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Im Gespräch | Beitrag vom 11.08.2020

Autor und Regisseur Günter JeschonnekDer Dauerrenitente

Moderation: Katrin Heise

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Porträtfoto des Autors und Regisseurs Günter Jeschonnek (Beat Presser)
Mit dem SED-Regime geriet Günter Jeschonnek immer wieder aneinander. Am 10. Dezember 1987, seinem 37. Geburtstag, musste er schließlich die DDR verlassen. (Beat Presser)

Ausdauernd war Günter Jeschonnek schon immer - ob als 100-Kilometer-Läufer oder als kritischer DDR-Bürger. Und keinesfalls angepasst, weder in der Schule noch im Studium oder später als Theaterregisseur. 1987 wurde er aus der DDR ausgewiesen.

Er sei ein Preuße, sagt der 1950 geborene Günter Jeschonnek, einer der nicht locker lässt und durchhält. Dabei deutete anfangs nichts darauf hin, dass der zarte Junge, den die Großmutter in den Ferien mit Leber und kondensierter Milch aufpäppelte, einen so renitenten Charakter entwickeln würde. Wahrscheinlich als Reaktion auf seinen autoritären Vater, vermutet Jeschonnek.

"Ich will vor meinem Rentenalter in Paris sein"

Dieser war SED-Mitglied und hatte hohe Ansprüche an seine vier Söhne: Sie sollten alle Professoren werden. Aber Günter Jeschonnek wurde von seinem Vater schon mit 14 Jahren aus der Schule genommen und in eine Lehre als Agrartechniker gesteckt. Für den Jungen eine harte Zeit. Auf die Lehre folgte ein Studium zum Agraringenieur. Mit dem SED-Regime geriet er immer wieder aneinander. Er wollte kein "Leibeigener dieses Staates" sein, sondern selbst entscheiden, was er sagen kann und wohin er geht, betont er.

"Spätestens als 18-Jähriger habe ich dann gesagt: 'Ich will vor meinem Rentenalter in Paris sein, egal wie'. Diese SED-Diktatur habe ich im Innersten abgelehnt."

1973, das Agraringenieursdiplom in der Tasche, versuchte er, zusammen mit einem Freund, über Ungarn in den Westen zu fliehen. Auf keinen Fall wollte Günter Jeschonnek zum Militär. Aber bereits im sächsischen Pirna schnappte die Polizei die beiden. Direkt nachweisen konnten sie ihnen den Fluchtversuch zwar nicht, aber sie erhielten zur Strafe einen provisorischen Personalausweis – ein Stigma. Zur NVA musste Günter Jeschonnek dann doch.

Vom Agraringenieur zum Theaterregisseur

Als Wolf Biermann 1976 ausgebürgert wurde, fragte sich Günter Jeschonnek, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Er wollte die Karten noch mal neu mischen, bewarb sich am Institut für Schauspielregie in Berlin. Zu seinem großen Erstaunen bestand er die Aufnahmeprüfung. Dass er mit seiner Biografie genommen wurde - wie auch seine Kommilitonin, die spätere Bürgerrechtlerin Freya Klier, die wegen Fluchtversuch im Gefängnis gesessen hatte -  überraschte ihn.

"Wir haben dann interpretiert, dass nach der Biermann-Ausbürgerung auch so ein Ausbluten der Kunstszene stattgefunden hat. Und dass man vielleicht uns beiden, die renitent waren, die nicht auf der Linie lagen, wir waren ja nicht in der SED, dass man sagte: ‚Okay, denen geben wir 'ne Chance. Vielleicht werden sie feststellen, dass dieses System doch gar nicht so schlecht ist.‘"

"Stadt ohne Liebe"

1984 inszeniert Günter Jeschonnek am Senftenberger Theater ein Stück, das als Parabel für die DDR gesehen werden kann: "Stadt ohne Liebe". Dass diese politische Märchengroteske aufgeführt werden konnte, wundert Günter Jeschonnek noch heute.  "Alles ist grau, ohne Farbe, ohne Liebe, hinter Stacheldraht – das war für uns die DDR. Auch das Programmheft war dissidentisch." An dem waren auch Schülerinnen und Schüler aus Senftenberg beteiligt. Günter Jeschonnek hat sie mehr als 30 Jahre später wiedergetroffen – für ein Radioprojekt im Deutschlandfunk Kultur. In einer "Zeitfragen"-Sendung erzählen sie ihm, was aus ihnen nach dem Fall der Mauer geworden ist.  

Er selbst wurde am 10. Dezember 1987, seinem 37. Geburtstag, aufgefordert, mit Frau und Tochter zwei Koffer zu packen und das Land zu verlassen. Dem Vater die Wahrheit über seine Ausreise zu sagen, traut sich Günter Jeschonnek damals nicht.

 "Er hat mich dann sechs Tage später im Fernsehen gesehen, im Gespräch mit Dieter Kronzucker im ‚Heute Journal‘. Das war natürlich ein harter Hieb für ihn, dort seinen Sohn zu sehen, der die DDR, die SED natürlich ganz kritisch betrachtet und das im Interview sagt. Das war, glaube ich, ganz schmerzhaft für ihn."

(svs)

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