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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.03.2020

Autor über Viktor Orbáns Lehrplanreform"Ich glaube, er wird gewaltig auf die Nase fallen"

Wilhelm Droste im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, steht an einem Rednerpult. Im Hintergrund mehrere ungarische Flaggen. (dpa / Zsolt Szigetvary)
Ministerpräsident Viktor Orbán verstärkt den Druck auf Kultur und Lehre: nun sind die Stundenpläne dran. (dpa / Zsolt Szigetvary)

Orbán will Werke von Imre Kertész und Péter Esterházy aus dem Lehrplan streichen – zugunsten nationalistischer und antisemitischer Bücher. Dagegen formiert sich Widerstand. Der Autor und Wahl-Budapester Wilhelm Droste ist dennoch optimistisch.

Die Erklärung, das politische System in eine kulturelle Ära einbetten zu wollen, klingt ein wenig schwammig. Aber der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán weiß, was er will, und setzt seine Vorstellung von dem, was Kultur zu leisten habe, sukzessive in die Tat um. 

Nun werden Lehrpläne neu geschrieben: Die Werke des einzigen ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész sollen gestrichen werden, auch die des weltweit übersetzten Schriftstellers Péter Esterházy. Stattdessen sollen Bücher im Unterricht behandelt werden, die ungarische Kritiker als nationalistisch und antisemitisch einstufen.

Breiter Widerstand gegen die Reformpläne

Doch der Widerstand gegen diese neuen Lehrpläne wird immer größer, wie Wilhelm Droste berichtet: "Der Kulturminister hatte noch behauptet, es gebe geradezu überhaupt keine Gegenstimmen. Aber das ist spektakulär widerlegt." Seit vielen Jahren lebt der Schriftsteller in Budapest, wo er auch ein Kaffeehaus betreibt.

Ob die neuen Lehrpläne tatsächlich im September in Kraft treten werden, sei fraglich, sagt Droste, da der Widerstand breitflächig sei: Schüler, Lehrer, Eltern, Großeltern – sie alle seien mit diesem Vorhaben nicht einverstanden, sagt Droste. Auch viele Konservative seien gegen diesen Angriff auf die ungarische Kultur. 

"Kultur lässt sich nicht an die Leine nehmen"

Aber auch die Medien geraten immer mehr unter staatliche Kontrolle. Die Zeitschrift "Politico" berichtete kürzlich, dass Journalisten Berichte über sensible gesellschaftliche Bereiche vorher von staatlichen Institutionen genehmigen lassen müssen. Betroffen sind Fragen der Migration, der EU-Politik, aber auch kirchliche Themen.

"Das Traurige ist, dass die ganzen öffentlich-rechtlichen Medien absolut an der Hundeleine hängen und gar nichts machen dürfen ohne siebenfache Kontrolle", erklärt Droste. Dennoch zeigt er sich optimistisch: "Orbán kann diese Auseinandersetzung nicht gewinnen, weil Kultur sich nicht an die Leine nehmen lässt."

Erinnerung an Widerstand im Sozialismus

Die aktuelle Gegenreaktion schade ihm mehr, als dass sie ihm nütze. Orbán geriere sich wie ein höfischer Herrscher, der der Vorstellung nachhänge, um sich herum Gehorsam, auch im Feld der Kultur, aufbauen zu können. "Ich glaube, er wird gewaltig auf die Nase fallen."

Droste ist auch deswegen optimistisch, weil die aktuellen Proteste an eigentlich längst vergessen geglaubte Zeiten anknüpfen: "Also, die ganze ungarische Kultur stand auch im Widerstand zum Sozialismus und hat sich in eine unglaubliche Freiheit hineingesteigert."

Eine ähnliche Situation scheine sich hier wieder zu entwickeln. "Und ich glaube, dass die Kultur listig genug ist, sich dort durchzusetzen."

(ckr)

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