Seit 01:05 Uhr Tonart
Donnerstag, 03.12.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 21.01.2016

Ausstellung über FelsmalereiModerne Kunst aus der Steinzeit

Richard Kuba im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Podcast abonnieren
Handsilhouetten, Fische und Mond, Indonesien, Westpapua, Tabulinetin, 500-1.500 n.Chr, Aquarell von Albert Hahn, 1937 (© Frobenius-Institut, Frankfurt am Main)
Diese von Albert Hahn 1937 angefertigte Kopie zeigt eine rund 1500 Jahre alte Felsmalerei aus Indonesien (© Frobenius-Institut, Frankfurt am Main)

Er ließ Felsenmalereien in allen Teilen der Welt originalgetreu nachbilden. Doch dann geriet das Werk des Ethnologen Leo Frobenius in Vergessenheit. Seine beeindruckenden Kopien sind nun in Berlin zu sehen. Ein Gespräch mit dem Kurator Richard Kuba.

Lange war es sehr still um die Felsenbilder des Ethnologen Leo Frobenius. Er ließ in den 20er- und 30er-Jahren 20.000 Jahre alte Felsenmalereien in allen Teilen der Welt originalgetreu kopieren – und machte die steinzeitlichen Kunstwerke so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

Etwa 100 der geritzten und gemalten Kopien auf Felsen aus Europa, Afrika und Australien sind jetzt und noch bis 16. Mai im Berliner Martin-Gropiusbau zu bewundern.  Darunter viele großformatige und wandfüllende Felsbildkopien des Frobenius-Institutes sowie fotografisches und archivalisches Material, das auch auf die abenteuerliche Dokumentationsgeschichte der Felsbilder in europäischen Höhlen, der zentralen Sahara, den Savannen Simbabwes oder dem australischen Outback verweist.

Welche Wirkung diese zuvor ungesehenen Bilder auf die Moderne hatte und wie sie Künstlerinnen und Künstler inspirierten, ist Thema dieser Ausstellung. Mancher Besucher mag sich beim Betrachten der Bilder an Werke Picassos oder Giacomettis erinnert fühlen

Der Kurator Richard Kuba berichtet im Deutschlandradio Kultur, wie die Kopien entstanden, wer sie anfertigte, warum Frobenius dafür hauptsächlich Frauen engagierte und was die Bilder uns heute noch sagen.

Kunst der Vorzeit: Felsbilder aus der Sammlung Frobenius, 21. Januar bis 16. Mai 2016 im Martin-Gropiusbau in Berlin, Mittwoch bis Montag, 10 bis 19 Uhr,  www.gropiusbau.de


 

Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: In Berlin kann das Publikum von heute an in einer beeindruckende Ausstellung strömen, die im Gropius-Bau gezeigt wird. Historische Felskunst, die bis vor 20.000 Jahren in Europa und Afrika, und Australien entstanden ist. Nur, dass in der Ausstellung nicht die Originale hängen, sondern etwa hundert großformatige Kopien dieser geritzten oder gemalten Bilder. Sie sind aus der Sammlung des Ethnologen Leo Frobenius und eben jetzt im Gropius-Bau zu sehen. "Kunst der Vorzeit, Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" heißt die Ausstellung. Richard Kuba ist der Kurator dieser Exposition und jetzt im Studio. Schönen guten Morgen!

Richard Kuba: Schönen guten Morgen!

Billerbeck: Kopien jahrhundertealter Felszeichnungen. Wie kam es zu der Idee, dem Projekt?

Kuba: Zunächst ist es so, dass Felsbilder ja meistens an unzugänglichen, fernen Orten sind, allemal in Afrika in der Zentralsahara oder im australischen Outback oder in europäischen Felsbildhöhlen. Da kommt man nicht so ohne Weiteres hin. Und wenn man mit solchen Bildern wissenschaftlich arbeiten will oder sie auch vermitteln will, dann muss man in irendeiner Weise eine Kopie herstellen.

Und zu Frobenius Zeiten, das heißt, in den 20er-, 30er-Jahren die meisten dieser Kopien hat anfertigen lassen durch Teams von Malern, Malerinnen vor allem, war die Malerei, das Abzeichnen per Hand, ein sehr mühseliger Prozess war das Mittel der Wahl. Und er hat auf großen und abenteuerlichen Expeditionen hat er diese Teams von Malerinnen und Malern in das südliche Afrika, in die Savannen Simbabwes und in die Sahara und so weiter gebracht.

Wir haben auch tolles Fotomaterial, dass man sieht, wie diese Bilder entstanden sind. Es ist ein sehr mühseliger Prozess, und heraus kamen großartige Bilder, die auch großformatig sind, farblich spannend, aber die ziemlich genau das wiedergeben – natürlich nicht auf einer unebenen Felsoberfläche wie das Original, sondern auf einem flachen Bild und in einem ausstellungsfähigen Format, das heißt, rechteckig –, großartige Bilder von Größen bis zehn auf zwei Meter und sieben auf acht Meter und Ähnliches.

Billerbeck: Nun haben Sie gesagt, er hat vor allem Malerinnen dort hingeholt, um diese Kopien anfertigen zu lassen. Wie hat er die denn ausgesucht?

Kuba: Das waren häufig höhere Bürgerstöchter aus dem Frankfurter Bürgertum. Das Institut war ja damals in Frankfurt, und die hatten an Kunstakademien studiert, und für die war das auch ein Ausbruch aus einer bürgerlichen Existenz in gewisser Weise. Es war sehr abenteuerlich, zumindest, was wir davon heute wissen.

Die hatten sehr viel Verantwortung, auch ungewöhnlich in dieser Zeit, also es war auch Teil der Emanzipation, die in der Weimarer Republik und in den 30er-Jahren zunehmend sich Bahn brach. Die haben schwere Autos gefahren, die haben die beladen, die haben auch teilweise selbst wissenschaftliche Artikel dann geschrieben, wurden also von der Malerin zur Wissenschaftlerin, und das sind ganz spannende Persönlichkeiten.

Billerbeck: Trotzdem ist es ja so, auch zu der Zeit gab es ja die Fotografie schon. Warum hat man sich nicht für Fotografie entschieden, sondern für Kopie? Kopieren war ja eine der ersten Tätigkeiten in Kunstakademien früher. Man ist ja erst in die Antikensammlungen gegangen und hat kopiert.

Kuba: Deswegen konnten die das auch so gut. Aber Fotografie gab es in der Form, wo man es im Eigentlichen praktizieren konnte, vor allem an so fernen Orten, eigentlich nur schwarzweiß. Das ist was ganz anderes als die Farbigkeit dieser Bilder, auch der farbige Felsuntergrund. Und es wäre auch so großformatig schwierig geworden. Und Frobenius hatte ohnehin ein schwieriges Verhältnis zur Fotografie. Es wurde immer auch fotografiert, wir haben von all diesen Bildern die sogenannten Fotos vom Stein, aber für ihn war das eine vermeintliche Realität, eine vermeintliche Authentizität, und das lebendige Entstehen und die Selektion durch das menschliche Auge war für ihn ein ganz wichtiges Element.

Billerbeck: Sie haben gesagt, die Malerinnen wurden auch zu Forscherinnen, und Frobenius selber wird es ja auch getan haben. Wo liegt denn der Unterschied zwischen dem Original und der Kopie? Das ist ja eine Debatte, die in der Kunst immer sehr gern geführt wird. Wie unterscheiden sich diese Kopien von den Felszeichnungen?

Kuba: Es sind natürlich Bilder von Bildern. Wir haben diesen etwas merkwürdigen Begriff der Originalkopie mit diesen Bildern, die wir dort zeigen. Es sind gute Kopien, um es mal kurz zu sagen. Wir haben das auch verglichen. Diese Damen haben ein tolles Auge gehabt. Das sind wahrscheinlich diejenigen, die am längsten Zeit überhaupt vor Felsbildern verbracht haben und ein Sehen entwickelt haben für diese Bilder.

Dennoch ist diese Art der Kopiererei in den 50er-, 60er-Jahren total aus der Mode gekommen, und man ist zur Farbfotografie übergegangen, und diese ganze Sammlung lag völlig vergessen auf einem Dachboden. Insgesamt haben wir mit den Dingen, die nach dem Krieg angefertigt wurden bis in die 50er, da haben wir 8.500 Felsbilder. Und die waren total vergessen, und erst in jüngster Zeit haben wir sie wiederentdeckt, aber nicht als Wissenschaftsbilder, sondern als Bilder, die einen Teil der Moderne mit beflügelt haben.

Begräbnisszene mit Mumie im Ochsenfell  Simbabwe, Rusape, Fishervall 8.000-2.000 v.Chr. Aquarell von Joachim Lutz und Leo Frobenius, 1929 (© Frobenius-Institut, Frankfurt am Main)Diese Kopie einer Begräbnisszene aus Simbabwe fertigten Leo Frobenius und Joachim Lutz 1929 mit Aquarellfarbe an. (© Frobenius-Institut, Frankfurt am Main)

Denn wir haben herausgefunden, dass die in sehr vielen Ausstellungen gezeigt worden sind, also praktisch in allen europäischen Hauptstädten in den 20er-, 30er-Jahren. Im Museum of Modern Art, auch in 30 amerikanischen Städten getourt ist bis nach Honolulu. Und wir haben uns dann die Frage gestellt, was haben denn diese Bilder eigentlich für eine Rezeption gehabt, wer hat die gesehen? Was hat das mit den modernen Künstlern der Zeit gemacht.

Billerbeck: Was hat es denn mit Ihnen gemacht? Sie beschäftigen sich ja schon so lange damit. Lieben Sie sie inzwischen genauso wie Originale?

Kuba: Ich kenne auch Originale, und natürlich haben die Originale immer eine eigene Aura. Aber ein guter Teil dieser Aura transportiert sich tatsächlich durch die Bilder, wenn Sie sie im Gropius-Bau hängen sehen, dann haben die eine unglaubliche Frische, eine Präsenz – man geht da durch und hat eigentlich den Eindruck, man kennt diese Bilder irgendwie, weil ganz viele Elemente der Moderne dort drin sind. Man sieht irgendwie einen Klee, man sieht einen Miró oder einen Giacometti. Man hat ständig diese Assoziationen und sagt, Mensch, das kennst du doch alles irgendwie.

Billerbeck: Was erhoffen Sie sich von der Ausstellung, wenn diese Bilder jetzt hier in Berlin gezeigt werden?

Kuba: Ich erhoffe mir eigentlich zweierlei. Das eine ist ein bisschen Aufmerksamkeit auch für Felsbilder und diese mit älteste Kunst der Menschheit, die wir selbst in Deutschland eigentlich fast gar nicht haben. In Frankreich und Spanien, da ist das ja ganz präsent. Lascaux oder Chauvet hatten wir jetzt in letzter Zeit, aber dass es auch ein Bewusstsein gibt, dass es eine Welttradition tatsächlich ist.

Da sind ja Sachen aus Australien dabei und auch aus Neuguinea und dem südlichen Afrika und so weiter. Und zum anderen, dass es vielleicht ein bisschen mehr zu Forschungen kommt, was denn diese prähistorische Kunst eigentlich mit der Moderne gemacht hat. Das heißt, der Primitivismus, die afrikanischen Masken und Picasso, das weiß man relativ gut. Aber diese prähistorische Kunst und wie wir damit umgegangen sind und wie das 20. Jahrhundert darüber nachgedacht hat, da stehen wir noch relativ am Anfang der Forschung.

Billerbeck: Richard Kuba war das, Kenner und Kurator der Bilder, die jetzt in der Ausstellung "Kunst der Vorzeit. Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" gezeigt werden im Berliner Gropius-Bau. Originalkopie ist der Ausdruck, den ich mir jetzt gemerkt habe. Danke für Ihren Besuch, Herr Kuba! Und Ihnen sei die Ausstellung empfohlen in Berlin, kommen Sie her, sehen Sie sie sich an!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Ausstellung mit Kopien von Felsbildern - 30.000 Jahre alt und sehr modern
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 20.01.2016)

Geschlechterrollen - Forscher entzaubern die Steinzeit-Klischees
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 20.01.2016)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur