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Im Gespräch | Beitrag vom 21.06.2018

Autor Fredy Gareis"Beim Reisen fühle ich mich am stabilsten"

Moderation: Susanne Führer

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Fredy Gareis  (Manolo Ty)
Fredy Gareis will nun mit einem Minivan die Welt bereisen. (Manolo Ty)

Er ist am liebsten unterwegs: Fredy Gareis interessieren vor allem die Figuren am Rande der Gesellschaft. Deshalb reiste er zuletzt mit Wanderarbeitern, den "Hobos", als blinder Passagier auf Güterzügen durch die USA. Ein Erlebnis mit Folgen.

Zwei Jahre ist Fredy Gareis als seine Eltern 1977 mit ihm von Kasachstan nach Deutschland ziehen. Er wächst in einem Arbeiterviertel der Opelstadt Rüsselsheim auf. Seine Mutter sei ein Lernmonster gewesen, erzählt Gareis und habe dafür gesorgt, dass er in Deutschland eine gute Ausbildung mache. Er studiert, geht zur Journalistenschule und arbeitet seit 2007 für bekannte deutsche Medien.

Drei Monate durch Russland und Kasachstan

Über die Tatsache, dass seine Mutter und deren Mutter im Straflager in Russland gesessen haben, wird in der Familie geschwiegen. Um Antworten auf die Fragen nach seiner russlanddeutschen Familiengeschichte zu finden, reist Gareis drei Monate durch Russland und Kasachstan.

In dem Buch "100 Gramm Wodka" schildert er 2015 die Erlebnisse und Erkenntnisse dieser Reise. Unterwegs zu sein, fasziniert ihn seit seiner Jugend. Die ersten Reiseerfahrungen sammelte er beim Lesen von Büchern. "Ich bin überhaupt nicht auf der Flucht vor mir selbst, sondern vielleicht ist es eher eine Flucht zu mir selbst."

Die radikale Freiheit der Hobos

In seinem aktuellen Buch "König der Hobos" schildert Gareis seine Erlebnisse mit heimatlosen, nordamerikanischen Wanderarbeitern, die als blinde Passagiere auf Güterzügen kreuz und quer durch die USA reisen. Das Leben dieser Menschen habe bei ihm etwas zum Schwingen gebracht. Er habe von ihnen gelernt, welch ein Irrweg es sei, das Glück auf dem Kontoauszug zu suchen anstatt zu erkennen, wie wenig der Mensch zum Leben brauche:

"Heutzutage wird sehr gerne rumgeworfen mit dem Begriff der Freiheit – vor allem von allen Werbetreibenden, was mich immer wirklich maßlos ankotzt, wenn ich durch den öffentlichen Raum gehe. Und die Hobos leben Freiheit, wie sie weh tun kann. Es ist eine sehr radikale Form der Freiheit – fernab aller Sicherheit. Und das hat mich zu ihnen hingezogen. Und was ich dann von ihnen gelernt habe, hat das noch einmal bestätigt."

Vor kurzem hat Fredy Gareis seine Wohnung in Hamburg aufgegeben. Jetzt will er zusammen mit seiner Freundin in einem Minivan die Welt bereisen. Ein radikaler Schnitt mit offenem Ende, aber "beim Reisen fühle ich mich am stabilsten", sagt er.

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