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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2018

Autor Lukas Rietzschel zu Chemnitz"Sachsen hat ein strukturelles Problem mit Rechtsextremismus"

Moderation: Julius Stucke

Ausschreitungen in Chemnitz (27. 8.2018). (dpa- news / AP / Jens Meyer )
Ausschreitungen in Chemnitz am 27.8.2018. (dpa- news / AP / Jens Meyer )

Hoyerswerda, Clausnitz, Heidenau - und nun Chemnitz: Immer wieder kommt es in Sachsen zu rechten Ausschreitungen. Autor Lukas Rietzschel, in Sachsen aufgewachsen, schreibt in "Mit der Faust in die Welt schlagen" über das Phänomen - und sieht eine alarmierende Entwicklung.

"Für Extremismus ist in Sachsen kein Platz", sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer am Dienstag auf einer Pressekonferenz nach rechten Ausschreitungen in Chemnitz. Aber wenn Kretschmer genau gewesen wäre, hätte er eigentlich sagen müssen: Es soll kein Platz mehr sein.

Denn seit Anfang der 1990er-Jahre war viel Platz, in dem sich Extremismus - Rechtsextremismus - in Sachsen ausbreiten konnte. Ob Hoyerswerda, Clausnitz oder Heidenau - und nun Chemnitz: Immer wieder waren Rechtextreme präsent. Die NPD war in Sachsen lange stark, nun ist die AfD hier besonders stark.

Lukas Rietzschel beschreibt in seinem Buch "Mit der Faust in die Welt schlagen", warum es diesen Platz für extreme Ansichten in Sachsen gibt. Das Porträt zweier Brüder, die nach der Wende in der sächsischen Provinz aufwachsen, erscheint kommende Woche.

"Mit der Faust in die Welt schlagen" – erleben wir das gerade in Chemnitz? "Wir erleben zumindest den radikalen Arm dieses Gefühls", sagte Rietzschel im Deutschlandfunk Kultur. Sein Buch sei der Versuch gewesen, "in Worte zu fassen, was da im Brauch grummelt." Das, was jetzt in Chemnitz passiert sei, gehöre - wie etwa auch Zwickau mit der NSU-Terrorzelle - zu den radikalen Ausläufern.

"Dahinter steht die AfD."

"Zivilgesellschaft immer stummer geworden"

Er erlebe nicht, was Ministerpräsident Kretschmer sage, dass für Extremismus ist in Sachsen kein Platz sei, so Rietzschel.

"Sachsen hat ein ganz klares, strukturelles Problem mit Rassismus und Rechtsextremismus."

Die Landesregierung sei auf dem rechten Auge blind - und das bereits über lange Jahre hinweg. Das habe man sich bislang nicht eingestehen wollen. Und solange der Ministerpräsident das nicht eingestehe, werde sich die Situation nicht verbessern, sondern "alles kleingeredet", erklärte Rietzschel.

Ist angesichts dessen, dass das Verhältnis von Rechtsextremen zu denjenigen, die dagegen auf die Straße gegangen sind, fast 5:1 zugunsten der Rechten war, die friedliche, schweigende Mehrheit in Sachsen keine Mehrheit mehr?

"Ich glaube, in Sachsen ist das leider passiert - vor einer ganzen Weile schon. Ich erlebe, dass die Zivilgesellschaft immer stummer geworden ist."

Sie sei zugleich stoischer geworden und glücklicherweise noch immer da. "Aber sie hat längst nicht mehr diese Präsenz."

Für die Entstehung des starken Rechtsextremismus in Sachsen sieht Rietzschel, der in Mitte der 90er-Jahre in Ostsachsen geboren wurde, vor allem die nach der Wende um sich greifende Arbeits- und Perspektivlosigkeit als wichtigen Nährboden. Hinzu komme die "Erfahrung des schwachen Staats", wie er sie nennt. Der Staat nach der Wende sei daher gekommen mit einem Wohlstandsversprechen, einem Glücksversprechen und habe Beteiligung versprochen. Viele Leuten hätten jedoch das Vertrauen in den Staat verloren - in die Struktur, die sie eigentlich halten sollte.

"Wenn Sie dann an die falschen Leute geraten, dann wird diese Wut auf einmal handfest und körperlich - und da sind wir gerade."

Eine Rolle bei der Entwicklung des Extremismus habe auch das konservative bürgerliche Milieu gespielt.

(abr)

Am Rande eines Stadtfestes in Chemnitz war am Wochenende ein 35 Jahre alter Deutscher durch Messerstiche getötet worden. Als Tatverdächtige gelten ein Syrer und ein Iraker. Am Sonntag zogen rechte Demonstranten durch die Stadt, von denen einige ausländische Passanten attackierten. Am Montagabend wurden bei neuen Protesten rechter und linker Demonstranten nach Angaben der Polizei 20 Menschen verletzt, darunter zwei Polizisten. (dpa)

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