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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.01.2019

Auswahl zum Theatertreffen Solide, aber wenig divers

Ein Kommentar von Susanne Burkhardt

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Das Bild zeigt die Glas-Fassade des Hauses der Berliner Festspiele mit dem weißen Schriftzug "Theatertreffen". (dpa / Florian Schuh )
Blick auf die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele, wo das Theatertreffen stattfindet. (dpa / Florian Schuh )

Wer sich ärgert, weil er in der vergangenen Theater-Saison was Großes verpasst hat, darf hoffen: Beim Theatertreffen im Mai in Berlin haben Bühnen-Begeisterte die Chance, die zehn besten Produktionen des Vorjahres zu sehen.

Das Prozedere geht so: Das Presse-Publikum lauscht der Verkündigung und den Erläuterungen der Theatertreffen-Jury. Dann wird durchgezählt: wie viele Frauen in der Regie, wieviel Provinz, was kommt aus neuen Bundesländern, wie politisch und ästhetisch wegweisend ist die Auswahl? Wie viele Klassiker sind dabei und wie viele Stück-Entwicklungen.

Drei Stücke aus der freien Szene

Anschließend wird gemäkelt – über all das was fehlt. Doch zunächst das Positive: Gleich drei Arbeiten aus der freien Szene haben es in die Auswahl geschafft: das Kollektiv "She She Pop" mit seinem Eigentums-Lehrstück "Oratorium", eine Produktion des "Hebbel am Ufer" in Berlin, dazu eine Arbeit des Schweizer Nebelliebhabers Thom Luz und "Unendlicher Spaß" in der Regie von Thorsten Lensing - Hochglanz-Startheater und eher untypisch für die Freie Szene. Alles Produktionen mit bis zu neun Kooperationspartnern, freie Häuser genauso darunter wie Stadttheater.

Viele Koproduktionen

Die erfolgreiche Arbeit dieser Häuser (Kampnagel Hamburg ist z.B. an allen drei Inszenierungen beteiligt) ist aber auch ein Beleg dafür, wie sehr die freie Szene inzwischen auf Kooperationen angewiesen ist: man braucht viele Partner im Boot, um viele Fördertöpfe abgreifen zu können. Vom Modell des Tourens ihrer Arbeiten durch verschiedene Städte profitieren die freien Gruppen in jedem Fall.

Und sonst? Immer noch zu wenig Frauen, keine Provinz, als gäbe es in all den hunderten kleineren Stadttheatern nichts Überraschendes, Mitreißendes, Ungewöhnliches. Immerhin dreimal Osten, dazu viele altbekannte Regiehandschriften, die Themen: politisch ausbaufähig.

Wenige Klassiker

Die Auswahl zum diesjährigen Theatertreffen – solide. Auffällig: der Verzicht auf den Theaterkanon in Form von Klassikern. Die schaffen es nur noch komplett neugetextet auf die Bühne: z.B. mit Simon Stones "Hotel Strindberg" oder Peter Lichts Neufassung von Molieres "Tartuffe" – inszeniert von Claudia Bauer für das Theater Basel.

Aus Dresden kommen zwei Romanadaptionen: Theatertreffen-Stammgast Ulrich Rasche lässt seine Darsteller zu Agota Kristofs "Das große Heft" bei mantra-artiger Musik aufmarschieren; Sebastian Hartmann bringt Dostojewskis "Erniedrigte und Beleidigte" mit epileptisch krampfenden Schauspielern auf die Bühne. Anna Bergemann - auch dies eine Koproduktion - erzählt den Experimental-Film "Persona" als Bühnen-Spiel um weibliche Identität mit wechselnder Besetzung.

Weißes Theater für weiße Leute?

Die schwarze Schauspielerin Thelma Buabeng nennt diese Auswahl "Weißes Theater für weiße Leute". Harte Worte, die aber deutlich machen, wie wenig sich Perspektivwechsel, die bei mehr Diversität auf und hinter der Bühne entstehen könnten, noch immer in den Arbeiten spiegeln, die an den Theatern entstehen und die die Theatertreffen-Auswahl präsentiert.

Strukturen ändern sich nur langsam. Theater werden internationaler, die vielen Kooperationen belegen das. Theater öffnen sich für Diskurse, das Bewußtsein für Gendergerechtigkeit und Machtmißbrauch wächst oder ist erwacht. Es sollte nicht mehr allzu lange dauern, bis dieser Wandel auch in der Theatertreffen-Auswahl zu erkennen ist.

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