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Fazit | Beitrag vom 18.08.2018

Ausstellung über private SchwimmbäderSchwimmen in Geld

Von Simon Schomäcker

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Privates Schwimmbad (Ralf Dördelmann)
Dieses und weitere Fotos solch privater Schwimmbäder aus den 50er- und 60er-Jahren kann man noch bis zum 21.09. in Dortmund sehen. (Ralf Dördelmann)

In der Nachkriegszeit waren öffentliche Wassertempel rar gesät. Wer es sich in den Wirtschaftswunderjahren leisten konnte, baute sich ein eigenes Schwimmbad ins Haus. Viele existieren bis heute – teilweise noch in Betrieb, teilweise sich selbst überlassen.

Im Keller des Elternhauses von Richard Schmalöer finden schon lange keine Badepartys mehr statt. Aber eine aufwändige Wanddeko mit Wasser- und Fischmotiven aus Ton und eine nierenförmige Mulde im Boden zeigen es noch: Der große Raum war mal ein Schwimmbad. Jetzt dient er dem Dortmunder Architekten und Fotografen als Veranstaltungssaal. Momentan können Besucherinnen und Besucher hier in Fotos und Klänge eintauchen.

Dagobert Duck und sein Geldspeicher

"Es ist natürlich die Assoziation mit Dagobert Duck und seinem Geldspeicher, der ja im wahrsten Sinne des Wortes im Geld schwamm. Aber es ist dieses Wirtschaftswunder-Dingens, was mich da am meisten interessiert hat", sagt Richard Schamlöer.

Die Fotos von Richard Schmalöer zeigen private Schwimmbäder aus den Nachkriegsjahren. Reiche Bewohner, vornehmlich von Ruhrgebietsstädten, haben die Anlagen in ihre Häuser gebaut. Damit waren sie unabhängig von den noch wenigen kommunalen Bädern. Geld hat auch bei den Erbauern von Schmalöers Elternhaus aus den 50ern keine Rolle gespielt.

13 Jahre lang Fotos zusammengetragen

Der Architekt geht an einer Wand mit großformatigen Fotos vorbei. Er zeigt einige Beispiele: oft sehr geräumige Schwimmhallen mit dunkler Holzdecke, aufwändigen Kachelmustern an den Wänden und natürlich Scheinwerfern im Becken:

"Man sieht das ja auch, wie unterschiedlich gut die sind. Die sind noch in Schuss und die werden noch genutzt. Und da sind auch sehr fitte, rüstige Senioren noch die Eigentümer. Dann gibt es aber einige, die haben es genauso gemacht wie wir – ein Riesenbecken im Dortmunder Süden mit einer Holzdecke auch zugemacht. Das hier - da ist jetzt ein Froschteich drin. Das war ein Gartenschwimmbad, was nachträglich eingehaust wurde."

13 Jahre lang hat Schmalöer Fotos für seine Ausstellung und einen zugehörigen Bildband zusammengetragen: "Ich habe die 50er bis 70er Jahre gesammelt. Das waren die Wirtschaftswunder- und Wiederaufbaujahre. Für mich war eben besonders ungewöhnlich, wie schnell man nach dem Krieg wieder zu so viel Wohlstand gekommen ist, um solche privaten Schwimmbäder zu bauen."

Privates Schwimmbad (Ralf Dördelmann)Ein weiteres privates Schwimmbad aus der Wirtschaftswunderzeit. (Ralf Dördelmann)

Unterstützt wird Richard Schmalöer von seiner Tochter Johanna und deren Freund Lukas Klietsch. Die beiden haben eine Klanginstallation konzipiert, in der Wasser ein wichtiges Element ist: "Wasser als Regen, als Möglichkeit, sich zu waschen, als Möglichkeit zu trinken und Wasser als Vergnügungsort. Es sind Wassergeräusche da, die unterschiedliche Assoziationen aufwerfen als nur das Schwimmbad."

Manche der abgebildeten Schwimmbäder sind mit einer opulenten Bar ausgestattet - fast wie in einem Hotel. Hier haben die Besitzer gefeiert und ihre Gäste zum Baden eingeladen. Auch das greifen die Klangkünstler in ihrer Installation auf. Dafür läuft im Vorraum des ehemaligen Schwimmbades ein etwas anderer Zusammenschnitt ab als in der Halle selbst.

Wasserklangkunstinstallationen

"Zum Beispiel haben wir mehrere Spuren aufgenommen, wo wir sprechen und man hört Geschirr klimpern, was quasi Partygeräusche imitiert. Sprich Kellerbar oder auch Kindergeburtstag, alles was man sich so vorstellen kann. Man hat quasi das Gefühl von Präsenz von verschiedenen Situationen in dem gesamten Komplex des Schwimmbades zusammen", sagen Johanna Schmalöer und Lukas Klietsch.

Die Klanginstallation und die Schwimmbadfotos rufen bei Richard Schmalöer sofort Erinnerungen hervor: "Das weiß ich ja noch aus meiner Kindheit. Wenn wir die ersten Kindergeburtstage nach dem Einzug in das Haus hier gefeiert haben – das war natürlich immer ein super Knüller, wenn die ganzen Freunde dann hier zu Besuch waren."

Steigende Energiepreise führten zur Aufgabe der Bäder

In den Wirtschaftswunderjahren waren die Energiepreise noch längst nicht so hoch wie heute. Darum konnten die Besitzer ihre eigenen Schwimmhallen problemlos betreiben. Als aber Strom-, Gas- und Ölpreise immer weiter anstiegen, haben viele Besitzer das Wasser abgelassen und ihre Bäder aufgegeben. Auch bei Familie Schmalöer war das der Fall. Die Anlage verfiel zusehends, bis Richard Schmalöer sie zum Veranstaltungsraum umbaute.

Der Architekt möchte deshalb mit seiner Ausstellung dafür sorgen, dass die Badekleinode des Wirtschaftswunders nicht in Vergessenheit geraten. Schmalöer verfolgt daher zwei Absichten: "Einmal darauf aufmerksam machen, was es für ungewöhnliche Bautypologien gibt, die keiner kennt, weil sie reine private Nutzung hatten. Und das Andere ist eben dieses Aufmerksammachen auf diese grandiose Wiederaufbau-Leistung."

"Schwimmen in Geld" heißt die Ausstellung, die private Hallenbäder aus der Wirtschaftswunderzeit zeigt. Sie ist noch zu sehen bis zum 21.09. -  jeweils freitags, samstags und sonntags zwischen 14 und 18 Uhr – in der Sckellstraße 12 in Dortmund.

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