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Im Gespräch | Beitrag vom 05.04.2021

Autorenpaar Christine und Frido MannDenkvergnügen über Grenzen hinweg

Moderation: Katrin Heise

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Frido Mann steht in nachdenklicher Pose in einem Gebäudeflur (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Der Schriftsteller Frido Mann: Intellektuelle Neugier, die über den Tellerrand hinausblickt. (picture alliance / dpa / Markus Scholz)

Sie schreiben über Quantenphysik, obwohl sie eigentlich Psychologen sind. Sie sind schon zum zweiten Mal miteinander verheiratet. Und beide stammen von Nobelpreisträgern ab: Christine und Frido Mann – ein in vieler Hinsicht außergewöhnliches Paar.

Gleich zu Beginn ihrer Beziehung spielten ihre berühmten Vorfahren eine Rolle: Wegen ihres Namens war der Theologiestudent Frido Mann 1964 auf seine Kommilitonin Christine Heisenberg aufmerksam geworden, Tochter des bedeutenden Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg. Er stellte sich ihr als Spross der Schriftstellerdynastie Mann vor – Thomas Mann, der Literatur-Nobelpreisträger, war sein Großvater. Was Christine wenig beeindruckte: "Thomas Mann sagte mir nicht besonders viel."

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Die beiden wurden ein Paar, und vor allem eines eint sie bis heute: intellektuelle Neugier, die über wissenschaftliche Fachgrenzen hinausgeht. "Denkvergnügen" nennt Christine Mann das. Beide haben Theologie und Psychologie studiert, sie außerdem Pädagogik, er auch Medizin. Beide schreiben Bücher – er Romane und Essays, sie pädagogische Werke.

"In Teufels Küche"

Im Rentenalter verfassten sie 2017 ihr erstes gemeinsames Buch – über Quantenphysik. Ziemlich gewagt, wie Frido Mann einräumt, denn vom Fach sind sie beide nicht. Aber fasziniert von den Wechselwirkungen zwischen Elementarteilchen und geistiger Welt. Den Floh hatte ihnen (Schwieger-)Vater Werner Heisenberg schon auf einem gemeinsamen Spaziergang 1975 ins Ohr gesetzt, bei dem der große Physiker über das Verhältnis von Materie und Geist philosophierte.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, Fridolin Mann und Christine Mann stehen im ehemaligen Arbeitszimmer von Thomas Mann, das in warmem Licht gehalten ist.Im Hintergrund befinden sich zahlreiche Bücher im Regal. (picture alliance/ dpa / Bernd von Jutrczenka)2018 besuchten Frido und Christine Mann (Mitte) gemeinsam mit Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und dessen Ehefrau Elke Büdenbender die Eröffnung des Thomas Mann Hauses in Los Angeles. (picture alliance/ dpa / Bernd von Jutrczenka)

Das ist auch das Thema ihres gemeinsamen Werks, dem kürzlich ein zweites gefolgt ist: Wie bedingen sich die kleinsten Strukturen der Materie – die Quanten – und das Denken sowie daraus folgendes Handeln gegenseitig? Keine leichte Kost, und bei Lesungen kamen die Manns manchmal "ein bisschen in Teufels Küche", wenn etwa Physiker im Publikum ihnen, den Psychologen, die Kompetenz für Quantentheorie absprachen.

Doch das ficht das Ehepaar Mann nicht an. Gerade mit ihrem Blick von außen könnten sie die philosophischen Konsequenzen der Quantenphysik oft besser erkennen als Spezialisten, meint Christine Mann. Zumal man den Rat eines befreundeten Gesprächskreises um den Physiker Thomas Görnitz eingeholt habe.

Ihr Buch schrieben sie via E-Mail

Als größeres Problem erwiesen sich beim gemeinsamen Schreiben der Eheleute die unterschiedlichen Arbeitsstile und Denkweisen.

Die Lösung: Christine und Frida Mann kommunizierten per E-Mail miteinander über die Fortschritte bei ihrem Buch, obwohl sie in der gleichen Wohnung leben. Christine war dabei mehr für den "physikalischen Input" zuständig, Frido für die sprachliche Umsetzung.

Sie haben drei Hochzeitstage

Nicht alle Probleme in einer Ehe lassen sich aber mit E-Mails lösen, etwa religiöse. Christine Mann war "sauer" als ihr Gatte unangekündigt aus der katholischen Kirche austrat, der sie – aus einer protestantischen Familie stammend – sich seinetwegen angeschlossen hatte. Später fanden sich beide in der evangelischen Kirche wieder.

Bei der Feier ihrer Hochzeitstage haben die Manns die Wahl zwischen mehreren Daten. Denn außer der kirchlichen hat es das Paar auf zwei standesamtliche Trauungen gebracht, zunächst 1966, nach zwischenzeitiger Scheidung erneut 1993. Wobei Christine den Namen Mann die ganze Zeit über beibehielt, denn da "denkt nicht jeder gleich an einen Nobelpreisträger" wie bei ihrem Mädchennamen Heisenberg.

Schreiben im Lockdown

Gemeinsam überstanden sie im vorigen Jahr Christine Manns Corona-Erkrankung. "Es hätte leicht passieren können, dass ich das nicht überlebe", erinnert sie sich.

Darum halten beide die Einschränkung vor Freiheiten trotz der damit verbundenen Härten für unumgänglich. Und nutzen die Zeit im Lockdown zum Schreiben: sie über Reformen im Schulwesen, er über Demokratie.

Mal wieder etwas anderes als Elementarteilchen.

(pag)

Frido Mann, Christine Mann (Hrsg.): "Im Lichte der Quanten. Konsequenzen eines neuen Weltbilds"
Wbg Theiss Verlag 2021
320 Seiten, 28 Euro

Frido Mann, Christine Mann: "Es werde Licht. Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik"
S. Fischer Verlag 2017
240 Seiten, 22 Euro

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