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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.03.2015

Ausstellung aus Tel Aviv in BerlinSammeln aus Leidenschaft

Von Jochen Stöckmann

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Die Installation "Wenn Diktatoren wüten" (2013) von Michal Helfman ist am 26.03.2015 im Martin-Gropius-Bau in Berlin in der Ausstellung "Jahrhundertzeichen" des Tel Aviv Museums zu sehen. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
Die Installation "Wenn Diktatoren wüten" (2013) von Michal Helfman in der Ausstellung "Jahrhundertzeichen" des Tel Aviv Museums im Berliner Martin-Gropius-Bau (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Sie sind erstmals in Europa zu sehen: Das Tel Aviv Museum zeigt in der Berliner Ausstellung "Jahrhundertzeichen" rund 70 Meisterwerke. Neben Werken etwa von Marc Chagall, Max Pechstein und Video-Installationen erklärt die Schau auch, wie ein armes Museum zu einer rekordverdächtigen Kollektion kommt.

Ein orientalischer Teppich, projiziert auf einen altarähnlichen Sockel, dazu aus einem Beamer goldene Bilderrahmen mit niederländischen Motiven des 17. Jahrhunderts: Nevet Yitzhak springt mit modernster Technik durch die Zeiten, die Stilrichtungen. Seine Audio-Video-Installation beschließt einen Parcours mit Kabinetten voll von erlesenen Gemälden – von James Ensor bis hin zu Arshile Gorky, Hans Hofmann, Eva Hesse. Das scheint – zumindest auf den ersten Blick – nicht recht zusammenzupassen. Genau deshalb hat Direktorin Suzanne Landau die Video-Installation als Schlusspointe für die Präsentation ihres Tel Aviv Museum of Art ausgewählt:

"Wir versuchen immer, die Balance zu finden zwischen zeitgenössischen israelischen und internationalen Künstlern. Hier in Berlin zeigen wir nun erstmals mit Gegenüberstellungen, wie sich das im Verhältnis zur modernen Kunst entwickelt hat. Das ist der Geist des Museums, unser 'spirit': Wir haben diese Meister der Moderne, sind aber auch sehr zeitgenössisch."

In einer Video-Arbeit dokumentierte Nira Pereg 2008 die "Stillegung" jüdisch-orthodoxer Viertel in Jerusalem am Vorabend des Sabbat ebenso minutiös wie ironisch-kritisch. Daneben sind aber auch die naiv wirkenden, aber mit heiligem Ernst gemalten Bilder Marc Chagalls zu sehen. Eine Brücke zwischen solchen Arbeiten liefert die Historie, die Geschichte des Museums:

"Karl Schwarz, der erste Direktor, kam aus Berlin. Er stellte Zeitgenossen aus: 1932/33, als mit dem Gemälde von Chagall das erste Werk in die Sammlung kam, da war das zeitgenössische Kunst."

Zeitgeschichte nicht ausgeblendet

Vor ferner Stadtsilhouette hüllt sich ein resigniert dreinschauender Jude mit Thorarolle in einen Gebetsumhang, daneben kauert eine weiße Kuh, unterm davonfliegenden Engel liegt die weggeworfene Geige, die "Fidel". Gemälde wie Chagalls "Einsamkeit" lassen sich heute nicht mehr betrachten wie in den Anfangsjahren des Museums. Zumal in Deutschland nicht, wo die Kuratoren im Begleittext den folkloristischen Begriff "Schtetl" durch "jüdische Gemeinschaft Osteuropas" ersetzt haben:

"Wir möchten all diese Klischees von jüdischer Tradition nicht. Selbstverständlich kam Chagall aus einem Zusammenhang, den man 'Schtetl' nennt. Aber andererseits sind wir nun einmal kein Jüdisches Museum."

Die Zeitgeschichte wird dennoch nicht ausgeblendet. In einem Saal ist eine kleine Farbkopie vom "Triumph des Todes" an die Wand geheftet, dem letzten Gemälde des 1944 in Auschwitz ermordeten Felix Nussbaum. Einige Elemente dieses Totentanz zwischen Ruinen – der Schwanz eines Papierdrachen, verschiedene Musikinstrumente – sind ganz real daneben aufgebaut: Vorbereitung für die Performance-Installation "Wenn Diktatoren wüten", mit der Michael Helfman Nussbaums Vision 70 Jahre später umsetzt – zeitgenössisch.

"Jahrhundertzeichen" heißt die Schau – und der Blick zurück reicht tatsächlich weit über das Jahr 1933 hinaus. Damals kam Karl Schwarz nach Tel Aviv, trat in dem zum Museum umgewidmeten Privathaus des Bürgermeisters Meir Dizengoff sein Amt als Direktor an: 

"Er war selber Sammler und brachte Papierarbeiten mit, insgesamt 2500. 1300 davon schenkte er dem Museum. Da sieht man, welcher Kunstrichtung sein Interesse galt: dem deutschen Expressionismus."

Ungewöhnliche Arbeiten von Jackson Pollock oder Mark Rothko

Der ist bestens vertreten mit Meidner, Pechstein, Schmidt-Rottluff und Heckel. Und wird ebenfalls ins Zeitgenössische gewendet durch eine Hommage von Salomé, dem Neuen Wilden: "Brief Kirchner" hat er sein Gemälde 1979 betitelt, ein Selbstporträt als nackte, kahlköpfige Männergestalt vor dem Hintergrund eines handgeschriebenen Briefes mit einem Text von Ernst Ludwig Kirchner. Wer aber brachte dieses Werk nach Tel Aviv, wie aber kommen solche Konstellationen zustande?

"Sie wissen warum? Museen in Israel sind arm, haben kaum Ankaufsetats. Sie sind abhängig von der Freigebigkeit der Freunde – und der Künstler. Viele Werke sind Schenkungen von Künstlern. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn so ist diese Sammlung zustande gekommen."

Damit fügen sich die Provenienzen, Schenkungen durch Mäzene wie Guggenheim, Goeritz, Schapira, Rubinstein zu einer Kunst- und Kulturgeschichte. Und auch das gehört zum "spirit" dieses Museums, der sichtbar wird in ganz ungewöhnlichen, kleinformatigen Arbeiten von Jackson Pollock oder Mark Rothko. Da hat jemand nicht einfach nur mit Blick auf große Namen eine teure oder gar rekordverdächtige Kollektion zusammentragen lassen, sondern aus eigener Kenntnis und Leidenschaft gesammelt. Nur so kommen Kostbarkeiten ins Museum.

Die Ausstellung "Jahrhundertzeichen" des Tel Aviv Museums ist bis zum 21. Juni 2015 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Mehr zur Ausstellung der Webseite des Martin-Gropius-Baus. Sie findet statt aus Anlass der Aufnahme dipomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland vor 50 Jahren.

Mehr zum Thema:

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