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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.07.2017

Ausstellung "Art and Alphabet" in HamburgWenn Blixa Bargeld die Tastatur vorliest

Von Anette Schneider

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Blixa Bargeld bei einem Konzert der Einstürzenden Neubauten. (imago/Pacific Press Agency)
Aus Buchstaben kann man nicht nur Wörter bauen. (imago/Pacific Press Agency)

Buchstaben kann man lesen - oder man baut Kunst aus ihnen. Dabei erzielen die Künstler mitunter verblüffende Einsichten, wie nun eine Ausstellung "Art and Alphabet" in der Hamburger Kunsthalle zeigt. Auch einem Punk-Poeten darf man dabei lauschen.

Je einem der Lautsprecher ist ein Buchstabe des armenischen Alphabets zugeordnet. Eine Stimme liest all die Wörter vor, die in einem Wörterbuch unter diesem Buchstaben aufgelistet sind.

"Und je nachdem, wo wir im Raum stehen, können wir einzelne Buchstaben hören", sagt Kuratorin Brigitte Kölle. "Oder im Ganzen ist das natürlich ein Wabern, was einen einfängt und was einen natürlich auch total überfordert. Wenn wir eine menschliche Stimme hören, wollen wir auch verstehen, was die sagt!"

Die Arbeit stammt von dem 1977 in Syrien geborenen und heute in Belgien lebenden Künstler Mekhitar Garabedian. Seine Eltern stammten aus Armenien und sprachen mit ihren Kindern ausschließlich armenisch.

"Seine Muttersprache letztlich ist etwas, was er auch mühsam immer wieder neu erlernen muss, vor allem beim Schreiben. ... Also die Frage danach: 'Was macht eigentlich eine Biografie, die durch Migration geprägt ist, dann auch mit der Sprache? Wo ist Sprache auch etwas Identitätsstiftendes und auch ein Stück weit Heimat?'

Sprache als Politikum

Sprache als Politikum begegnet einem in der Ausstellung immer wieder: Die libanesische Künstlerin Mounira al Solh etwa stickte auf große bunte Tücher und kleine Stoffe arabische, französische und englische Worte und spiegelt so den einzigartigen vielsprachigen Dialekt, der in Beirut gesprochen wird.

Andere entwickeln in der Tradition der konkreten Poesie aus Wörtern und Buchstaben Bilder, wobei sich Lesen und Sehen stets in die Quere kommen. Und der Hamburger Künstler Michael Bauch inszeniert alte Leuchtbuchstaben auf einer Turnmatte samt gespanntem Drahtseil als Zirkusartisten - als wolle er daran erinnern, welch grenzenlose Fantasie jedem einzelnen Buchstaben innewohnt.

Der Künstler Michael Bauch und seine Installation:

Genau diese Fantasie inspirierte Brigitte Kölle auch zu ihrer Ausstellung:

"Es ist schon auffallend, das heute Künstler die Schrift in einer sehr, sehr spielerischen und neugierigen Art und Weise als Material nutzen. Und das sehr vielfältig tun: Also entweder eigene Alphabete kreieren, um die Welt zu verstehen oder auch bestehende Schriften aufbrechen, also Leseprozesse auch verlangsamen durch besondere Typografien beispielsweise. Oder eben auch Alphabete vertonen."

Irritierend neue Sichtweisen

33 Minuten lang lässt Ignacio Urate den Sänger Blixa Bargeld dieselbe Buchstabenfolge sprechen - von ruhig und melodiös bis gereizt und genervt. Was so kryptisch klingt, dürfte doch Vielen unbewusst vertraut sein: Es handelt sich um die mittlere Buchstabenleiste der Computer-Tastatur.

Leicht hätte eine Ausstellung über Kunst und Schrift eine trockene Aneinanderreihung kalligraphischer Arbeiten und konkreter Poesie werden können. Hier aber ermöglichen Zeichnungen und Duftbilder, Installationen und Videoarbeiten von insgesamt 22 zeitgenössischen, internationalen Künstler und Künstlerinnen unterhaltsame und erhellende Ein- und Ausblicke.

Das von Friederike Feldmann entworfene Werbebanner:

Immer wieder irritieren sie scheinbar Vertrautes, eröffnen neue Sichtweisen auf Schrift und Sprache, Wort und Bild - und das Lesen: So entwarf Friederike Feldmann für die Ausstellung ein riesiges Werbebanner, das an der Außenwand der Galerie der Gegenwart hängt: Schon von Weitem springen einem die weißen Buchstaben auf rotem Grund ins Auge. Nur - irgend etwas stimmt damit nicht:

"Man wird irritiert zurückgelassen, weil es nicht lesbar ist. Es ist sozusagen eine Schrift, die die Schrift selbst thematisiert, aber eben nicht eine Information mitliefert."

Küchengeräte als Waffe

Brigitte Kölle rundet ihre gelungene Ausstellung ab mit einigen historischen Verweisen aus den 1960er und 70er Jahren. Darunter ist auch Martha Roslers großartige, bis heute aktuelle Videoarbeit "Semiotic of the kitchen".

1975 führte die junge us-amerikanische Künstlerin mit stoischer Miene in einer Küche alphabetisch geordnet Küchengeräte vor. Dabei werden ihre Handbewegungen immer aggressiver, bis sie Messer, Gabel, Eispickel und Mixer als Waffen benutzt - und mit Furor das vorherrschende, von Männern auch mithilfe der Sprache festgeschriebene Rollenbild der Frau als Hausfrau zerschlägt!

Art and Alphabet
in der Hamburger Kunsthalle
von 21. Juli bis 29. Oktober 2017
Impressionen von der Ausstellung unter #ArtAndAlphabet
Weitere Informationen hier.

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