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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 03.06.2016

Autor und Schauspieler Erwin BernerVom schwierigen Erbe, ein Strittmatter zu sein

Erwin Berner im Gespräch mit UIrike Timm

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Erwin Berner (Foto: privat)
Autor und Schauspieler Erwin Berner (Foto: privat)

Erwin Berner legt großen Wert darauf, zwischen einem Schriftsteller und der dahinterstehenden Privatperson zu trennen - vor allem wenn es sich um die eigenen Eltern handelt. In seinem Fall waren es zwei der bekanntesten Schriftsteller der DDR: Erwin und Eva Strittmatter.

Ihr Werk, sagt der Autor und Schauspieler Erwin Berner, könne aushalten, was er von seiner Kindheit zu berichten hat - von Züchtigungen, Lieblosigkeit und Verachtung, die er und seine Brüder auf dem elterlichen Hof in Brandenburg zu ertragen hatten. Die Kinder, sagt Erwin Berner, störten den Vater, der schon damals als Vorzeigeschriftsteller der DDR galt. Sie habe sie meist als eine Art von Großknechten gesehen und behandelt.

"Das Schlimmste waren die Mahlzeiten. Mein Vater war wirklich ein ganz strenger Arbeiter, er hatte ein ganz strenges Reglement – aus heutiger Sicht bewundernswert – aber mit der Folge, dass er oft unzufrieden zu den Mahlzeiten kam, schweigend, und er dann jemanden brauchte, an dem er seinen Zorn abreagieren konnte oder seine Unzufriedenheit. Das waren dann oft seine Söhne."

Schon als junger Mann auf der Schauspielschule legte der 1953 in Ost-Berlin geborene Strittmatter-Sohn seinen berühmten Namen ab.

"Ich habe meinen ersten Film auf der Schauspielschule gemacht und der Regisseur hat gesagt, du hast es nicht nötig, unter diesem Namen zu filmen, such' dir einen anderen Namen."

Haus der Urgroßmutter als harmonischer Ort

Er nahm schließlich den Namen seiner Urgroßmutter an, deren Haus er im Nachhinein als einzig wirklich harmonischen Ort seiner Kindheit sieht. Für Erwin Berner war das Schauspiel der Weg heraus aus der familiären Enge im brandenburgischen Schulzenhof.

"Ich wollte mich völlig aufgeben in der Rolle – was absoluter Blödsinn ist aus heutiger Sicht. Aber damals, und das hat sicherlich mit Schulzenhof zu tun, wollte ich nicht der sein, der diese Spannungen ertragen hat, der sich als ungeliebt empfunden hat. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen."

Mittlerweile hat er seine Karriere als Film- und Theaterschauspieler zugunsten des Schreibens aufgegeben und zuletzt mit "Erinnerungen an Schulzenhof" seine Sicht auf das Leben im Haus Strittmatter veröffentlicht.


Warum Erwin Berner seine Zeugnisse fälschte, welche Rolle das Schauspiel in seinem Leben eingenommen hat und warum er sein Buch nicht als Abrechnung mit den Eltern verstanden wissen will - auch darüber spricht Ulrike Timm mit Erwin Berner bei der Sendung "Im Gespräch".

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