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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.06.2016

Ausstellung in ParisMuseum ehrt Jacques Chirac als Kunstliebhaber

Von Jürgen König

Das Musée du quai Branly wurde am 20. Juni 2006 in Anwesenheit von Kofi Annan von Jacques Chirac eingeweiht. (dpa / picture alliance / Le Figaro)
Vor zehn Jahren: Das Musée du quai Branly wurde am 20. Juni 2006 in Anwesenheit von Kofi Annan von Jacques Chirac eingeweiht. (dpa / picture alliance / Le Figaro)

Nur die wenigsten wissen, dass Frankreichs früherer Präsident Jacques Chirac ein glühender Verehrer außereuropäischer Kunst war. Das Musée du quai Branly in Paris zeichnet diese Leidenschaft in einer beeindruckenden, aber manchmal etwas unkritischen Ausstellung nach.

Es dürfte auch vielen Franzosen neu sein, zu erfahren, wie intensiv sich ihr früherer Präsident Jacques Chirac für außereuropäische Kunst nicht nur interessierte, sondern einsetzte, wohin immer er kam. Kurator Jean-Jacques Aillagon, ein alter Weggefährte Chiracs, war von 2002 bis 2004 auch französischer Kulturminister; seine Ausstellung will er nicht direkt als Hommage verstanden wissen – eher als Versuch, diese Leidenschaft des Jacques Chirac zu erklären:

"Der 15-, 16-, 17-jährige Jacques Chirac hat sich ganz dem Kulturellen hingegeben. Er hat die Antike studiert, die europäischen Kulturen, das Christentum, die Aufklärung - seine Neugier hat immer neue Wege gesucht; ich glaube, er hat sogar eine Zeit lang davon geträumt, Dichter zu werden, ein neuer Rimbaud - und so die Welt kennenzulernen. Aber das ging nicht, die Familie hat ihn immer wieder eingefangen, er sollte etwas Ernsthaftes studieren… Aber der Wunsch war immer da, diese Sehnsucht, seinen Horizont weit über das Normale hinaus zu erweitern."

Indem sie das kulturpolitische Engagement Jacques Chiracs nachzeichnet, beschreibt die Ausstellung gleichzeitig, wie lange es brauchte, bis der Blick des Westens auf die außereuropäischen Kulturen sich veränderte.

Einfluss afrikanischer Kunst

Am Anfang des Parcours dokumentieren Ausstellungsplakate anschaulich diese Entwicklung: während 1887 im Pariser Bois de Boulogne Frauen und Männer vom Volk der Aschanti aus dem westafrikanischen Ghana wie Tiere "ausgestellt" wurden, war erst 1919 afrikanische und ozeanische Kunst zum ersten Mal in Paris zu sehen. Und es brauchte weitere 80 Jahre, bis auch die ersten zeitgenössischen Kunstwerke aus diesen Regionen in Frankreich gezeigt wurden, "Zauberer der Erde" - eine Ausstellung von 1989.

Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande bei der Eröffnung einer Ausstellung Ausstellung im Musée du quai Branly zu Ehren von Jacques Chirac. (dpa / picture alliance / Jacky Naegelen / Pool)Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande bei der Eröffnung einer Ausstellung Ausstellung im Musée du quai Branly zu Ehren von Jacques Chirac. (dpa / picture alliance / Jacky Naegelen / Pool)

In welchem Maße afrikanische Kunst die europäischen Maler und Bildhauer beeinflusste, macht die Ausstellung auf faszinierende Weise nachvollziehbar. Etwa: von der Elfenbeinküste, ein Zeremonienlöffel der Dan-Kultur: er steht auf zwei metallenen Beinen, dem Menschen nachgebildet Füße, Zehen, Unterschenkel und Knie – darüber ein kurzer Stiel und dann – aus Holz: ein schön gewölbter Löffel, Symbol des Mutterleibs. Daneben eine Bronze von Alberto Giacometti: eine "femme cuillière", eine "Löffelfrau"  von 1926: auf zentralem Sockel eine Frau, deren ganzer Leib ein einziger Löffel ist, darüber angedeutet die Brust, ein kleiner Hals, ein kleiner Kopf.

Die Ausstellung berührt viele Gebiete außereuropäischer Kunst, schlägt einen weiten Bogen bis ins Heute: Adel Abdessemed etwa zeigt eine verklebte Taube, auf die Dynamitstangen gebunden wurden.

Vorliebe für eine international agierende Kulturpolitik

Und parallel dazu: Fotos, Dokumente, Bücher, Texttafeln zu Jacques Chirac. 18 Jahre lang war er Bürgermeister von Paris, 12 Jahre lang Staatspräsident. Gegen den Begriff vom "Kampf der Kulturen " setzte er immer den vom "Dialog der Kulturen"; auf  den Irak-Krieg, den er vehement ablehnte, reagierte er auch mit der Eröffnung einer Abteilung für Islamische Kunst im Louvre. Kurator Jean-Jacques Aillagon über die Vorliebe Chiracs für eine international agierende Kulturpolitik:

"Sie spiegelt sich in seinem ganzen diplomatischen Engagement, sein Interesse für Afrika zum Beispiel ist groß. Er hat sich immer und nachhaltig für bedrohte Völker eingesetzt, die Unesco-Konvention für Kulturelle Vielfalt mit durchzusetzen, war  ihm außerordentlich wichtig! Hier das Musée du quai Branly geht auf ihn zurück, die Kunst des Islams im Louvre, der Umbau des Musée Guimet, des Museums für asiatische Künste. Ich erinnere mich, als es darum ging, die 500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas zu begehen, sagte er mir: 'Aber die Eroberung Amerikas war doch für viele der Völker dort eine Katastrophe! Das feiern wir nicht, wir feiern, indem wir diese Völker zeigen, wie es sie in Amerika gab, bevor die Europäer kamen!' Also das kommt schon alles aus einem sehr überzeugten Engagement – und das sich auch in vielen Institutionen ausgewirkt hat."

Widersprüche, die es auch gab, spart die Ausstellung weitgehend aus, etwa den Umstand, dass Jacques Chirac  - bei aller Bewunderung auch der ozeanischen Völker und ihrer Künste – trotzdem entschied, die heftig umstrittenen französischen Atomtests im Südpazifik nach dreijähriger Pause wieder aufzunehmen.

Etwas Würdevolles

Und plötzlich - sieht man sich auf Augenhöhe fünf Büsten gegenüber: die byzantinische Kaiserin Ariane aus dem Rom des 6. Jahrhunderts schaut uns an, daneben eine Terrakotta aus Ghana, ein Frauenkopf, entstanden um 1800; neben ihr: ein pakistanischer Buddha aus dem 1.-3. Jahrhundert, der steinerne Kopf eines Bärtigen aus dem 12. Jahrhundert sowie ein skulpturierter Kopf aus der Merowingerzeit, aus Kalkstein gemacht etwa um das Jahr 600.

Frankreichs damaliger Staatspräsident Jacques Chirac schaut sich bei der Wiedereröffnung des Musee Guimet am 15. Januar 2001 in Paris asiatische Skulpturen aus dem 10. Jahrhundert an. (dpa / picture alliance / Remy De La Mauviniere)Frankreichs damaliger Staatspräsident Jacques Chirac schaut sich bei der Wiedereröffnung des Musee Guimet am 15. Januar 2001 in Paris asiatische Skulpturen aus dem 10. Jahrhundert an. (dpa / picture alliance / Remy De La Mauviniere)

Allesamt fein gearbeitet, mit den Mitteln ihrer Zeit, haben diese Büsten alle etwas Würdevolles - und unweigerlich denkt man: ja, ein universelles Kulturerbe – das gibt es; frappierend ist es zu sehen, wie zu unterschiedlichen Zeiten und Orten, unabhängig voneinander und unter verschiedenen Bedingungen doch Ähnliches, ja: Geistesverwandtes entstehen konnte.

Ausstellung im Musée du quai Branly vom 21. Juni bis 9. Okktober 2016 – aus Anlass des 10. Jahrestages der Eröffnung des Hauses am 23. Juini 2006 und zu Ehren seines Wegbereiters Jacques Chirac.

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