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Interview | Beitrag vom 09.10.2019

Autorin Kerstin Preiwuß"Die Sprache ist sehr kreativ in ihrem Wandel"

Kerstin Preiwuß im Gespräch mit Dieter Kassel

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Kerstin Preiwuß steht bei einer Lesung auf der Bühne vor dem Mikrofon.  (imago / gezett)
Zurzeit sei "bis" ihr Lieblingswort, sagt die Schriftstellerin Kerstin Preiwuß. (imago / gezett)

Kurze Wörter, Satzzeichen, Laute: Was wir im Kleinen tun, wenn wir uns schriftlich oder mündlich äußern, hat Kerstin Preiwuß für ihr Buch "Das Komma und das Und" untersucht. Sie wolle neugierig machen auf Themen jenseits der Grammatik, sagt die Lyrikerin und Romanautorin.

Dieter Kassel: Achten Sie bitte auf eine Wiederholung, die jetzt gleich vorkommt: Aber, ach, zu, nanu, und, da, hm, nanu. Ich habe das gestern tatsächlich aufgeschrieben, diese komplizierte Aneinanderreihung kurzer Worte, und da ist mir nicht aufgefallen, dass das "nanu" zwei Mal vorkommt. Das ist mir soeben aufgefallen, als ich mir diesen, naja, Satz kann man es nicht ganz nennen, diese Aufreihung noch mal angeguckt habe, und da stellt sich mir die Frage: Will mein Unterbewusstsein damit sagen, dass mein Lieblingswort "nanu" ist?

Ich weiß es nicht. Aber es ist interessant in dem Zusammenhang, in dem wir jetzt über diese und andere kurze Worte der deutschen Sprache sprechen wollen, denn wir sprechen darüber mit der Lyrikerin und Romanautorin Kerstin Preiwuß, und wir sprechen darüber, weil sie eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache verfasst hat, deren Titel lautet: "Das Komma und das Und".

Vielleicht ist es zufällig das "nanu", aber wahrscheinlich nicht, aber haben Sie eigentlich ein absolutes Lieblingswort?

Ein kleines Wort mit breitem Zeitspektrum

Kerstin Preiwuß: Das "bis" gefällt mir im Moment, auch gerade dadurch, dass ich dieses Buch geschrieben habe, denn es kann eine riesige Zeitspanne oder ein Wirkungsspektrum wiedergeben von der Alltagsfloskel, "bis die Tage", "bis einer heult", über "bis zur Hochzeit ist alles wieder gut", das hat man als Trost als Kind oft gehört, bis zum Ritus, "bis dass der Tod euch scheidet". Das ist schon ein ziemliches Spektrum.

Kassel: Und auf der anderen Seite kann es ja auch extrem exakt sein, denn wenn wir jetzt sagen, du musst da sein bis spätestens acht Uhr, ist es extrem konkret.

Preiwuß: Es ist extrem konkret, andererseits kann es auch extrem vage sein in der Bedeutung von "sehr", also wenn ich sage, "ich bin bis über beide Ohren verliebt", dann bin ich es gerade sehr und nicht nur ein bisschen.

Kassel: Das ist ohnehin interessant. Ich hatte spontan das Gefühl, ja, viele der Worte, über die wir hier reden werden, sind ja eben sehr exakt, und dann habe ich inzwischen das Gefühl bekommen, auch durch Ihr Buch, gerade die, bei denen man das am meisten vermutet, sind das gar nicht.

Ein Beispiel noch: Das Wörtchen "und" verbindet, und das "aber" trennt. Sie haben mir so eingepflanzt jetzt durch Ihr Buch: Selbst das stimmt nicht immer.

Preiwuß: Ja, das hat mich dann auch erstaunt, denn obwohl das "aber" ja trennt, hält es ja das Gespräch aufrecht, denn es erlaubt ja den Widerspruch. Das heißt, das Gespräch bleibt mit jedem "aber" fortsetzbar. Und es gibt ja auch nicht umsonst das Sprichwort: "Es ist kein Mensch ohne ein Aber". Und das "und" verbindet und kann auch etwas, zum Beispiel, wenn Sie an die Formel denken, "und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie bis heute", etwas gutmachen oder eine Beruhigung schaffen.

Mischformen zwischen Laut- und Schriftsprache

Kassel: Wir müssen uns jetzt auch an die Menschen richten, die immer sehr exakt und genau sind. Ich möchte einfach verhindern, dass ich E-Mails bekomme, wo dann steht, ja, Sie haben ja von Worten gesprochen, es ging ja nicht nur um Worte – streng genommen tatsächlich nicht. Es geht in Ihrem Buch zum Beispiel auch um das "ach", um das "ähm" oder sogar um das von mir übrigens sehr geliebte "hm". Das sind ja eigentlich keine Worte, das sind ja eigentlich Laute, oder?

Preiwuß: Ja, na, es geht um das, was wir tun, wenn wir uns sprachlich äußern, und ich habe ja nicht nur die kleinen Funktionswörter, so nennt man sie, also Partikel, Präpositionen, Pronomen, Konjunktionen meinem Gedankenspiel unterworfen, sondern auch die Laute, "ach", "aua", "ähm", die sozusagen noch Mischformen sind, also zwischen der Lautsprache und der Schriftsprache, in die wir uns ja mit unserer Entwicklung begeben haben, und sogar die Satzzeichen habe ich dazu genommen.

"Da kommt schon etwas Ikonisches in die Sprache"

Kassel: Apropos Satzzeichen oder überhaupt Dinge, die wirklich klar keine Worte mehr sind – Sie haben auch Dinge mit aufgenommen, wo man immer Probleme hat, wenn man darüber reden will, weil man sich immer fragen muss: Wie spreche ich das aus?

Bei Hashtag ist es noch einfach, obwohl das früher auch mal einfach das Zeichen für Nummer war, schwieriger wird es dann schon beim Asterisk, also sagen wir Sternchen, sagen wir Genderstern oder sonst was?

Das sind ja eigentlich Dinge in der Schriftsprache, die in der gesprochenen Sprache so schwierig sind. Das sind ja eigentlich, ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll, Sprachbilder. Wird unsere Sprache bildhafter durch so was?

Preiwuß: Ja, das ist eine Beobachtung, die ich dann gemacht habe. Dadurch, dass wir ja auch, wenn wir lesen, mittlerweile Verlinkungen mitlesen, Hashtag haben Sie gesagt, die ganzen Emojis, Emoticons und auch den Asterisken, so nennt man ihn, wahlweise als Eingabe Sternchen, wenn wir irgendwas im Internet eingeben sollen, Geheimnummern et cetera, oder in der aktuellsten Verwendung als Gendersterchen – da kommt schon etwas Ikonisches in die Sprache. Aber das ist Sprachentwicklung.

"Wir haben uns zum Komma hin entwickelt"

Kassel: Aber Sprachentwicklung heißt ja nicht immer nur, dass was Neues reinkommt, es verschwinden ja auch Dinge. Verschwinden ist ein bisschen extrem, aber sie werden seltener. Machen Sie sich eigentlich – ich tue das selber ein bisschen und ich hatte das Gefühl, Sie teilen das, beim Lesen Ihres Buches – ein bisschen Sorgen um das Komma?

Preiwuß: Nein, eigentlich mache ich mir keine Sorgen.

Kassel: Schade.

Preiwuß: Stellen Sie mal die Frage einem Leichtathleten oder dem Handel oder Mathematikern, das Komma ist ja dort auch ein Trennzeichen und eminent wichtig. Ansonsten denke ich, dass wir uns zum Komma hin entwickelt haben, ursprünglich von einem Pausenzeichen, auch, um Atem zu holen und um Pausen zu signalisieren, bis hin zu dem Schlüssel für unsere Argumentation.

Also was würde denn verschwinden ohne das Komma? Schlussfolgerungen, Widersprüche, die Steigerung der Intensität, wenn wir etwas ganz bewusst als sehr wichtig markieren wollen, Wiederholungen, die würden durch das Komma verschwinden. Und, Humor ist ja nicht der schlechteste Berater, wenn es um Sprache geht.

Was machen Sie denn mit dem Satz "ich mag meine Familie, kochen und meinen Hund"? Also ohne Komma wäre das eine ganz andere Bedeutung, die wir uns doch nicht vorstellen wollen.

Mündliche und schriftliche Sprache funktionieren ganz anders

Kassel: Ist bloß die Frage, was man gerne isst. Sie gehen mit vielen Dingen locker um. Wir haben das schon im Vorgespräch, als wir uns ganz kurz begrüßt haben, gemerkt: Ich bin manchmal empfindlicher als Sie. Lassen Sie uns, das ist eigentlich in Ihrem Buch überhaupt nicht wichtig, spielt fast keine Rolle, aber lassen Sie uns trotzdem kurz über Grammatik reden. Da kommt das Komma übrigens auch tatsächlich wieder ins Spiel, insofern passt es ganz gut.

Man müsste eigentlich folgenden Satz so konkret formulieren: "Ich rede gerade mit Ihnen, weil mich das Thema interessiert." Man sagt aber im Alltag oft: "Ich rede mit Ihnen, weil das Thema interessiert mich." Ich gebe zu, bevor es da jetzt E-Mails gibt, das passiert mir auch, aber ich ärgere mich, mich nervt das wahnsinnig. Nervt Sie das auch?

Preiwuß: Jein. Jetzt habe ich ja und nein vermischt. Einerseits gehen wir dann ja auch von der mündlichen Sprache aus, die funktioniert ganz anders als die Schriftsprache. Ich nehme mal an, wenn Sie einen Text schreiben, werden Sie das eben nicht tun.

Kassel: Aber wie lange noch nicht? Irgendwann wird auch der Duden sagen, es ist okay, oder?

Preiwuß: Die Sprache wandelt sich und die Sprache ist auch sehr kreativ in ihrem Wandel. Ich würde dann überlegen: Welche Bedeutung gewinnt das "das", also die Artikelsprache, oder dass man etwas in den Fokus rückt, Begriffe, Abstrakta. Welchen Satz haben Sie gerade gesagt? "Weil das interessiert mich"?

"Ich will gar nicht überzeugen, ich will neugierig machen"

Kassel: "Weil mich das Thema interessiert" oder "weil mich interessiert das Thema".

Preiwuß: Ja. Vielleicht geht die Aufmerksamkeit dann wesentlich mehr auf die Begriffe. Also Sie haben auch eine schleichende Abnahme der Präpositionen im Deutschen, habe ich herausgefunden, also so was wie "Dero Gnaden" wird es heute nicht mehr geben, war aber früher mal ganz gewöhnlich.

Kassel: Ja, Sie haben mich überzeugt.

Preiwuß: Ich will gar nicht überzeugen, ich will neugierig machen und Lust auf ein Themenfeld jenseits der grammatischen Vorschriften. Ich glaube, da kann jeder für sich sehr viel entdecken, und dazu will ich eigentlich mit meinem Buch einladen.

Kassel: Gut, aber dann sind wir uns jetzt an dieser Stelle – waren wir vorher ja zwischendurch auch schon mal – vollkommen einig. Das kann ich nur unterstützen. Das Buch "Das Komma und das Und" von Kerstin Preiwuß erscheint offiziell am Montag und, ich kommentiere das, ich finde das sehr lustig und sehr passend, es erscheint im Dudenverlag.

Kerstin Preiwuß: "Das Komma und das Und"
Mit Illustrationen von Pauline Altmann
Dudenverlag, Berlin 2019
144 Seiten, 15 Euro
Erscheint am 14. Oktober 2019

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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