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Im Gespräch | Beitrag vom 14.04.2021

Autor Andreas Steinhöfel„Du musst den Kindern auf Augenhöhe begegnen“

Moderation: Marco Schreyl

Der Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel schaut vor einer Treppe etwas grimmig in die Ferne. (Dirk Steinhöfel)
Kindern könne man einiges zumuten, sagt Autor Andreas Steinhöfel. Man dürfe sie aber nicht damit allein lassen. (Dirk Steinhöfel)

Andreas Steinhöfel gehört zu den erfolgreichsten Kinderbuchautoren Deutschlands. Mit seiner „Rico und Oskar“-Reihe hat er ein Millionenpublikum erreicht. Jetzt will er Romane für Erwachsene schreiben.

"Jeder Erwachsene kann sich zurückversetzen in seine Gefühlslage, die er als Kind hatte oder auch in sein zurückliegendes, kindliches Denken. Das ist, glaube ich, Voraussetzung dafür, um gut für Kinder erzählen zu können", sagt Andreas Steinhöfel. Leider hätten viele erwachsene Menschen diese Fähigkeit verlernt. Sie haben, wie es Erich Kästner einmal formulierte, "ihre Kindheit abgelegt wie einen zu eng gewordenen Mantel". Das sei bei Kinderbuchautoren anders. "Da ist der Zugang zum Kindsein unverstellt." Sein Credo: "Du musst den Kindern auf Augenhöhe begegnen."

Für Andreas Steinhöfel heißt das: "Ich kann auch gern mal mit zwei Nebensätzen reden, ich kann dann auch gern mal ein Fremdwort benutzen, dass das Kind vielleicht nicht versteht, aber eine Ahnung hat, was gemeint sein könnte. Das heißt, ich gehe mit dem Kind, das ich anschreibe, fast genauso um wie mit einem erwachsenen Leser."

Dabei möchte Steinhöfel vor allem Realität abbilden, mutet seinen jungen Lesern einiges zu. In seinen Büchern werden sie konfrontiert mit Entführungen, Vernachlässigung, Freitod: "Wenn man es entsprechend verpackt, kann man Kindern viel zumuten", meint der Autor, "man darf sie nur nicht damit allein lassen".

Aufwachsen im Wald

Andreas Steinhöfel ist mit seinen beiden jüngeren Brüdern in der hessischen Kleinstadt Biedenkopf aufgewachsen. Ein Mittelgebirgsidyll. Ständig war er draußen, stromerte durchs Gehölz. Die Natur und die Ruhe seien für ihn immer wichtig gewesen, sagt er. Jeden Tag musste er eine halbe Stunde durch den Wald zur Schule laufen, nachmittags gab es nur eine Regel: "Komm nach Hause, wenn es dunkel wird."

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Diese Freiheit endete allerdings, als er zwölf war. Seine Eltern gründeten ein Taxi-Unternehmen und die Kinder mussten mit anpacken. Im Wechsel mit seinem Bruder Dirk hatte er Telefondienst, nicht selten bis in die Nacht. Und es gab noch mehr Härten in seiner Kindheit: "Das war leider ein sehr jähzorniger und zu Brutalität neigender Vater. Der hat draufgehauen und aus Eifersucht Haustiere umgebracht. Aber zum Glück hatten wir eine sehr liebevolle Mutter, die das abfedern konnte."

Dazu kamen finanzielle Probleme, weil der Vater häufig Schulden machte. "Ich hatte immer Angst, wir landen im Armenhaus oder ich muss ins Waisenhaus, weil die Eltern eingesperrt werden, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können." Das sei wahrscheinlich auch der Grund, warum er heute ein so sicherheitsbedürftiger Mensch sei. Seine unterschiedlichen Tätigkeiten als Drehbuchautor, Rezensent und Übersetzer seien "aus dem Wunsch erwachsen, mich selber finanzieren und weiter schreiben zu können".

Vom Lehrer zum Autor

Seine Liebe zur Natur brachte ihn auf die Idee, Biologie auf Lehramt zu studieren. Das stellte sich allerdings bald als Missverständnis heraus. Ein Schulpraktikum öffnete ihm die Augen: "Was mir extrem zu schaffen gemacht hat, war: diese 30 auf dich gerichteten Augenpaare, in die du reinschaust. Und denkst: Okay, ich kann jetzt vielleicht erklären, was Fotosynthese ist, aber was mach ich denn, wenn mir eine ganz andere Frage gestellt wird, also wenn es ins Persönliche oder Zwischenmenschliche geht, weil das Kind ein Problem hat? Und da habe ich eine Höllenangst vor der Verantwortung bekommen."

Die Angst vor der Verantwortung hat sich schon lange gelegt. Steinhöfel ist in regem Kontakt mit seinen jungen Lesern und begleitet sie bei der Lösung ihrer Probleme, wenn sie ihn in ihren Leserbriefen daran teilhaben lassen.

Der intime Vorgang des Schreibens

Schreiben sei ein unglaublich intimer Vorgang, sagt Steinhöfel. Man müsse sich als Autor "komplett nackt machen" – und hoffen, dass es der Leser nicht sieht. Aber das habe er als Kind schon geübt: "Ich war ja so ein kleiner, dicker, verklemmter Schwuler, mit einer dicken Brille noch dabei. Dass du dann unangreifbar wirst, wenn du deine Schwächen total nach außen kehrst, also den Leuten im Prinzip freiwillig die Munition in die Hand gibst, bedeutet, dass die Leute gar nicht den Charakter als Munition erkennen, weil jeder denkt: Der wird ja nicht so doof sein und sagt mir was, was ihn wirklich treffen könnte." Das habe immer gut funktioniert.

Nach 18 Jahren in Berlin, wo er unter anderem seine erfolgreiche "Rico und Oskar"-Reihe schrieb, kehrte Andreas Steinhöfel in seine hessische Heimat zurück. In seinem vorerst letzten "Rico und Oskar"-Band streifen die beiden Freunde durchs Unterholz.

"Egal, wo ich in meinem Leben war, ich habe immer Heimweh gehabt", sagt Steinhöfel. Spätestens nach drei Monaten sei er immer wieder nach Biedenkopf gefahren. Zum Teil, um seine Familie zu sehen, aber auch "weil ich nicht gut ohne Wald sein kann und ohne Mittelgebirge." Und das läge wohl an seiner im Wald verbrachten Kindheit.

(kuc)

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