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Fazit | Beitrag vom 09.10.2019

Ausstellung über Giovanni Battista TiepoloEinflussreicher Maler der Zeitenwende

Von Rudolf Schmitz

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Giovanni Battista Tiepolos "Raub der Europa": Ein Stier, der unter dem Gewicht der Europa in die Knie gesunken ist. Ein Diener mit einem leeren Tablett, eine verblüfft dreinschauende Zofe, ein von einer Wolke herunter urinierender Putto. (bpk / Scala - courtesy of the)
Formen und Farben stehen im Zentrum von Giovanni Battista Tiepolos Werken, hier: "Raub der Europa". (bpk / Scala - courtesy of the)

Giovanni Battista Tiepolo galt schon zu Lebzeiten als bester Maler Venedigs. Die Staatsgalerie Stuttgart widmet ihm anlässlich seines anstehenden 250. Todestages eine große Ausstellung und zeigt den humorvollen Maler als äußerst widersprüchliche Figur.

Irgendetwas stimmt mit Europa nicht. Dieses Gefühl kannte offenbar schon Tiepolo. Sein Leinwandbild "Raub der Europa" von 1720 zeigt bei aller Pracht der Landschaft und Figuren einen Stier, der unter dem Gewicht der etwas dümmlich wirkenden Europa in die Knie gesunken ist.

Und auch die Blumen, mit denen die Braut des Jupiter herausgeputzt werden soll, sind ausgegangen: Das Tablett des Dieners ist leer, die Zofe schaut verblüfft. Und dann noch der kleine Putto auf der Wolke – er erleichtert sich und pinkelt ausgerechnet auf das Blitzebündel des Göttervaters Jupiter. Kuratorin Annette Hoyer:

"Wir zeigen Tiepolo als einen Maler der Zeitenwende; als einen Maler, der zum letzten Mal die barocken Fürsten, die barocken Kirchen bedient und der zugleich in seiner Kunst schon thematisiert, dass dieses barocke Kunstsystem an ein Ende gekommen ist. Das zeigt sich zum einen an Humor, Ironie, manchmal auch Kritik, die Eingang finden in seine Bildwelten. Das zeigt sich zum anderen in formalen Verfremdungen und Mehrdeutigkeiten, mit denen er dem Betrachter vor Augen führt: Dieses ganze barocke Weltsystem ist nicht mehr stimmig und nicht mehr zu deuten."

Formen und Farben rücken ins Zentrum

Die Staatsgalerie Stuttgart kann bei Tiepolo aus dem Vollen schöpfen. Sie besitzt zum Beispiel das großartige Gemälde "Die Auffindung des Moses" von 1736. Die höfisch herausgeputzte Tochter des Pharaos blickt gedankenverloren arrogant ins Weite, lauscht den Einflüsterungen ihrer Dienerin, interessiert sich null für den vom Weinen rot angelaufenen Säugling. Tiepolo bezieht sich hier direkt auf das Vorbild von Veronese, aber seine höfische Gesellschaft ist auf skurrile Art nur mit sich selbst beschäftigt.

"Die Bilderzählung ist nicht mehr das Zentrum, sondern die Formen und die Farben sind es. Und da fängt Tiepolo an, die Kunst seiner Zeit aufzubrechen und zu hinterfragen, indem er plötzlich dem Betrachter eine aktive Rolle zuweist bei der Entschlüsselung des Bildes und auch bei der korrekten Einordnung und Verortung des Bildes", sagt Annette Hoyer.

Im Fokus: Rötelzeichnungen auf blauem Papier 

Das überwältigende Deckenfresko der Würzburger Residenz ist in dieser Ausstellung als Großbanner an der Raumdecke präsent. Aber eigentlich geht es um die Rötelzeichnungen auf blauem Papier, in denen Tiepolo und sein Sohn ihre Würzburger Bilderfindungen dokumentierten. Sie gehören neben anderen Zeichnungen der grafischen Sammlung des Hauses. Annette Hoyer:

"Meine persönliche Lieblingszeichnung ist die Zeichnung eines liegenden Knaben, den man von unten sehen kann. Das stammt aus einem Album Tiepolos, das den Titel 'Nur Figuren für Decken' trug. Offenbar hat Tiepolo für seine Deckenfresken ein ganz großes Figuren-Repertoire schon mal vorbereitet, aber eigentlich wirkt dieses Blatt schon ästhetisch selbständig: die Schatten, die Tiepolo da auf die Fußsohlen legt. Man kann die Figur gar nicht mehr erkennen. Es geht nur noch um die Linien und die Lavierungen. Dieses Blatt ist eigentlich eine ästhetische Studie in sich." 

Tiepolos Einfluss auf Goyas Caprichos

Und dann sind da noch die "Capricci" und "Scherzi di Fantasia", die wenigen meisterhaften Kaltnadelradierungen Tiepolos. Sie fallen aus seinem sonst so schwerelosen Werk völlig heraus und haben allen Interpreten Rätsel aufgegeben. Denn da sind sehr ernsthafte Figuren auf einer Bergeshöhe zu sehen: Magier, Orientalen, berückend schöne junge Männer, die in Büchern lesen, Rituale vollziehen, mit Totenköpfen und Schlangen hantieren. Annette Hoyer:

"Bei Tiepolo sind plötzlich Leitmotive und Symbole so widersprüchlich zusammengestellt, dass eine Deutung unmöglich wird. Tiepolo zeigt uns hier die Grenzen des Verstandes auf. Er zeigt uns, dass Traum und Fantasie die Quellen seiner Kunst sind. Damit wird er für Goya, für die Caprichos vorbildlich, denn nicht zufällig heißt das zentrale Blatt von Goyas Caprichos 'Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer'. Und dieses Konzept hat er von Tiepolo übernommen." 

Modern und bedrückend aktuell 

Giovanni Battista Tiepolo als Vater der Moderne? Das ist die eigentliche Behauptung dieser Stuttgarter Ausstellung. Nicht aufdringlich, nicht marktschreierisch vorgetragen, sondern mit guten Bildargumenten suggeriert. Und dazu hat Stuttgart aus eigenem Bestand noch eine Trumpfkarte im Ärmel: ein Gemälde, kurz vor dem Tode Tiepolos im Jahr 1770 entstanden. Es zeigt die Heilige Familie bei einer Ruhepause auf der Flucht nach Ägypten.

Aber das könnte irgendeine heimatlose Familie sein. Eine expressive Landschaft, in der schroffe Felsen in bedrohliche Wolkenformationen übergehen, vermittelt die Verlorenheit dieser Flüchtlinge. Das wirkt tatsächlich modern und sogar – bedrückend aktuell. 

Die Ausstellung "Tiepolo - Der beste Maler Venedigs" ist vom 11. Oktober 2019 bis zum 2. Februar 2020 in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.

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