Seit 20:03 Uhr Konzert

Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2007

Auswege aus der Erziehungskatastrophe

Micha Brumlik (Hrsg.): "Vom Missbrauch der Disziplin", Beltz Verlag, Weinheim 2007, 246 Seiten

Podcast abonnieren
Schüler einer Grundschulklasse (AP)
Schüler einer Grundschulklasse (AP)

Wochenlang lag die Streitschrift des ehemaligen Direktors des Internats Schloss Salem Bernhard Bueb "Lob der Disziplin" in den Bestsellerlisten weit vorn. Dann mischten sich acht renommierte Wissenschaftler - Pädagogen, Psychologen, Neurobiologen - in die Diskussion ein und sorgten für Gegenwind. Entstanden ist das Buch "Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb".

Klug argumentieren in dem Buch acht Wissenschaftler und Publizisten, warum es mit der Disziplin nicht so simpel ist, wie Bernhard Bueb das behauptet. Der empfahl in seinem Bestseller "Lob der Disziplin", mit einer Mischung aus Furcht, Macht und Liebe die deutsche Erziehungskatastrophe zu beenden. Aus ihrem jeweiligen Fachgebiet stellen die Autoren pädagogische, psychologische, historische, neurobiologische Einsichten dar. Gemeinsam attestieren sie dem ehemaligen Schulleiter und all jenen, die ihm in den zurückliegenden Monaten applaudierten, vor allem eines: Sie haben die Zeit verfehlt. Versprochen waren Antworten für Erziehungs- und Bildungsfragen des 21. Jahrhunderts. Ein "Lob der Disziplin" kann aber nur ein Rückgriff auf alte, konservative und hierzulande leider immer noch nicht verbrauchte Muster sein. Damit wollen sie sich nicht abfinden und laden mit ihrem Buch ebenfalls zur Auseinandersetzung, zum Streit ein.

Genügt der von Bueb empfohlene Rückgriff auf Strafe und Kontrolle, um der heutigen Krisensituation im Bildungs- und Erziehungswesen Herr zu werden, fragt der emeritierte Erziehungswissenschaftler Hans Thiersch und sagt klar: Nein. Er bedauert, dass mit dem Verweis auf Disziplin auch von den Lehrern verlangt wird, überkommene Schul-, Lehr- und Unterrichtsstrukturen zu akzeptieren, die nicht den Lernbedürfnissen der Kinder entsprechen und die Pädagogen selbst unzufrieden machen.

Der Psychologe Wolfgang Bergmann hat in seiner Praxis in Hannover Kinder und Jugendliche vor sich, die zappeln oder in eine virtuelle Welt flüchten. Noch mehr Härte können diese Kinder nicht ertragen, meint er, auch wenn er weiß, dass für geschwächte Seelen autoritäre Lösungen schon immer eine Versuchung waren.

Der Publizist Claus Koch zeigt, wie bruchlos in den 50er Jahren im Westen die nationalsozialistischen Erziehungsschriften, um einige Vokabeln bereinigt, wieder aufgelegt wurden und dass sich die 68er gerade dagegen in der politischen Debatte auflehnten.

Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen verweist auf die männerbündische, autoritäre, letztendlich frauenfeindliche Position von Bueb, und ihre Kollegin Karin Amos unterstützt dies durch eine Beschreibung der undemokratischen Elitebildung, wie sie an klassischen britischen und US-amerikanischen Internaten üblich ist.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer bringt von allen Autoren Buebs Verzweiflungsschrei noch die meiste Sympathie entgegen. Allerdings beschreibt er zugleich sehr verständlich, warum sich mit Freude Gelerntes in unser Gedächtnis leichter einschreibt und unter Furcht und Druck aufgenommener Stoff immer auch wieder diese negativen Gefühle erweckt, wenn er reproduziert wird, das heißt, was das Schwierige an einer Disziplinierung à la Bueb ist.

Gleichzeitig thematisieren die Autoren, warum die Thesen des pensionierten Internatsleiters unter den gegenwärtigen Krisenverhältnissen in einer globalisierten Welt auf fruchtbaren Boden fallen: Sie versprechen, die Angst zu bannen, die uns die entgrenzte Welt einflößt, und sind jenen Neoliberalen sehr willkommen, die vor allem funktionierende Menschen brauchen. Dass mit solchen auf Unterordnung und Effizienz getrimmten jungen Leuten unser Land die Herausforderungen der Wissensgesellschaft gerecht werden kann, bezweifeln die Autoren deutlich. Disziplinierung mit Macht, wie sie Bueb vorschwebt, wird kaum kreative, neugierige Menschen hervorbringen.

Dabei sind sie sich einig: Es geht nicht ohne Disziplin. Kindern brauchen begründete Regeln und ein waches, aufmerksames, wohlwollendes Gegenüber, das diese Regeln vertritt und selbst lebt, sie brauchen Respekt für ihre Bedürfnisse, wie Erziehende, die sich selbst respektieren und in der Gesellschaft geschätzt werden. Welches Manko Heranwachsende in unserem Land gegenwärtig erleben, erwähnen die Autoren nur am Rande. Sie konzentrieren sich auf den Widerspruch.

Es ist keine leicht verdauliche Kost, die uns Micha Brumlik mit dieser Textsammlung anbietet. Die Wissenschaftler servieren uns keine eingängigen Formeln, die sich schnell aufsaugen und umsetzen lassen. Dennoch: Es ist ein Vorzug des Buches, dass die Wissenschaftler Bueb ernst nehmen und ausloten, woher er seine Ideen holt und wohin ihre Verwirklichung führt bzw. führte und darüber zu diskutieren auffordern. Welches Bild hat die Gesellschaft vom Kind? Wie bereichern bereits heute Kinder und Jugendliche unser Land und welche Bedingungen, auch welchen Umgang brauchen sie?

Allerdings ist es zu bedauern, dass sich die Autoren in ihrer Auseinandersetzung - auch gleiche Zitate wiederholend – immer wieder nur auf den 67-jährigen Bueb beziehen, kaum aber auf die Mädchen und Jungen, in deren Interesse sie sich zu Wort meldeten. Was halten sie denn von Disziplin? Wie erleben sie uns Erwachsene als Vorbild? In diesem Sinne darf man auf die nächsten Widerworte auf das "Lob der Disziplin" gespannt sein.

Rezensiert von Barbara Leitner

Micha Brumlik (Hrsg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb
Beltz Verlag, Weinheim 2007
246 Seiten, 12,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur