Ausstellung über das frühere Logo der Volksbühne

Ein gutes Stück DDR-Theatergeschichte

05:22 Minuten
Ansicht auf die Fassade der Berliner Volksbühne.
Das DDR-Theaterschlachtschiff: Die Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz. © picture alliance/dpa | Christoph Soeder
Von Barbara Behrendt · 14.05.2022
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Bis zur Wende war das von Achim Freyer entworfene V das Logo der Volksbühne. Und Bernd Franke inspirierte es über Jahrzehnte bei der Gestaltung der Programmhefte und Plakate. Nun sind Werke von beiden in Freyers Kunsthaus in Berlin zu sehen.
Achim Freyer hat eine kleine Performance vorbereitet. Im lichtdurchfluteten Büro seiner Kunstvilla liest er einen Text, der die aktuelle Joseph-Beuys-Ausstellung abschließen und die neue Schau der Volksbühnenplakate mit dem von Freyer entworfenen V-Zeichen eröffnen soll.
Mit der Volksbühne verbindet den bildenden Künstler, Bühnenbildner und Regisseur eine lange Geschichte. Bevor er 1972 nach West-Deutschland floh, hinterließ er dem Haus 1970 das rechtwinklige V. Es sollte die Volksbühne bis zur Wende prägen und zum Erkennungszeichen werden, so wie im Anschluss das Räuberrad.

Die Ausstellung „Begegnungen – Plakate und Arbeiten von Bernd Frank und Achim Freyer für die Volksbühne“ ist bis zum 3. Juli 2022 in Achim Freyers Kunstvilla in Berlin-Lichterfelde zu sehen.

"Dieses V stand immer im Dialog"

Dass es so unverwechselbar wurde, hat maßgeblich mit dem Grafiker Bernd Frank zu tun, der die Plakate und Programmhefte des Ost-Berliner Theaterschlachtschiffs fast 40 Jahre lang gestaltet hat und Freyers V sozusagen über die Zeit rettete. Seine großformatigen Plakate hängen an diesem Tag noch nicht, Frank breitet sie auf dem Boden aus und erzählt wunderbar:
„Achim Freyer war der beliebte, berühmte, gewünschte Bühnenbildner der Volksbühne 1970/71, engagiert von Benno Besson. Und es hieß, wir müssten der Volksbühne mal ein neues Logo geben. Ich bin im Wettstreit mit Freyer angetreten. Mein Logo war viel schlechter, es war fürchterlich. Ich bin glücklich, dass es dieses V geworden ist. Dem kann man nichts entgegensetzen, dem kann man alles entgegensetzen. Dieses V rettet immer jedes Theaterstück. Das V hat es entweder unterstützt, hat ihm etwas entgegengesetzt, hat es zerstört. Dieses V stand immer im Dialog. Ich habe es nie als notwendiges Übel benutzt, sondern es war immer Teil der Gestaltung.“

Ein großes Stück DDR-Theatergeschichte

Zu sehen ist das zum Beispiel auf Bernd Franks Plakat von 1975 zu Carlo Gozzis „Das schöne grüne Vögelchen“ in der Regie von Helmut Straßburger und Ernstgeorg Hering: Auf blauer Farbe ziehen die Vögel im Freyer’schen V-Flug streng geordnet vorbei, eines davon ist rosa statt grün. Ganz anders dagegen das Plakat zu Manfred Karges und Matthias Langhoffs „Othello“ (1972), das allein mit Typografie und den Namen der Schauspielerinnen und Schauspieler spielt.
„Es musste in der DDR dann aber nach etwa einem halben Jahr aus einer Kunstausstellung abgehängt werden, weil Katharina Thalbach, die hier mitspielt als junge Schauspielerin, auch in den Westen gegangen ist“, sagt Bernd Frank. „Eine Republikflüchtige kann man nicht auf einem Plakat abbilden. Die Kunst war uninteressant, das Plakat musste verschwinden.“ 

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Die Ausstellung birgt also ein großes Stück DDR-Theatergeschichte, in die man am besten bei einer Führung mit Bernd Frank eintaucht, sonst bleiben einem viele Details verschlossen. Als reine Kunstplakate können die oft avantgardistischen, futuristischen Exponate jedoch auch für sich selbst stehen.

Keine Erklärungen oder Einführungen

Im Zusammenspiel mit Grafiken und Ölbildern Freyers aus den späten 60er-Jahren möchte die Schau zudem zeigen, wie sich Freyers V in sein Schaffen einordnen lässt. Im Kellerarchiv kramt er formstrenge Grafiken mit parallelen Linien hervor, Leucht- und Silberfarben durchziehen sie – ganz nach dem dialektischen Motto: Ordnung und Störung der Ordnung.
„Das sind alles kleine Arbeiten“, erklärt Achim Freyer, „aber ich hätte nie das V so erfunden, wenn ich das nicht gemacht hätte. Und ich habe mit dem V mich auch fortgesetzt gefühlt.“
Die Ausstellung hält es wie das ganze Haus, das man unbedingt besuchen muss: Die Kunst soll für sich sprechen, keine Erklärungen, Einführungen, keine didaktischen Worte sind hier zu finden.

2000 namenlose Schätze hängen an den Wänden

Im Anwesen verteilt hängen 2000 Kunstwerke dicht und zufällig nebeneinander:
„Rembrandt ist auch dabei und Renoir, Max Klinger. Das altert nie. Hier ein kleiner Neo Rauch, ein großer Polke“, sagt Achim Freyer. „Jetzt verrate ich die ganzen Namen, dabei hängt kein einziges Namensschild. Jeder soll frei sein vor der Ehrfurcht vor den Namen. Man muss ja ein Verhältnis zur Kunst an sich herstellen und nicht, dass die Kunst einen vergewaltigt. Wir brauchen sie ja.“
Im Gästezimmer hängt auf der von Freyer gestalteten rot-blauen Tapete ein Bild in denselben Farben mit ausdrucksstarken Pinselkreisen. Ein Affe hat es gemalt, erzählt er. So etwas erfreut Freyer, der augenzwinkernd und immerfort neugierig auf die künstlerischen Entdeckungen, die es nach wie vor zu machen gilt, durch seine Stockwerke streift.
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