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Im Gespräch | Beitrag vom 25.06.2019

Autorin Ina MilertDen Drogentod der Tochter verarbeiten

Moderation: Katrin Heise

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Ina Milert sitzt vor einer dunklen Wand und schaut zur Seite. (Niels Starnick/Bild am Sonntag)
Die Autorin Ina Milert (Niels Starnick/Bild am Sonntag)

Ina Milerts einzige Tochter Lea geriet mit 13 Jahren an die falschen Freunde und wurde drogenabhängig. Fünf Jahre und mehrere Entzugstherapien später sprang sie von einer Brücke und starb. Ihre Mutter hat jetzt ein Buch über Lea geschrieben.

Als Lea in Düsseldorf geboren wurde, war ihre Welt in Ordnung. Ihre Eltern lebten zusammen, gemeinsam zogen sie nach Berlin um. Leas frühe Kindheit war unbeschwert.

"Sie war fantasievoll und super hübsch, super süß, bis zum Ende eigentlich. Sie war klug, ein bisschen ängstlich. Und zurückhaltend."

Als sich ihre Eltern trennten, war Lea fast drei. Auch dann wurde sie umsorgt von ihrer Mutter, die erst wieder zu arbeiten begann, als Lea in der vierten Klasse war.

Falsche Schule, falsche Freunde

Ihre Großeltern und Freunde der Familie unternahmen viel mit Lea. Erst als sie keine Gymnasialempfehlung bekam und an eine Gesamtschule wechselte, bekam das Idyll Risse.

"Irgendwann hat sie sich geändert. Sie hat sich eher Freunde gesucht, die ihr unterlegen waren. Und hatte bald den falschen Freundeskreis und die Probleme begannen: Schule schwänzen, Stress zuhause, keine Hausaufgaben machen, klauen, Unterschriften fälschen. Heute würde ich sagen, das volle pubertäre Programm."

Doch bei Ina Milerts Tochter ging es weiter: In einem Chat mit ihrer Freundin schrieb sie, dass sie sich Heroin besorgen wolle. So erzählt es Leas Mutter Ina in einem Buch, das jetzt gerade erschienen ist.

Ina Milert: Tagebuch einer Sehnsucht. Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor
Hansanord, 189 Seiten, 14,90 Euro

Dazu hat sie auch das Tagebuch ihrer jugendlichen Tochter verarbeitet, das sie zum Teil schon vor deren Tod heimlich las.

"Sie hat aber immer gemerkt, wenn ich es gelesen habe, das hat sie auch in ihrem Tagebuch geschrieben."

Abrutschen in die Sucht

Ina Milert brauchte zwölf Jahre, um ihre Erinnerungen an ihre tote Tochter Lea wie verstreute Puzzlestücke zusammenzufügen. Das Bild, das dabei entstand, wirft viele Fragen nach den langfristigen Ursachen für Leas Verzweiflung auf. Heute, sagte Ina Milert, würde sie wahrscheinlich anders reagieren.

"Ich habe damals überhaupt nicht an Drogen gedacht. Ich hab bloß gedacht: Sie muss weg aus dieser Clique. Ich muss dazu sagen: Da werden jetzt wahrscheinlich viele sagen, die lügt, aber ich kam aus der DDR und ich hab keinen Bezug gehabt zu Drogen. Keine Idee. Ich hätte niemals erkannt, wie Cannabis riecht. Ich bin da vollkommen naiv und blind reingeschlittert."

Inneres Wachstum nach dem Trauma

Trotz der schrecklichen Katastrophe, die der Tod ihrer Tochter bedeutete, gibt es für sie ein Leben danach. Die Traumatisierung habe bei ihr auch zu innerem Wachstum geführt. Das Buch zu schreiben, half bei der Verarbeitung, ersetzt aber keine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Direkt nach dem Tod gab es eine psychologische Krisenintervention, sie ging zu Selbsthilfegruppen:

"Durch das Buch habe ich die Geschichte häufig erzählen müssen, erzählen wollen. Es geht mir dann zwar tendenziell ein bisschen schlechter. Aber es gibt wieder Tage, an denen es mir gut geht."

Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen, Suizidgefährdete und ihre Angehörigen:
Wenn Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden oder das auf einen Ihrer Angehörigen zutrifft, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen bzw. anzubieten. Hilfe bietet unter anderem die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (gebührenfrei) und im Internet unter telefonseelsorge.de.

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