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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2006

Ausschweifungen unter Bombengedröhn

Patrick Hamilton erzählt von "Sklaven der Einsamkeit"

Rezensiert von Wolfgang Schneider

Die Ju 87 Stuka der Wehrmacht (AP Archiv)
Die Ju 87 Stuka der Wehrmacht (AP Archiv)

England während des II. Weltkrieges: Zahlreiche Londoner haben sich in die Kleinstädte zurückgezogen, um den regelmäßigen Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe zu entgehen. So auch in der Pension "Rosamund Tea-Room" in Thames Lockdon, wo ein seltsames Figurenensemble zusammentrifft, das Patrick Hamilton mit abgründiger Unterhaltungskunst beschreibt.

Hitchcock zählte ihn zu seinen Lieblingsautoren. Er verfilmte eines seiner erfolgreichen Theaterstücke: "Rope", zu Deutsch "Cocktail für eine Leiche". Wer den Roman "Sklaven der Einsamkeit" liest, ahnt, was dem Meister an diesem Autor gefiel: die klaustrophobe Energie, das kammerspielartig zusammengezwungene Figurenensemble, der skurrile Witz und eine manchmal verblüffende Psychologie des Zwischenmenschlichen.

Normalität wird geschildert, ins Gespenstische getrieben. Schauplatz ist ein provinzieller Londoner Vorort namens Thames Lockdon, im Dezember 1943. Zahlreiche Londoner haben sich während des Krieges in die Kleinstädte zurückgezogen, um dem Terror des "Blitzes" zu entgehen - den regelmäßigen Bombenangriffen, mit denen die deutsche Luftwaffe das Land zermürben will.

Thames Lockdon "war nur eine Kleinstadt unter Tausenden dieser Art, die sich über das ganze Land verstreut vor dem Weltkrieg versteckten". Dort leben die Menschen nun in Pensionen zusammengedrängt, bilden skurrile Wohngemeinschaften. Es blühen die Idiosynkrasien, es schwelen die Konflikte, es bilden sich Parteien und Fronten. Theatralische Ausbrüche sind vorprogrammiert.

So auch im "Rosamund Tea-Room". Sartres Formel "Die Hölle, das sind die anderen" scheint ganz auf diese kleine Pension gemünzt. Im Speiseraum würde beklemmendes Schweigen herrschen, wäre da nicht der alte Mr. Thwaites, ein selbstzufriedener Tyrann, der alle mit dümmlich-witzigen Kommentaren zur Weltlage und unerwünschten Einmischungen in fremde Belange belästigt. Sein Lieblingssport: zu sticheln und den Mitmenschen mit kalkulierten Gehässigkeiten den Tag zu verderben.

Miss Roach, die Hauptfigur des Romans, hat ihn zu fürchten gelernt. Sie ist eine etwas gouvernantenhaft wirkende Frau von Ende dreißig. Hoffnung auf Liebesglück hat sie längst begraben. Sie arbeitet für einen Londoner Verlag und ist froh, ihrem früheren Beruf entkommen zu sein. Lehrerin an einer Jungenschule war sie einmal und hatte dort bald den Spitznamen "alte Schabe" weg. Seit sie in Kensington ausgebombt wurde, lebt sie im "Rosamund Tea-Room".

Diese scheinbar langweilige Person verfügt über ein aufgeregtes Innenleben. Vom Leben gedemütigt, wittert sie schnell Verletzungsabsichten. Bemerkungen der anderen zeichnet sie innerlich auf und lässt sie im stillen Kämmerlein noch einmal ablaufen, um den gegen sie gerichteten Gemeinheitsgehalt genau zu ermitteln. Das Innenleben der Miss Roach ähnelt also einem Hitchcockhelden auf der Flucht.

In Thames Lockdon gibt es amerikanische Soldaten und Offiziere, die im Wartezustand leben: irgendwann im Lauf des nächsten Jahres soll die "Zweite Front" eröffnet werden. Einer von ihnen ist Lieutenant Dayton Pike, der bald die überraschte Miss Roach zu umwerben beginnt. Es ergibt sich die Perspektive auf eine unvermutete Ehe. Für die Verlagsfrau scheint sich ein Triumph über die Verhältnisse im "Rosamund Tea-Room" abzuzeichnen. Bald wird jedoch deutlich, dass Leichtfertigkeit die hervorstechende Eigenschaft des Lieutenants ist. Kein Abend, den er nicht unter regelmäßiger Alkoholzufuhr verbringt. Keine Frau unter sechzig, die vor seinen Küssen und Heiratsversprechen sicher sein darf.

Und dann ist da noch Vicki Kugelmann, die deutsche Freundin von Miss Roach, die seit langem in England lebt und trotzdem von manchen für eine Spionin gehalten wird. Als sie in die Pension einzieht, erweist sich bald die Unvereinbarkeit der Charaktere. Vicki liebt die kessen, koketten Redensarten. Schmollmund, Bubikopf, Rauchen mit Zigarettenspitze: die Tierarztsekretärin ist noch ganz der Typ von 1925, der sich in Posen der Laszivität gefällt. Jedenfalls zerfällt hier - nicht zuletzt in der Rivalität um den Lieutenant - eine vermeintliche Freundschaft vor den Augen des Lesers, und in der detailreichen Beschreibung dieses Vorgangs entwickelt der Roman seine stärksten Passagen:

"Zwischen diesen beiden Frauen herrschte eine Fehde, die geradezu beispiellos war in der Geschichte des Pensionslebens, ja, in der Geschichte der Frauen..."

Es ist eine gespenstische Komödie, die sich abspielt: alberne Streitigkeiten unter dem Dach einer mediokren Pension, über die in den Abendstunden die Bombergeschwader dröhnend hinweg fliegen, Richtung Deutschland.

1962 starb Patrick Hamilton an der Leberzirrhose; mit "Hangover Square", im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung im Dörlemann-Verlag wiederveröffentlicht, hat er einen der kanonischen Alkoholiker-Romane geschrieben. Auch in "Sklaven der Einsamkeit" wird viel getrunken. Zur Kriegsatmosphäre gehört die Aufgekratztheit der Menschen, ihre kurzentschlossene Neigung zu Rausch und kleiner Ausschweifung, wo sie sich bieten. Die Geschäfte sind leer, alles ist rationiert, aber die Pubs sind voller Leben.

Man liest dieses Buch, wie man ein guten, alten Schwarzweißfilm von Hitchcock anschaut: gefesselt und amüsiert, auch von der etwas antiquierten, viktorianisch anmutenden Deutlichkeit der Charaktere. Es ist Qualitätsarbeit, gediegen konventionell und doch abgründig; beste Unterhaltung, wenn auch mit einem nicht ganz überzeugenden Finale.


Patrick Hamilton: Sklaven der Einsamkeit
Roman; aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
Dörlemann Verlag, 2006;
335 S., 22,80 Euro

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