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Studio 9 | Beitrag vom 09.05.2018

Australier nutzt Schweizer SterbehilfeHoffnung auf das Recht der eigenen Entscheidung

Von Dietrich Karl Mäurer

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David Goodall (Deutschlandradio / Dietrich Karl Mäurer )
Der australische Wissenschaftler David Goodall wünscht sich ein liberaleres Denken gegenüber Sterbehilfe. (Deutschlandradio / Dietrich Karl Mäurer )

David Goodall ist 104 Jahre alt. Nach einem gescheiterten Suizid-Versuch ist der australische Wissenschaftler in die Schweiz gereist. Dort will er die erlaubte Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Aber das ist nicht sein einziges Anliegen.

Dicht an dicht drängten sich die Journalisten mit ihren Mikrophonen und Kameras im Frühstücksraum eines kleinen Hotels in Basel. David Goodall - mit 104 Jahren Australiens ältester Wissenschaftler - wird mit einem Rollstuhl in den Raum geschoben. Weißes Haar, die Augen fast geschlossen. Auf seinem Pullover steht der Schriftzug: Schmachvoll alternd. Er will der Weltöffentlichkeit noch einmal erklären, warum er seinem Leben ein Ende setzen möchte:

"Wenn man mein Alter erreicht hat, sollte man frei den Tod frei wählen können, wenn es die angemessene Zeit ist. Meine Möglichkeiten haben sich in den letzten ein, zwei Jahren mehr und mehr verschlechtert. Seit sechs Jahren sehe ich immer schlechter. Ich möchte nicht länger leben."

David Goodall erlebte einen gescheiterten Suizidversuch und einen Sturz in seinem Haus in Perth. Schließlich knüpfte er mit Hilfe seiner Tochter Kontakt zu Sterbehilfeorganisation Exit International, die ihn über die Schweizer Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes durch Sterbehilfe informierte.

Sterbehilfe ist in der Schweiz rechtlich zulässig 

Die ist in der Schweiz nicht nur rechtlich zulässig, solange der Sterbehelfer keine eigennützigen Beweggründe hat, sondern auch im Sinne der Selbstbestimmung gesellschaftlich weitgehend akzeptiert.

Dennoch kommen aus der Schweiz auch kritische Töne. Markus Zimmermann, der Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission, etwa warnt vor einer Sterbe-Routine.

"Was mir sehr Sorgen macht, das ist der Gewöhnungseffekt, dass man sagt: Ich bin jetzt 65, ich sollte mich langsam bei Exit anmelden."

Der katholische Theologe, der statt von Freitod oder Sterbehilfe lieber von Suizid spricht, verweist auf Schuldgefühle, die sich stets mit diesem Schritt verbinden: 

"Was natürlich dann nicht so schlimm ist, wenn es um eine Extremstsituation geht, in der ein Mensch im Sterben liegt und extrem unerträglich leidet. Hingegen wenn es geschieht bei einem gesunden Menschen, der einfach alt ist, der ein gewisses Alter erreicht hat, dann ist es von außen nicht mehr nachzuvollziehen. Ich glaube auch nicht, dass die Gesellschaft damit zurecht kommen wird." 

Die technische Abwicklung des Tods von David Goodall liegt in den Händen der Organisation LifeCircle. Mitarbeiter werden an seinem Arm eine Injektionskanüle anbringen. Der 104-Jährige kann dann selbst einen Hebel betätigen, um sich das tödliche Medikament Nembutal intravenös zu verabreichen.

Dass Ausländer zum Sterben in die Schweiz kommen, sei alles andere Routine, sagt Anwalt Moritz Gall, von der hinter LifeCircle stehenden Stiftung:

"Es ist nicht in unserem Interesse, dass es einen Routinefall gibt. Im Gegenteil: Wir arbeiten daran und versuchen, auch Legalisierungsarbeit im Ausland zu machen. Unser Ziel ist es, dass ab einem gewissen Tag keine Person mehr in die Schweiz reisen muss, um hier eine Freitodbegleitung in Anspruch nehmen zu können."

Hoffnung auf liberaleres Denken

Das sei auch sein Ziel, sagt Wissenschaftler David Goodall. Deshalb suche er vor seinem Tod die Öffentlichkeit:

"Ich hoffe sehr, dass mein Fall dafür sorgt, dass es in dieser Frage ein liberaleres Denken geben wird. Und ich denke, das ist ein Schritt in die richtige Richtung."

Es gebe eine wachsende Generation älterer Meenschen, sagt er, die länger leben als je zuvor, die nicht krank sind, und die ihr eigenes Lebensende selbst kontrollieren möchten. Die Gesetze außerhalb der Schweiz müssten geändert werden.

David Goodall wirkt alt und gebrechlich, doch sein Verstand scheint klar. Er versteht es die Medien für sich zu gewinnen. Gefragt, ob er im Moment seines Todes eine bestimmte Musik hören werde, antwortet er, nein, aber wenn er sich eine Musik auswählen müsste, dann Beethovens 9. Symphonie. 

Dass David Goodall ausgerechnet am Himmelfahrtstag sein Leben beenden möchte, hat - so heißt es von der Sterbehilfe Organisation Exit International - rein organisatorische und nicht etwa religiöse Gründe.

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