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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.12.2017

Ausstellung "Welcome to Jerusalem"Aufruhr im Vorhof des Himmels

Von Christiane Habermalz

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3252827 12/08/2017 Protesters against US recognizing Jerusalem as Israel's capital, in Jerusalem. Valeriy Melnikov/Sputnik Foto: Valeriy Melnikov/Sputnik/dpa | (picture alliance/dpa/Valery Melnikov)
Proteste in Jerusalem gegen Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuzerkennen (picture alliance/dpa/Valery Melnikov)

Eine neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin beleuchtet das komplexe Gebilde Jerusalem. Auch Trumps aktuelle Entscheidung findet Widerhall. Die Schau sei faszinierend und frustrierend zugleich, findet Christiane Habermalz.

So klingt Jerusalem. 
 
Und so! Und auch das ist der Sound der Stadt.

So klingt es, wenn eine Reisegruppe aus Deutschland im Bus singend zu den Wallfahrtsstätten des Passionsweges Christi fährt. Polyphon ist die Ausstellung "Welcome to Jerusalem" im Jüdischen Museum. An jeder Ecke gibt es was zu hören: Die Atmosphäre der Stadt wird in allen Räumen lebendig gemacht durch Videoinstallationen und Einspielungen aus dem Film "24 h Jerusalem" von Volker Heise und Thomas Kufus.

70 Filmteams haben im April 2013 einen Tag lang Bewohner Jerusalems in ihrem Alltag begleitet. Menschen jeden Alters und verschiedener Religionen. Im Jüdischen Museum wird der Film in einer eigenen 24-Stunden Lounge sogar noch einmal in Echtzeit gespielt, erklärt Kuratorin Cilly Kugelmann, bis vor kurzem noch Programmdirektorin des Hauses:

"Da wird während der Öffnungszeiten des Museums von 10 Uhr morgens bis 20 Uhr abends zeitsynchron dieser Film laufen. Das heißt wenn Sie um viertel nach elf in diese Lounge gehen, sehen Sie Jerusalem um viertel nach elf, wenn Sie um 15 Uhr dahingehen, sehen Sie 15 Uhr Jerusalem."

Viele Fallstricke und Fettnäpfchen

Das Problem mit Jerusalem, so erklärte es einmal ein palästinensischer Taxifahrer, läge an zu vielen Juden, Christen und Moslems, die diese Stadt als Vorhof des Himmels sähen und bereits zu Lebzeiten dort Eintritt begehrten. Mit diesem Zitat wird der Katalog zur Ausstellung eingeleitet – und er steht stellvertretend für all die Fallstricke und Fettnäpfchen, mit denen jeder zu kämpfen hat, der sich mit der Stadt einlässt.

Auch für das Jüdische Museum sei es kein leichtes Thema gewesen, erklärt Kugelmann. Man habe lange überlegt, wie man sich der Stadt nähern könne, und habe dann beschlossen, dass das Besondere von Jerusalem eben diese von allen drei Religionen auf sie projizierte Heiligkeit sei:

"Alle drei haben ganz unterschiedliche Gründe, dies zu tun, aber die Stadt ist sozusagen mit diesen drei heiligen Perspektiven, man kann sagen, belastet, sogar, oder kontaminiert. Jedenfalls ist sie das absolut wichtigste Charakteristikum, das Auswirkungen auf alle anderen Dimensionen hat, die man mit dieser Stadt präsentieren kann oder die man dieser Stadt zuordnen kann."

Unfreiwilliger Gegenwartsbeszug dank Trump

Es sei dem Jüdischen Museum zudem immer darum gegangen, jüdisches Leben und jüdische Geschichte mit einem starken Gegenwartsbezug zu verknüpfen, fügt Direktor Peter Schäfer hinzu: 
 
"Und welches Thema wäre geeigneter für einen Gegenwartsbezug als das Thema Jerusalem, wie ja nun gerade auch der Entschluss des amerikanischen Präsidenten gezeigt hat, Jerusalem als Hauptstadt des Staates Israel anzuerkennen."

Donald Trump wird nicht der Letzte sein, der die Konflikte um die Stadt anheizt oder für sich zu instrumentalisieren sucht. Aber er wird der erste sein, der damit bereits nach zwei Tagen musealisiert wird. Denn am Ausgang der Ausstellung werden die Besucher durch einen langen Gang gelenkt, an dem die jüngsten aktuellen Ereignisse um Jerusalem aufgehängt werden sollen – so soll sich quasi eine Chronik der Ereignisse während der anderthalb Jahre entwickeln, die die Ausstellung dauern wird. Cilly Kugelmann: 
 
"Und mit Trump fängt das unerwartet an. Ich hatte mich schon gefragt, was häng ich da jetzt hin – und Trump hat mir diese Entscheidung abgenommen."

Verwirrender und vielschichtiger Alltag der Stadt

Doch gehen wir der Reihe nach vor. Die Ausstellung nähert sich der Stadt über verschiedene Räume von außen nach innen. Empfangen wird der Besucher über Videoinstallationen, die ihn sofort hineinziehen in den verwirrenden, vielschichtigen und komplexen Alltag der Stadt.

Standbild aus der Installation "Augmented Temple" in der Ausstellung "Welcome to Jerusalem" im Jüdischen Museum in Berlin (Jüdisches Museum Berlin/ART + COM Studios )Standbild aus der Installation "Augmented Temple" in der Ausstellung "Welcome to Jerusalem" im Jüdischen Museum in Berlin. (Jüdisches Museum Berlin/ART + COM Studios )

Ein Raum voller Karten, historische und aktuelle, zeigen die komplexen Besitzansprüche und die Projektionen, die auf sie von Anfang an gerichtet wurden. Das reicht bis in die Gegenwart, erläutert Co-Kuratorin Margret Kampmeyer:

"Wir haben zwei Karten aus dem Jahr 2016 ausgestellt, das vom Tourismusministerium herausgegeben wurde, im Tourismusbüro an jeden, der eine Karte für die Altstadt möchte, und dort waren im letzten Jahr nur die jüdischen Sehenswürdigkeiten aufgelistet. Nach vielen Protesten von einigen israelischen NGOs, von Kirchen und Muslimen wurde dann eine Korrektur bzw. eine weitere Karte aufgelegt."

Pilger aus aller Welt halten die Stadt wirtschaftlich am Leben

Ein weiterer Raum, voll mit Kreuzen und Devotionalien, macht deutlich, was die Stadt auch wirtschaftlich am Leben hält: Die Pilger aus aller Welt, die Souvenirs aus dem Heiligen Land mit nach Hause bringen mussten – von Tand über Tattoos bis hin zu kostbaren Intarsien-Modellen der Grabeskirche, die sich nur betuchte Pilger vom Bischof aufwärts leisten konnten. Im Zentrum dann die Heilige Achse der Ausstellung, mit den drei großen Sakralbauten der drei Religionen, um die sich alles dreht: Die Klagemauer, die Grabeskirche und – spektakulär – ein maßstabsgetreues Modell des heiligen Bezirks Haram asch-Scharif mit der Al-Aksa-Moschee aus dem Jahr 1873, geschaffen für die Weltausstellung in Wien – eine Leihgabe des Bibelmuseum Amsterdam.

Die Installation "Augmented Temple" erweckt den Herodianischen Tempel aus der Antike wieder zum Leben, durch kleine Sichtkästen kann man Besuchern an Jom Kippur beim Kauf eines Opferlamms über die Schulter sehen. Am Ende wieder Räume, die dem Konflikt gewidmet sind. Luxushotels, die zum Schauplatz von gewalttätigen Auseinandersetzungen wurden. Und jüdische ultraorthodoxe Gruppierungen, die sich in ihren Forderungen gegenseitig bekämpfen.

"Und die den Tempel wieder aufbauen möchten, was dann der dritte Tempel wäre, und Peter Schäfer hat zu Recht gesagt, das könnte ein Auslöser für den dritten Weltkrieg sein."

Am Ende ist man fasziniert und frustriert zugleich: Ob der Offensichtlichkeit, dass diese Stadt nur existieren kann, wenn Gläubige aller drei Religionen und auch Nicht-Religiöse in ihr frei und gleichberechtigt leben können – und der Unmöglichkeit, dies zu erreichen. Eine großartige, faszinierende Ausstellung.

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