nicht alles rund, erinnert sich Moritz Hartmann, der dienstälteste Akteur im aktuellen Kader des FCI:

"Dass es in der Zwoten Liga oft nicht gut gelaufen ist, war richtig enttäuschend und zermürbend auch teilweise. Wir waren oft hintendrin, waren immer in der unteren Tabellenregion. In der letzten Saison sind wir mal gut gestartet, haben vorneweg gepunktet, und dass es gleich so endet, hätte glaube ich keiner damit gerechnet."

Der Verein ist selbst noch überrascht vom Aufstieg

Noch im Herbst 2013 sah es ganz und gar nicht nach diesem Durchmarsch des FCI in die Eliteliga aus. Nach vier Punkten in neun Spielen lag die Mannschaft auf dem letzten Tabellenplatz, der damalige Trainer Marco Kurz musste gehen. Kurz darauf übernahm der Österreicher Ralph Hasenhüttl und führte das Team noch bis auf Rang 10. In der vergangenen Saison feierten die Ingolstädter fast einen Start-Ziel-Sieg. Seit dem achten Spieltag an der Tabellenspitze, sicherten sie sich eine Runde vor Schluss den Aufstieg - mit einem 2:1 gegen den ursprünglich als Favorit gestarteten RB Leipzig. Auch der Trainer zeigte sich überrascht.

"Nee, rechnen kann man mit sowas nicht. Man hofft, dass es läuft, aber ... Wir haben damals alle Hände voll zu tun gehabt, überhaupt in der Liga zu bleiben, und darauf lag der ganze Fokus, und da denkt man nicht, was danach passiert."

Wenige Spieler seines aktuellen Kaders verfügen über Erstligaerfahrung. Dennoch fordert Trainer Hasenhüttl keine weiteren Verstärkungen:

"Nein, wir brauchen keinen dazu mehr. Ich glaube, ich bin gut aufgestellt mit der Truppe."

Nur vier Neuzugänge gab es im Sommer: Örjan Nyland, der norwegische Nationalkeeper, wird Stammtorwart Ramazan Öczan Konkurrenz machen. Linksverteidiger Markus Suttner kam von Austria Wien, Innenverteidiger Romain Bregerie von Mitaufsteiger Darmstadt 98. Stürmer Elias Kachunga stieß von Bundesliga-Absteiger SC Paderborn zur Mannschaft:

"Wenn sich was Interessantes ergibt, werden wir natürlich nochmal uns Gedanken machen darüber, aber ansonsten steht der Kader."

Stars? Fehlanzeige. Es sei denn, man betrachtet etwa den österreichischen A-Nationalspieler Lukas Hinterseer, Neffe von Volksmusiker Hansi, als einen solchen. Mit einer Ablösesumme von 1,7 Millionen Euro ist Elias Kachunga der teuerste Einkauf in der Klubgeschichte. An der bislang zurückhaltenden Transferpolitik soll festgehalten werden, bekräftigt Präsident Jackwerth:

"Wir können uns keinen Spieler leisten, der jetzt Millionen kostet. Wir bleiben weiterhin mit einem Auge am Markt. Wir schauen, dass wir junge Spieler kriegen, wir schauen, dass wir förderungswürdige, talentierte Spieler bekommen."

Trainer Hasenhüttl pflichtet ihm bei: "Wir machen keine verrückten Dinge. Wir haben den Aufstieg in die Erste Liga nicht deswegen geschafft, weil wir mit den Millionen um uns geworfen haben, sondern weil wir einfach tolle Arbeit geleistet haben die eineinhalb Jahre. Das muss man einfach ganz klar sagen."

Wer will, mag dies als kleine Spitze gegen den Emporkömmling RB Leipzig verstehen. Die Leipziger verpassten zuletzt den Aufstieg, obwohl sie in der vergangenen Saison ein Transferminus von 22 Millionen Euro erwirtschafteten. Die Ingolstädter dagegen vermeldeten stolz sogar ein kleines Plus. Ein Grund mehr, weshalb sie nicht mit Retortenklubs à la RB Leipzig in einen Topf geworfen werden möchten. Das Fußballmagazin "11freunde" kommt zu dem Schluss:

"Mit seinem nachhaltigen Ansatz auf der einen Seite und seiner Anbindung an den regional verankerten Großsponsor auf der anderen, ist der FCI das Missing Link zwischen seelenlosen Marketingklubs und den Traditionsunternehmen mit ihrer sensiblen emotionalen Gemengelage. Kurz gesagt: ein ziemlich normaler Profiverein."

Das Interesse am Verein dürfte in der Region steigen

Nach langem Darben in unterklassigen Regionen ist die Fanbasis des frisch gebackenen Erstligisten vergleichsweise schmal. Gerade drei Mal ausverkauft war in der Aufstiegssaison der Audi Sportpark. Das dürfte sich nunmehr mit Sicherheit ändern.

"Es ist Aufbruchsstimmung, die Stadt steht hinter der Mannschaft, hinter dem Verein, das macht schon sehr viel Spaß und Vorfreude auf den Saisonstart."

Pressesprecher Oliver Samwald. Lag der Zuschauerschnitt zuletzt bei knapp unter 10.000, wurden für die erste Saison in der Eliteliga allein 11.000 Dauerkarten an Mann und Frau geberacht. Bei Abrechnung des Gästekartenkontingents bleiben unter dem Strich nur noch gut 2.000 Tickets für den Freiverkauf. Viele der früheren Fans hatten ihr Fußballerherz längst an andere, attraktivere Klubs vergeben: an die 60er aus München, die Clubberer aus Nürnberg oder gar die Stuttgarter vom VfB. Jetzt sieht es so aus, als entdecke so mancher seinen Lokalpatriotismus wieder:

"Im Norden, Süden, Osten, Westen - Schanzer sind wir. Schwarz-Weiß-Rote Freundschaft - FC Ingolstadt 04."

Was dem Klub vielleicht noch an Tradition fehlt, die Stadt hat es im Überfluss: Residenz der Wittelsbacher, Sitz der ersten Universität in Bayern. Zugleich der Ort, an dem vor knapp 500 Jahren das deutsche Bier-Reinheitsbraugebot erlassen wurde. Und was hat es mit den "Schanzern" im Vereinslied des FCI auf sich?

"Ingolstadt war Landesfestung in Bayern, und daher kommt dieser Begriff 'Schanz'. "

...Donaukurier-Reporter Sterner:

"Das ist ne Festungsmauer auch gewesen oder teilweise auch heute noch sichtbar, ist im 19. Jahrhundert entstanden. Und das hat man hier aufgegriffen, und steht ja auch im Vereinswappen mit drin, und mittlerweile auch am Stadion 'Heimat der Schanzer'."

Fusionsbedingt fallen Lokalderbys seit elf Jahren aus. Rivalitätsgefühle werden die Ingolstädter daher in der Bundesliga vorzugsweise am erfolgreichen Nachbarn FC Augsburg ausleben. Woher rührt die spezielle Abneigung der "Schanzer" gegenüber den Fans aus der Fuggerstadt? Fanbeauftragter Sebastian Wagner:

"Es ist sicherlich der Nähe geschuldet. Gut, die Städte sind unterschiedlich groß, Augsburg ist doppelt so groß wie Ingolstadt. Aber es ist wahrscheinlich auch son Oberbayern-gegen-Schwaben-Ding. Die beiden Vereine - da gab es immer Stress, wenn die aufeinander getroffen sind. Ich denke, so wird es auch in der neuen Saison sein."

Für die Klubführung gilt diese Abneigung eher nicht. Im Gegenteil: FCI-Präsident Jackwerth sieht die Erfolgsgeschichte des FCA geradezu als Vorbild für die eigene sportliche und wirtschaftliche Strategie."

"... wenn sich ein Boom entwickelt, da ist ein gutes Beispiel Augsburg. Augsburg ist 'n Superbeispiel für uns, was sich da entwickeln kann, dann denk ich, können wir unseren Weg weiter fortsetzen und müssen uns nicht verschulden, um irgendwelche Klimmzüge zu machen, um in der Liga zu bleiben."

Bei aller Bescheidenheit: Eine gewisse Genugtuung darüber, dass der Aufstieg des FCI den Ruhm der kleinen Donau-Großstadt über Bayerns Grenzen getragen hat, mag der gebürtige Nördlinger Jackwerth nicht leugnen:.

"In der letzten Zeit, und das ist das Schöne daran, wenn ich im Zug oder im Taxi sitz, wo kommen Sie denn her, und ich sage aus Ingolstadt, dann sagen alle: Au, erste Liga! Und das zeigt natürlich schon in Deutschland bzw. in ganz Europa, dass Ingolstadt mittlerweile ein Begriff ist."

Gleiches beobachtet auch Pressesprecher Samwald.

"Im Tagesgeschäft ist die mediale Aufmerksamkeit jetzt einfach deutlich höher geworden. Gerade auch durch überregionale Anfragen und mitunter vermehrt auch internationale Anfragen. Das ist jetzt ne Reichweite, die auf jeden Fall neu ist für uns."

Erklärtes Ziel: Zumindest nicht wieder absteigen

Wie steht es um die sportlichen Chancen der Ingolstädter? Stefan Lex und sein Kapitän Marvin Matip geben sich selbstbewusst:

"I hob letztes Jahr net so viele Gegner gesehen, die besser waren als wir. Deshalb waren wir zu Recht ganz oben. Wir haben ein paar Jungs dazu bekommen, ich glaub, das tut uns gut, aber da wir alle Stammspieler eigentlich zusammen gehalten haben, bin ich gespannt, wie wir uns mit der Mannschaft schlagen."

"... wenn wir 100 Prozent fit sind und diesen Teamgeist und auch dieses Engagement vom letzten Jahr an den Tag legen, sind wir definitiv konkurrenzfähig und können sehr, sehr viele Mannschaften da oben auch ärgern."

Das findet auch Altfan Peter Kraus:

"Ja, ich trau's ihnen zu. Es wird zwar a ganz a harter Weg, aber ich hab grad gesagt: Platz 15 ist realistisch."

Einen ersten Dämpfer dürfte dieser Optimismus vor einer Woche bekommen haben, als die Ingolstädter in der ersten Runde des DFB-Pokals der Spielvereinigung Unterhaching unterlagen. 1:2 gegen einen Viertligisten? Im ersten Bundesliga-Heimspiel bekommt der Aufsteiger es mit der wieder erstarkten Borussia aus Dortmund zu tun. Sollte dem FCI ein ähnliches Schicksal drohen wie in der letzten Saison dem SC Paderborn - direkter Abstieg nach anfänglicher Euphoriephase? Veteran Moritz Hartmann gibt den Realisten.

"Wir werden natürlich vom ersten Tag an gegen den Abstieg spielen, ganz klar. Aber es wird 'n aufregendes Jahr, glaube ich. Es ist für viele das erste Bundesligajahr. Ich glaube, wir werden tolle Spiele haben und oft ein ausverkauftes Haus. Es wird einfach 'ne Riesensache für uns, und ich hoffe, wir sind am Ende über dem Strich."

Trainer Hasenhüttl legt sich fest:

"Jo, wir werden die Nase überm Strich haben. Davon bin ich überzeugt."

 

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