Ausstellung

In Frankreich vergessen

Denkmäler: Alexander (r.) und sein Bruder Wilhelm von Humboldt vor der Humboldt-Universität in Berlin.
Denkmäler: Alexander (r.) und sein Bruder Wilhelm von Humboldt vor der Humboldt-Universität in Berlin. © picture-alliance / Wolfram Steinberg
Moderation: Susanne Führer · 14.05.2014
Dass so viele Zeugnisse der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt in französischen Archiven schlummern, war bislang nicht bekannt, so Bénédicte Savoy. Die Kunstprofessorin hält deren Internationalität im Schaffen und Denken für bemerkenswert.
Susanne Führer: Die Ausstellung, die ab morgen in Paris gezeigt wird, ist eine Premiere. Ihr Titel "Die Brüder Humboldt. Das Europa des Geistes". Zum ersten Mal widmet sich nämlich eine Ausstellung beiden Brüdern, Wilhelm und Alexander, und zudem werden einige der Exponate zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Kuratiert wird diese Ausstellung von zwei Kunstwissenschaftlern der TU Berlin, von David Blankenstein und von Bénédicte Savoy, die mir jetzt aus Paris zugeschaltet ist. Guten Tag, Frau Savoy!
Bénédicte Savoy: Guten Tag!
Führer: Eine Ausstellung über die Brüder Humboldt in Paris, und zwar in der Sternwarte – warum Paris und warum die Sternwarte?
Savoy: Paris war eigentlich der Ort der Brüder Humboldt, oder jedenfalls von Alexander von Humboldt, der hat sich sehr als Pariser gefühlt, 25 Jahre hier gelebt. Er ist erst mit 60 Jahren ungefähr zurück nach Berlin, nach Deutschland gekehrt, und Paris war sein Biotop. Warum die Sternwarte? Weil er innerhalb dieser 25 Jahre ganz bestimmt viele, viele Nächte dort verbracht hat und sich den Kosmos, den Himmel von da aus angeguckt hat.
Führer: Sie haben ja für diese Ausstellung nicht nur in deutschen Archiven gegraben, sondern auch in französischen. Was haben Sie denn da Neues zutage gefördert?
Savoy: Gerade im Observatoire, in der Sternwarte, sind zum Beispiel unglaubliche Reliquien von Alexander von Humboldt. Sein Schreibtisch, sein Schreibmaterial, die letzten Zettel, die auf diesem Schreibtisch lagen, als er starb, seine Brille – das haben wir gefunden. Aber auch im Louvre, in der Bibliothèque Nationale, im Archive Nationale, ganz viele Belege für das deutsch-französische an diesen Brüdern. Auch von Wilhelm, der ja als Linguist mit allen wichtigen Linguisten der Zeit, inklusive Jean Champollion, der die Hieroglyphen entziffert hat, in regem Kontakt stand.
Führer: Und haben Sie auch Manuskripte gefunden?
Savoy: Wir haben das Manuskript gefunden – auch etwas, was in Deutschland nicht bekannt ist: Alexander von Humboldts Lebenswerk ist sein Buch "Der Kosmos". Die letzte Handschrift des "Kosmos" wird in Paris in der Bibliothèque Nationale aufbewahrt mit den allerletzten Korrekturen von Alexander von Humboldt, und das ist deswegen in der Bibliothèque Nationale, weil nach seinem Tod sein Sekretär das Napoleon III. geschenkt hat, und zwar mit einer ganz tollen Widmung, in der es heißt, ja, ich schenke das Frankreich, weil Alexander von Humboldt so ein Franzose war.
Bislang unentdeckte Schätze
Führer: Das ist ja verrückt, so viele Zeugnisse der Brüder Humboldt in französischen Archiven. Es gab ja nun in Deutschland diverse Neuausgaben ihrer Bücher, Ausstellungen und so weiter – war das eigentlich bekannt, dass da in Frankreich so viele Schätze schlummern?
Savoy: Nein, ich glaube, das war so nicht bekannt, und auch nicht in der Humboldtforschung, die eigentlich sehr, sehr gut ist. Aber diese Sachen sind zum Teil nicht inventarisiert, befinden sich an entlegenen Stellen in Paris, wo man sie möglicherweise nicht erwartet, weil eben Paris seit dem 19. Jahrhundert viele Zeugnisse aufbewahrt, wo sie entstanden sind. Das heißt, wenn Alexander von Humboldt mit der Société de Géographie, das ist eine geografische Gelehrtengesellschaft, zu tun hatte, hat diese Société de Géographie auch wichtige Sachen, zum Beispiel in diesem Fall ein Foto der Villa von Alexander von Humboldt in Teneriffa.
Führer: Sie haben jetzt über all diese Exponate gesprochen, also diese Zeugnisse, die Sie gefunden haben und die Sie eben auch ausstellen werden. Das klingt für mich so nach einer, ja, wie soll ich sagen, guten alten altmodischen Ausstellung, wo Sie anhand der Originalgegenstände ein Leben nachzeichnen wollen und jetzt gar nicht Videoinstallationen, Animationen, Filme und so weiter einführen.
Savoy: Es ist allerdings so, dass die Jahre um 1800 mit unserer Zeit sehr, sehr viel zu tun haben. Das heißt, in dem Augenblick, wo man sehr viele Briefe zeigt von diesen Brüdern, zeigt man, wie Internet sozusagen damals schon funktioniert hat. Oder der rege Austausch der Gelehrten. Wir sehen eine sehr politische Ausstellung, eine Ausstellung, die sagt, um 1800 war Europa nicht national gedacht von den Intellektuellen. Der Austausch zwischen den Nationen, zwischen Frankreich und Deutschland im europäischen Kontext und weltweit war so rege, dass sehr viele sich als Europäer gefühlt haben, und wir sollten uns unbedingt wieder daran erinnern. Und Objekte in ihrer Authentizität, in ihrer Ausstrahlungskraft, in ihrer Einmaligkeit erinnern möglicherweise viel mehr dran als Touchscreens.
Führer: Bénédicte Savoy ist Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin und Kuratorin einer Ausstellung über die Brüder Humboldt, die ab morgen in Paris zu sehen ist, und das ist jetzt unser Thema im Deutschlandradio Kultur. Frau Savoy, sie haben viele wichtige Stichpunkte gegeben. Ich nehme mal den Europäer auf. Der Untertitel der Ausstellung lautet ja "Das Europa des Geistes" – warum dieser Untertitel? Warum stehen diese Brüder für Sie so sehr für ein Europa des Geistes?
Keine rein biografische Ausstellung
Savoy: Wenn man eine Ausstellung über die Brüder Humboldt in Paris macht, ist es so, dass die Brüder Humboldt, der Name Humboldt wenig Assoziationen hervorruft beim Publikum, und wir wollten auch keine rein biografische Ausstellung über die Brüder Humboldt machen. Wir wollten anhand der Brüder Humboldt zeigen, wie diese Zeit um 1800, also aus französischer Perspektive die Zeit Napoleons, aus deutscher Perspektive die Zeit Goethes, wie diese Zeit einfach ein sehr homogenes Europa mit sehr, sehr viel Austausch war. Und das war uns wichtig. Die Brüder sind das Beispiel dafür oder sind die Brille, um das sichtbar zu machen. Deswegen der Untertitel.
Führer: Weil sie so viel in der ganzen Welt unterwegs waren und mit allen möglichen Wissenschaftlern vernetzt waren?
Savoy: Sie haben in Paris, London, Wien, Rom gelebt. Sie waren mit Wissenschaftlern der ganzen Welt in Verbindung. Ihr Denken war mobil. Also sie waren körperlich, physisch mobil, aber sie waren im Gehirn mobil, und zwar extrem mobil, viel mobiler als wir. Die sind in gewisser Hinsicht unserer Zeit voraus in ihrer intellektuellen Mobilität. Sie sprachen alle Sprachen, inklusive haben sie versucht, die Hieroglyphen zu entziffern oder altamerikanische Inschriften, also der Maja-Kultur. Das alles haben sie versucht, und zum Teil hat es auch sehr gut geklappt. Wilhelm von Humboldt ist einer der größten Linguisten unserer Zeit. Also von China bis Südamerika hat der alles versucht, in Verbindung zu setzen, was die Sprache angeht. Das Interesse für die Welt war extrem präsent, extrem anregend, und ich finde, wir haben viel von denen zu lernen.
Führer: In der Ankündigung dieser Ausstellung wird ja großer Wert darauf gelegt, dass das die erste Ausstellung über beide Brüder sei. Gehen Sie denn auch auf die Beziehung der Brüder untereinander ein, und anhand welcher Beispiele oder Geschichten?
Savoy: Also es geht um Fraternität. Das ist dieser Begriff der Brüderlichkeit, der nach der französischen Revolution, das ist die Zeit der Jungs, die waren 20, als die französische Revolution ausbrach. Sie waren in Paris, als die französische Revolution ausbrach. Und diese Brüderlichkeit, diese Fraternität ist für die Zeit sehr wichtig. Und wir zeigen das erstens, indem wir deren Leben gemeinsam vorstellen, bis die ungefähr 30 Jahre alt waren, ihre gemeinsamen Ursprünge, die französische Mutter, diese unglaublich reiche Ausbildung, die sie genossen zu Hause. Das machen wir gemeinsam, und dann zeigen wir die unterschiedlichen Wege der beiden, aber auch immer die Punkte, wo sie sich wieder finden. Zum Beispiel, was die Erforschung der Sprachen angeht: Wilhelm von Humboldt sitzt in Tegel in Berlin, in seinem Schloss, und untersucht die Sprachen. Aber Alexander von Humboldt bringt ihm Sprachproben aus Sibirien oder aus Südamerika. Das ist ein gemeinsames Projekt. Es gibt ein anderes gemeinsames Projekt, das die beiden gemeinsam mit Goethe durchgeführt haben, et cetera, et cetera. Wilhelm von Humboldt hat in Berlin das Alte Museum gegründet, ungefähr 15 Jahre später hat Alexander von Humboldt das Neue Museum auf der Museumsinsel gegründet. Das sind gemeinsame Interessen, und das zeigen wir immer in solchen Kristallisationen.
Führer: 2014 ist ja eigentlich das Jahr der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Vor hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Setzen Sie mit dieser Ausstellung vielleicht auch bewusst einen Kontrapunkt?
Kontrapunkt zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg
Savoy: Auf jeden Fall. 2014 ist tatsächlich hundert Jahre Erster Weltkrieg. Das ist aber 200 Jahre Sturz von Napoleon, 1814, als Paris sich zu einer riesigen internationalen Stadt oder in eine solche Stadt verwandelt hat. Die Brüder Humboldt waren bei dem Sturz Napoleons ganz, ganz tief in den preußischen Diplomatenkreisen involviert, die das Ganze miterlebt haben. Sie haben es beschrieben. Als Napoleon weggejagt wurde, musste auch sein Museum, was er sich zusammengeraubt hatte, aufgelöst werden. Beide Brüder Humboldt waren mit dabei. Das heißt, wir erinnern damit auch an 1814, und insgesamt wollen wir als Kontrapunkt zu den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg daran erinnern, dass Deutschland und Frankreich im europäischen Kontext immer Hand in Hand gegangen sind. Und die Art und Weise, wie man die Geschichte schreibt, kann entweder die Feindschaften hervortreten lassen oder auch die gemeinsamen Befruchtungen. Und das ist das, was uns in diesem Projekt interessiert hat.
Führer: Sie haben so schön geschildert, dass die französischen Archive ja voll sind mit Zeugnissen der Humboldts. Alexander hat 25 Jahre in Paris gelebt, war mit den französischen Geistesgrößen der Zeit bekannt und auch befreundet – und doch, haben Sie gesagt, würde der Titel der Ausstellung "Die Brüder Humboldt" in Frankreich eigentlich niemandem etwas sagen. Warum sind die heute so unbekannt?
Savoy: Ja, das ist seltsam. Warum das so ist, ist erstaunlich. Ich glaube, vor 100 Jahren etwa hätte jeder Pariser in Gelehrtenkreisen gewusst, wer die Humboldts sind. Das hat man vergessen. Es passiert so; in der Geschichte gibt es Momente der Vergessenheit, der Asymmetrien. In Deutschland sind ja die beiden nationale Helden, positive Helden der Bundesrepublik geworden. Seit zehn Jahren sind sie in Frankreich in Vergessenheit geraten. Das ist unser Job als Historiker, solche Effekte der Geschichtsschreibung, der Narration, wiedergutzumachen. Ich bin davon überzeugt, dass die Objekte, die wir gefunden haben und auch mit Hilfe der Berliner Museen und Institutionen auch dazu gekommen sind, sehr eindrucksvolle Objekte, dass damit in Paris, in Frankreich ein Bewusstsein für die Wichtigkeit dieser zwei Figuren entstehen wird.
Führer: Also eine Renaissance der Brüder Humboldt auch in Frankreich hoffentlich durch die Ausstellung "Les frères Humboldt", "Die Brüder Humboldt", "L'Europe de l'Esprit", "das Europa des Geistes", in der Pariser Sternwarte zu sehen noch bis zum 11. Juli. Bénédicte Savoy hat die Ausstellung kuratiert. Vielen Dank und viel Erfolg für Ihre Ausstellung!
Savoy: Herzlichen Dank!
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