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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.02.2017

Ausstellung "Post Peace" in Stuttgart Der Krieg in unserem Frieden

Hans D. Christ im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Eines der Werke aus der Ausstellung "Post-Peace" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart: belit sağ, "Ayhan and me / Ayhan ve ben" ("Ayhan und ich"), 2016 (belit sağ)
In der Ausstellung "Post Peace" beschäftigen sich 20 Künstler mit Fragen von Krieg und Frieden, so wie die Videokünstlerin Beli Sag in diesem Werk. (belit sağ)

Die Stuttgarter Ausstellung "Post-Peace" zeigt Kunstwerke, die sich damit auseinandersetzen, wie viel Krieg in unserem Frieden steckt. Der Direktor des Württembergischen Kunstvereins, Hans D. Christ, beklagt Fälle von Zensur im Kunstbetrieb.

Die Stuttgarter Ausstellung "Post-Peace" spannt einen historischen Bogen, der vom Zweiten Weltkrieg bis heute reicht und sich kritisch mit den verschiedenen Erinnerungskulturen beschäftigt. Es werden Videoarbeiten, Fotografien, Installationen und Performances von rund 20 Künstlern und Künstlerinnen aus vielen Ländern gezeigt.

Zensur im Kopf und anderswo

Der Direktor des Württembergischen Kunstvereins, Hans D. Christ, sprach im Deutschlandradio Kultur von mehreren Formen der Zensur, mit der die Kunst heute konfrontiert sei. "Es gibt einmal die Zensur im Kopf", sagte er. "Es gibt einmal die Zensur, die durch die Ökonomisierung des Kunstbetriebs reinkommt." Er nannte als Beispiel ein Projekt im öffentlichen Raum in München, bei dem ein Künstler von der Siemens-Kulturstiftung finanziert worden sei und sich mit der Vergangenheit des Unternehmens im Dritten Reich bezogen habe.  "Da tritt etwas ein,  wo die nicht direkt zensieren, sondern sagen, wie entziehen dem Projekt das Geld."   

 Von Istanbul nach Stuttgart

"Post-Peace" wurde 2016 im Rahmen eines durch das türkische Kreditinstitut Akbank ausgelobten Kuratoren-Preises ursprünglich für Istanbul produziert, jedoch kurz vor der Eröffnung zensiert und abgesagt. Der Württembergische Kunstverein zeigt nun die Ausstellung, die von der russischen Kuratorin Katia Krupennikova konzipiert wurde und bis zum 7. Mai 2017 zu sehen ist.


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Es gab noch nie eine Phase, in der Europa so lange Frieden erlebt hat wie in den letzten Jahrzehnten. Das ist ein gerade jetzt immer wieder gern benutztes Argument glühender EU-Anhänger, und es ist, wenn wir bewaffnete Kriege zwischen den wichtigen europäischen Nationen zum Maßstab nehmen, auch wirklich nicht zu bezweifeln. Sie ahnen den Hauch eines Abers, wenn ich so beginne, und dieser Hauch kommt ab heute Abend aus Stuttgart. Eine Ausstellung, begleitet von einer Konferenz am Wochenende unter dem Titel "Post Peace", also Nachfriedenszeit, und die stellt eine zentrale Frage: Wie viel Krieg steckt in unserem Frieden. Antworten hat für uns einer der Direktoren des Veranstalters, des Württembergischen Kunstvereins, Hans D. Christ. Guten Morgen!

Hans D. Christ: Guten Morgen!

Frenzel: Herr Christ, "Post Peace" – wofür steht der Begriff? Dass wir jenseits eines echten Friedens sind?

Christ: Ja, Sie haben das eigentlich ganz schön anmoderiert, wenn wir das aus einer inneneuropäischen Perspektive nehmen. Also erst mal ist es eine Wortschöpfung natürlich, wie sie heute so beliebt sind, wie postfaktisch et cetera. Also wenn wir diese innereuropäische Perspektive nehmen, dann haben Sie natürlich recht. Dann hat sich jetzt zwar in den letzten Jahren die Rhetorik geändert, wir haben einzelne terroristische Anschläge mit relativ geringen Opfern, wir sind eigentlich nicht im Krieg, aber von öffentlicher, staatlicher Seite wie unserem ehemaligen Bundespräsidenten wird von Krieg geredet, also es wird eine Kriegsrhetorik aufgebaut innerhalb Europas. Aber wir müssen eben, das zeichnet sich auch ein bisschen an der Liste der Künstler und wo sie herkommen, auch ab. Also aus Jordanien, Iran, Palästina, Ukraine, der Türkei, Russland, Polen, wo man auch keine direkten Krieg hat.

Man hat Umbrüche von Regimen. Aber bei den erstgenannten Ländern kann man eigentlich sagen, dass sie sich im Dauerzustand eines Kriegskonflikts, in der Folge, nach 1945, befinden. Und es gibt einen südafrikanischen Theoretiker, der Achille Mbembe, der hat in einem Text von "Negro-Politiken" geredet, der hat eigentlich das Recht des Westens, dass der Westen sich das Recht rausnimmt, in anderen außerhalb seiner Demokratien liegenden Territorien regelmäßig Kriegsszenarien mit zu inszenieren und Tod zu geben. Das heißt, viele Teile unserer Freiheit, viele Teile unserer Demokratie basieren tatsächlich auf dem Umstand, dass an anderer Stelle der Welt Krieg geführt wird und wir an diesen Kriegen ja nicht unbeteiligt sind.

Kriege von heute und von gestern

Frenzel: Das klingt nach spannendem Stoff für politische Analysen und Debatten. Bei Ihnen führt das zu Kunst oder findet sich das in Kunst, diese "Post-Peace"-Klammer. Haben Sie mal ein, zwei Beispiele, wie man sich das vorstellen kann?

Christ: Ja, das ist dann zum Beispiel ein Künstler aus Ramallah, der sich aus der Innenperspektive von Palästina hinstellt und auf die Siedlungen in Israel fotografiert und dann die Fotos ausdruckt und diese – sagt, ja, ich mache mir den Horizont mal frei, meinen persönlichen Horizont, und dann schabt er diese Siedlung aus aus dem Bild. Es gibt einen Künstler aus Jordanien, den Lawrence Abu Hamdan, der analysiert, das ist ganz interessant, der nutzt ein wissenschaftliches Verfahren, es werden auf einer Demonstration von israelischen Soldaten zwei Leute erschossen, und es gibt ein Verfahren, wie man den Klang – also es wird aufgezeichnet mit Video, die sagen, es waren Gummigeschosse, und es gibt eben im Einsatz Gummigeschosse, mit Metall ummantelte, mit Gummi ummantelte Metallgeschosse, so herum. Und es gibt einen Weg, zu analysieren, wie der Schall ist von diesen unterschiedlichen Geschossen. Und dann wird das wieder erzählt mit Schießstandbildern. Also es gibt so eine doppelte Ebene der Erzählung.

Dann gibt es unmittelbar auf – das ist ein Film von Johan Grimoprez, das ist ein belgischer Künstler, der interviewt einmal einen Waffenhändler, der festgesetzt worden ist, also der im Gefängnis ist, und einmal jemanden, einen Journalisten, der seit Jahrzehnten Transparenz in den internationalen Waffenhandel reinbringen will. Das sind sehr direkte Beispiele.

Es gibt aber auch dieses Sich-erinnern-wollen an die Erfahrungen von Krieg in Europa. Und das ist eine polnische Künstlerin, die in der Privatwohnung einer 84-jährigen Frau deren Erinnerung an die Bombardierungen und den Feuersturm während des Zweiten Weltkriegs berichtet. Sie versucht, sich selbst ihrer eigenen Erinnerung zu vergewissern und fängt dann an, so diese kleinen Erzählungen aus ihrer Jugend aufzugreifen, und da wird dann zum Beispiel von dieser jungen Generation der Künstler, die in der Ausstellung sind, versucht, sich selbst wieder ein Bild von diesen Zuständen zu machen, die Krieg eigentlich bedeuten. Weil wir haben es ja in Europa zumindest mit einer Generation zu tun, die keine direkten Erfahrungen auch macht, die jetzt aber in dieser ganzen medialen Landschaft, in der wir uns befinden, immer mit den Begrifflichkeiten des Krieges auch konfrontiert ist.

Rückkehr der Zensur

Frenzel: Herr Christ, Sie sind mit dieser Ausstellung, mit Teilen davon, bereits angeeckt, auf Widerstand gestoßen. "Post Peace", unter diesem Titel hätte es schon 2015 eine Show in Istanbul geben sollen, die dann abgesagt wurde kurz nach einem Terroranschlag dort. In Barcelona ist Ihnen Ähnliches passiert. Erleben wir so etwas wie die Rückkehr der Zensur im Kunstbereich?

Christ: Ja, das wurde schon getitelt noch von der Kunstzeitung, das ist schon ein paar Jahre her, und ich glaube, diese Fälle haben wir immer wieder kontinuierlich. Ich glaube, es gibt mehrere Ebenen zu betrachten, wenn wir über Zensur reden. Es gibt einmal die Zensur im Kopf, es gibt einmal die Zensur, die durch die Ökonomisierung des Kunstbetriebs reinkommt. Ein ganz frühes Beispiel ist ein Projekt im öffentlichen Raum in München gewesen, wo ein Künstler sich, durch die Siemens-Kulturstiftung finanziert, das war in den Neunzigern schon, und sich ein Künstler auf die Vergangenheit des Unternehmens im Dritten Reich bezogen hat. Und dann tritt etwas ein, wo die nicht direkt zensieren, sondern sagen, wir entziehen dem Projekt das Geld.

In Barcelona hatten wir diesen Fall, wo eine Skulptur von Ines Doujak zensiert worden ist, weil sie sich auf Juan Carlos bezogen hat, und da kam die Zensur aus dem Inneren der Institution. Aber es gab zum Beispiel in der Arena Sofia, das ist ein anderer Fall, wo es um so christliche Motive geht, gab es dann die Zensur von außen, wo jemand zugriff  – der katholische Kirchenverband aufgefordert hat, die Arbeit zu entfernen. Es gibt eine verdeckte Zensur, von der wir nichts wissen. Die findet in Jurys statt, die findet eigentlich auf allen Ebenen der Kunstinstitutionen statt, und wir wissen eigentlich – viele Fälle werden überhaupt nicht bekannt, sondern dann an den Spitzen, wie jetzt zum Beispiel bei unserem Fall in Barcelona, wird es auf einmal wieder thematisiert und rückgefragt. Ich glaube, dass wir schon auch in Zeiten leben, wo diese Tendenz da ist, sich nicht mit einer klaren politischen Haltung in den öffentlichen Raum zu begeben, um Förderstrukturen – es geht meistens über die Ökonomisierung nicht in Frage zu stellen.

Der konkrete Fall, den Sie angesprochen haben jetzt bei der Ausstellung Post Peace in Istanbul, das war ein Preis. Wir waren in der Jury, Kuratorenpreis, den Katia Krupennikova bekommen hat, die hatten wir ausgesucht, die Ausstellung eben mit dem Titel Post Peace in den Unterlagen von ihr war alles transparent, der Auslober war eigentlich auch die ganze Zeit mit am Tisch bei allen Diskussionen, und dann wurde kurz vor der Eröffnung, vier Tage davor, die gesamte Ausstellung abgesagt.

Es ging um ein Kunstwerk von der Belitsa, die sich konkret auf den Kurdenkonflikt bezogen hat. Und dann hat die Bank komplett zurückgezogen, offiziell mit dem Grund, das ist auch interessant und das ist ja, man darf eigentlich über Konflikte nicht mehr in ihrer inneren Struktur reden, wenn sie auftreten, also wie im Kontext des Terrorismus, mit dem Grund, dass jetzt öffentliche Trauer angesagt ist und man keine Ausstellung eröffnen könnte, die sich mit dem Thema des Nachfriedens beschäftigt. Diese Bank, die den Preis auslobt, die hat aber auch Programme für Jazz und solche Dinge – Konzerte wurden nicht abgesagt. Also war es ein, kann man sagen, offiziell kann man sagen, offiziell wurde nicht der politische Grund genannt, aber das Verhalten legt nahe, dass es ein klarer Akt politischer Zensur war. Und lange, bevor jetzt der – diese Situation um Erdogan so eskaliert ist.

Frenzel: Herr Christ, das ist glücklicherweise heute nicht der Fall. Heute Abend werden sie eröffnen, die "Post-Peace"-Ausstellung in Stuttgart im Württembergischen Kunstverein, Direktor Hans D. Christ. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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