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Tonart | Beitrag vom 07.06.2021

Autobiografie von Sinéad O'Connor"Vielleicht ist dieses Buch mein wichtigster Song"

Elissa Hiersemann im Gespräch mit Oliver Schwesig

Die Sängerin und Komponistin Sinead O'Connor vor lila Hintergrund, Sie trägt einen Schleier und ein dunkles Oberteil. (imago / Pacific Press Agency / Alessandro Bosio)
Sinead O'Connor im Jahr 2020: In ihren Memoiren kämpft sie um die Deutungshoheit über ihr Leben. (imago / Pacific Press Agency / Alessandro Bosio)

Sinéad O'Connor wurde mit "Nothing Compares 2 U" zum Weltstar. Gut dreißig Jahre später erscheinen ihre Memoiren. Zudem hat die irische Musikerin das Ende ihrer Karriere angekündigt. Ihr nächstes Album soll ihr letztes sein.

Sinéad O'Connor hat ihre Autobiografie "Rememberings" veröffentlicht und gibt dort tiefe Einblicke in ihr Leben, von der Kindheit über ihre erfolgreichste Phase Anfang der 90er-Jahre, als sie mit "Nothing Compares 2 U" einen Welthit landete, bis zu ihrem Leben heute.

Offener Umgang mit psychischen Erkrankungen

Nicht zuletzt seien diese Memoiren auch eine Geschichte psychischer Erkrankungen, berichtet Kritikerin Elissa Hiersemann: "Sinéad O'Connor leidet an einigen." Sie habe zehn Prozent bipolare Störung, 40 Prozent posttraumatische Belastungsstörung, und der Rest sei eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, habe die Irin einmal aufgelistet.

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"Sie war auch in den vergangenen sechs Jahren permanent in Behandlung", sagt Hiersemann. Das Buch sei denn auch unter anderem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am St. Patrick's University Hospital in Dublin gewidmet, die sich um sie gekümmert hätten. "Es geht ihr derzeit gut. Aber sie weiß auch, dass das möglicherweise nicht von Dauer ist."

Letzte Schritte der Musiklaufbahn

Auf Twitter schrieb O'Connor anlässlich der Veröffentlichung des Buches vergangene Woche: "Vielleicht ist dieses Buch mein wichtigster Song." Zudem kündigte die 54-Jährige gerade erneut das Ende ihrer Musikkarierre an, wie schon einmal im Jahr 2003. Ihr neues Album "No Veteran Dies Alone", das 2022 erscheinen soll, werde ihr letztes sein.

Album und Buch würden dann also einen Schlusspunkt setzen unter eine Karriere von gut dreißig Jahren im Musikbusiness und nach dann elf Alben. Außerdem ist die Sängerin Mutter von vier Kindern und hat zwei Enkel, ist zum Islam konvertiert und hat den Namen Shuhada' Sadaqat angenommen. 

Elissa Hiersemann ist von dem Buch begeistert: "Es ist gerade heraus geschrieben, flink und gewandt, streckenweise ist das ziemlich amüsant. Und das Buch ist im Präsens geschrieben, was ich einen schönen Kniff finde." So fühle man sich näher an allem, was geschieht.

"Besonders den ersten Teil kann man nur schwer weg legen", sagt Hiersemann. Man lerne durch O'Connors Leben viel darüber, was zerrüttete Familienverhältnisse mit Kindern machen, über die Wut der Eltern, die weitergegeben wird, man lerne viel über das Verhältnis von Irland und Großbritannien, über die katholische Kirche in Irland - und eine Menge über Repressionen und Missbrauch.

Missbrauch während Sinéad O'Connors Kindheit

O'Connors Kindheit vollzieht sich in den 1980er-Jahren im erzkonservativen katholischen Irland, Vater und Mutter trennen sich früh, dürfen sich aber nicht scheiden lassen, erzählt Hiersemann: "Sinéad und einer ihrer Brüder bleiben bei der Mutter, die Mutter missbraucht ihre Tochter. Sinéad O'Connor muss sich die Kleider ausziehen, sich auf den Boden legen und dann schlägt die Mutter immer wieder zu, dabei muss das Kind sagen: 'Ich bin ein Nichts.'" Davon zu lesen, sei streckenweise nur schwer zu ertragen.

Sinéad sei dann zum Vater und dessen neuer Frau gekommen, die mit ihr jedoch hoffnungslos überfordert gewesen seien und sie zu Nonnen in ein Internat geschickt hätten: "Aber auch das bringt nichts, und der Missbrauch geht auch da weiter", schildert Hiersemann das Leben der Heranwachsenden. "Das einzige Ventil für dieses junge Mädchen und ihre unglaubliche Wut scheint die Musik zu sein: Da kann sie alles rauslassen."

Ihr Debüt "The Lion & the Cobra" erscheit 1987, drei Jahre später kommt der Song "Nothing compares 2 U", das Album dazu "I Do Not Want What I Haven't Got" wird für mehrere Grammys nominiert.

Wendepunkt zerrissenes Papstbild

Nach diesem grandiosen Erfolg tourt O'Connor durch die USA und wird Anfang der 1990er-Jahre in die Sendung "Saturday Night Live" eingeladen. Diese Show teilt ihre musikalische Karriere in zwei Teile, erklärt Hiersemann:

"Das ist ein Wendepunkt in ihrem Leben. Sie singt zwei Songs, unter anderem Bob Marleys Lied 'War'. Sie ändert den Text etwas, aus 'racism', Rassismus, macht sie 'child abuse', also Kindesmissbrauch. Und am Ende des Songs zerreißt Sinéad O'Connor vor laufender Kamera ein Bild von Papst Johannes Paul II."

Eigentlich gebe ihr die Geschichte Recht, meint Hiersemann: Ein paar Jahrzehnte nachdem Sinéad O'Connor der katholischen Kirche Kindesmissbrauch vorgeworfen habe und dafür geächtet worden sei, habe sich die katholische Kirche nun für Kindesmissbrauch im großen Stil entschuldigen müssen.

"Für Sinéad O'Connor gibt es ein Leben vor diesem Ereignis und eins danach. Interessant ist, dass das Ereignis für die meisten Leute der Zeitpunkt ist, wo Sinéad O'Connors Karriere entgleist." O'Connor selbst sehe das aber anders, erklärt Hiersemann: "Für sie kam die Entgleisung schon eher, und zwar, als ihr zweites Album überall auf Platz eins war", erläutert Hiersemann.

Deutungshoheit über ein Leben

"Das Zerreißen des Papstbildes hat Sinéad O'Connor ihrer Meinung nach zurück in die Spur geschickt. Denn sie war eigentlich immer ein Punk, der plötzlich ein Popstar im Mainstream wurde. Das war nie ihre Absicht. Sie sagt, alles, was sie wollte, war, sich ihre unfassbare Wut auf alles von der Seele zu schreien. Sie wollte nie einen Nummer-1-Hit haben."

"Rememberings" sei daneben auch ein Buch über Frauen im Musikbusiness, die nach wie vor eher hübsch aussehen sollten als ihre Meinung sagen. Den zweiten Teil mit viel Celebrity-Klatsch hätte sie nicht unbedingt gebraucht, sagt Hiersemann. Sie vermute, Sinéad O'Connor habe auch ein paar Dinge klarstellen wollen, es gehe ihr wohl auch um die Deutungshoheit über ihr Leben.

(mfu)

Sinéad O'Connor: "Rememberings"
Sandycove / Penguin, Dublin 2021
304 Seiten, ca. 25 Euro
(Auch als Hörbuch erhältlich, gelesen von O'Connor)

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