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Interview | Beitrag vom 04.07.2020

Autor über das Buch "Prinzessinnenjungs"Mehr Freiräume für die Söhne

Nils Pickert im Gespräch mit Dieter Kassel

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Nils Pickert läuft mit seinem Sohn die Straße entlang. Er trägt einen Rock, der Junge ein rotes Kleid. (Nils Pickert)
2012 zog sich Nils Pickert aus Solidarität mit seinem damals fünfjährigen Sohn einen Rock an und erregte damit einige Aufmerksamkeit. (Nils Pickert)

Der Feminist und Buchautor Nils Pickert wünscht sich mehr Freiräume für Jungen, damit diese so leben können, wie sie sich es wünschen. Er hat deshalb das Buch "Prinzessinnenjungs" geschrieben und setzt auf die Vorbildrolle von Eltern.

Viele haben feste Erwartungen an die Geschlechterrollen, die Jungen und Mädchen zu erfüllen haben. Der Feminist, Journalist und Vater Nils Pickert hat vier Kinder und deshalb das Buch "Prinzessinnenjungs" geschrieben, das Jungen mehr Freiräume eröffnen soll, selbstbewusste, glückliche Menschen zu werden - ohne "toxische Männlichkeit".  

Entscheidend sei, was Erwachsene den Kindern vorlebten, sagt Pickert. Deshalb habe er sich einst entschieden, aus Solidarität mit seinem Sohn Rock zu tragen. Der Junge habe Kleider und Röcke geliebt, sei aber als Fünfjähriger in der Kita beschimpft worden, wenn er sich so kleidete.

"Das hat ihn sehr verletzt, sehr traurig gemacht." Als er den Vater fragte, warum Männer keine Röcke tragen, sei der Gedanke entstanden, den Sohn in seinem Anliegen zu unterstützen. So sei das Bild entstanden, auf dem der Vater einen Rock und der Sohn ein Kleid trägt.   

Eine Geste für den Sohn 

"Diese Angst davor, dass der Junge ausgegrenzt werden und Gewalt erfahren könnte, die ist sehr konkret", sagt Pickert. "Damit müssen wir uns als Eltern befassen." Aber man könne Kinder nicht vor allem beschützen. 

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Ihm sei es bei der Entscheidung für das Tragen des Rocks vor allem um die Geste an seinen Sohn gegangen, so der Journalist. Die Leute hätten ihn stärker wahrgenommen als seinen Sohn. Sie hätten ihn "viel bekloppter" gefunden als seinen Sohn, "sodass er da unten machen konnte, was er wollte, nämlich einen Rock und ein Kleid tragen und sich dabei super fühlen."

Das Gespräch, dass sich daraus mit anderen Eltern und Erwachsenen ergeben habe, sei nicht sein Plan gewesen. "Das war weniger eine Ansage an die anderen, mehr an meinen Sohn: Du bist nicht das Problem, wir machen das gemeinsam - guck, wir haben Spaß zusammen." 

Spaß an der eigenen Identität

Pickert widersprach dem Vorwurf, er wolle aus Jungen Mädchen machen und umgekehrt. "Das wäre komplett absurd." Es gehe ihm darum, dass er die Dinge, für die sich Jungen begeisterten, als Vater nicht zu bewerten habe. Es gehe darum, Spaß an der eigenen Identität zu haben. 

Er sehe die MeToo-Debatte sehr positiv, denn sie ermögliche, über viele Themen neu zu sprechen: "Wie flirten wir? Wie sind die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern?"

Es würden viele Debatten gleichzeitig geführt, die schon lange überfällig seien. Dabei gehe viel durcheinander und werde vielleicht auch in einen Topf geworfen. "Da müssen wir durch. Ich hoffe zu einem Besseren." 

(gem)    

Nils Pickert: "Prinzessinnenjungs: Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien"
Beltz Verlag, Weinheim 2020
254 Seiten, 18,95 Euro

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