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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 06.01.2021

Autorin und Coach Syd AtlasZehn Worte zum Abschied

Moderation: Britta Bürger

Ein Porträt der Autorin Syd Atlas. (Copyright: Daniel Steinmetz)
Eine Liebesgeschichte, zu der das Verlassenwerden gehörte: die Autorin Syd Atlas. (Copyright: Daniel Steinmetz)

Syd Atlas hat ihren Mann mehrmals verloren: an die Krankheit ALS, die ihn verstummen ließ, dann an andere Frauen, schließlich an den Tod. Darüber hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie mit aufreibender Genauigkeit eine Liebesgeschichte erzählt.

Es begann mit einem Zittern der Zunge, dann kam die niederschmetternde Diagnose: Syd Atlas‘ Mann Theo litt an ALS. Die Krankheit ist unheilbar, führt zu Muskelschwund, Lähmungen, unausweichlich zum Tod. Auch der berühmte Astrophysiker Stephen Hawking starb daran.

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Ein Jahr nach der Diagnose konnte der Mann von Syd Atlas nicht mehr sprechen. Mit ihr und den beiden Kindern kommunizierte er über die Sprachausgabe seines Handys: "Eine weibliche britische Stimme, wir fanden das lustig", erinnert sich die gebürtige US-Amerikanerin.

Über die sechs Jahre zwischen dem Ausbruch der Krankheit und dem Tod ihres Mannes hat Syd Atlas ein Buch veröffentlicht. Um sich die Geschichte von der Seele zu schreiben und auch, um anderen Betroffenen Mut zu machen, "dass man viel mehr überstehen kann, als man glaubt". Und zu überstehen gab es einiges.

"Ein Halleluja auf Au-pair-Mädchen"

Während Theo immer hinfälliger wurde, arbeitete die Wahl-Berlinerin Atlas als Coach. Sie musste Geld verdienen, nicht nur für die aufwendige Pflege ihres Mannes, sondern auch für die Au-pair-Mädchen, die sich derweil um die Kinder kümmerten. "Ich kann nur ein großes Halleluja auf Au-pair-Mädchen sagen, denn die haben unser Leben gerettet", erzählt Atlas.

Die Beziehung zu ihrem Mann zerbrach allerdings. Im Angesicht des Todes begann er Affären mit anderen Frauen, verließ schließlich die gemeinsame Wohnung. Syd Atlas schildert das in ihrem Buch in aufreibender Genauigkeit, nicht als Abrechnung, sondern als eine "Liebesgeschichte": "Und das gehörte dazu."

Die Frage nach dem Warum

Nach der Trennung von ihrem Mann quälte sie lange die Frage "nach dem großen Warum". Doch schließlich fand sie die Kraft, Theo, der zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Augenlid bewegen konnte, die zehn für sie entscheidenden Worte zum Abschied zu sagen: "Bitte verzeih mir. Ich verzeihe dir. Danke. Ich liebe dich."

Heute lernt Syd Atlas, die sich als von Grund auf optimistischen Menschen beschreibt, wieder das Lachen. Ihre seelischen Wunden heilen. Es dauere aber sicher noch eine Weile, bis sie sagen könne: "Ich bin wieder ich selbst, ein neues ich selbst."

(pag)

Syd Atlas: "Das Jahr ohne Worte. Eine wahre Liebesgeschichte"
Wunderlich Verlag , Hamburg 2020
256 Seiten, 20 Euro

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