Ausfall von Schwimmkursen

    Der Rückstau wächst in der Pandemie immer weiter

    22:42 Minuten
    In einem Schwimmbecken stoßen sich knapp zehn Kinder vom Beckenrand im Nichtschwimmerbereich ab. Sie haben Schwimmnudeln. Ein Schwimmlehrer steht im Wasser in schwarzem Short und Shirt vor ihnen.
    Ein Ferienschwimmkurs in Berlin im Jahr 2012: Was damals ging, ist seit März vergangenen Jahres die längste Zeit unmöglich gewesen. Nun fragt sich, wann die Kinder das Schwimmen lernen können. © imago / Ulli Winkler
    Von Fritz Schütte · 23.05.2021
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    Geschlossene Bäder, keine Schwimmkurse, Schulschwimmen nur in Kleingruppen: Mehr als 100.000 Kinder warten darauf, schwimmen lernen zu können. Es wird Jahre dauern, bis dieser Rückstand aufgeholt ist. Aber die Not macht auch erfinderisch.
    Die sechs Jahren Zwillinge Paul und Felix haben 2019 einen Schwimmkurs begonnen, im März 2020 musste der aber wegen Corona zum ersten Mal pausieren. Später wurde der Unterricht wiederaufgenommen, "bis zum Lockdown im November", berichtet ihre Mutter Sandra. Die Söhne hätten da gerade die Seepferdchen-Prüfung ablegen wollen. Die fehlt ihnen nun – und damit das Gefühl, es geschafft zu haben.
    "Jetzt kommen sie im Sommer in die Schule und können vermutlich noch nicht schwimmen. Aber das können dann wahrscheinlich viele Kinder nicht", vermutet Sandra Gerlach. "Wir bauen dann aufs Freibad und den Sommer, und werden dort dann in eigener Regie wahrscheinlich erst mal weiter üben."
    In Berliner Schulen steht Schwimmen ab der dritten Klasse auf dem Lehrplan. Dann sind Kinder in der Regel neun Jahre alt und Schwimmen lernen wird schwieriger.

    Furcht vor einem Nichtschwimmer-Problem

    Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbandes (DSLV), berichtet zudem: "Ich hab viele Kinder erlebt, die haben das Seepferdchen gehabt, sind von A nach B irgendwie gekommen, waren aber keine sicheren Schwimmer. Die hast du dann irgendwo ans Meer raus geschickt, dann kam eine Welle und dann waren sie weg."
    Der Verband wurde vor einigen Jahren ins Leben gerufen – als Interessenvertretung eines Berufsstandes, der sich stiefmütterlich behandelt fühlt. "Es gibt zu wenig Schwimmlehrer. Es gibt zu wenig Schwimmbäder. Und das Ganze explodiert gerade durch Corona", sagt Gallitz, der 1998 seine Schwimmschule Flipper gegründet hat.
    Auch hier werde durch die Corona-Pandemie aufgedeckt, was alles im Argen liege: "Ich befürchte ein ganz großes Problem, zwar nicht in den nächsten zwei Jahren, aber in den nächsten 15 Jahren, weil dann nämlich diese Kinder keine gut ausgebildeten Schwimmer sind. Wenn sie 15, 16, 17 sind und an Baggerseen gehen, werden wir große Probleme kriegen. Das ist meine Zukunftsprognose und die ist nicht schön."
    Wenn Kinder ins Wasser fallen, werden sie oft noch rechtzeitig herausgefischt. Statistisch erfasst werden nur Unfälle, die tödlich ausgehen. "Es sind gerade mal, – zum Glück muss man sagen –, letztes Jahr 20 Kinder ertrunken", sagt Gallitz. "Und das bei 80 Millionen Einwohnern. Das ist wirklich verdammt wenig. Die meisten Ertrinkungstoten seien Männer über 50 – die sich wohl überschätzten. "Herzinfarkt, Saufen, Drogen, keine Ahnung."
    Gallitz erklärt, wie man das Schwimmen am besten erlernt: "In der Badewanne fängt es an. Je früher, desto besser. Die Grundfähigkeiten für die Kinder, zu tauchen, unter Wasser auszuatmen, das kann man im Baby- und Kleinkinderschwimmen schon trainieren. Da gibt es Vorbereitungskurse, und dann kann dann ein dreijähriges Kind tatsächlich ein sicherer Schwimmer werden."
    Sein jüngstes Seepferdchen sei zweieinhalb Jahre alt gewesen. "Die ist tatsächlich ihre 25 Meter geschwommen, ist vom Ein-Meter-Brett gesprungen und getaucht wie eine Weltmeisterin."

    Wartezeit für Schwimmkurse wächst

    Von den letzten 14 Monaten, sagt Josephine Krause, war "Aquaphine" wie alle Berliner Schwimmschulen zehn geschlossen: "Für die Schwimmlernkurse sind wir bei Wartezeiten von über einem Jahr. Das waren wir vorher schon, und Corona hat es nicht besser gemacht. Wir sind jetzt sicher bei anderthalb Jahren Wartezeit auf einen Schwimmlernkursplatz."
    Joni wirft Tauchringe ins Wasser und springt hinterher. Josephine hat ihn und seine Mama heute eingeladen. Private Gäste dürfen schwimmen. Joni ist wirklich mehr unter als über Wasser unterwegs. Sogenannte Therapiebecken mit Wassertiefe von 1,25 Meter sind ideal fürs Babyschwimmen, Seepferdchentraining und für Aquafitness.
    "Die ältesten Teilnehmer bei uns sind 96 Jahre", sagt Josephine Krause. "Das ist eine Gruppe, die durchgeimpft ist, und die dürfen trotzdem nicht an einem Aquafitnesskurs teilnehmen. Das kann man niemandem erklären."

    Im Wasser schützt das Chlor

    In einer Stellungnahme des Umweltbundesamtes vom 12. März letzten Jahres heißt es: gechlortes Schwimm- und Badebeckenwasser ist gut gegen alle Viren, einschließlich Coronaviren, geschützt.
    "Effektiv ist es so, dass das gechlorte Wasser den umhüllten Coronavirus aufbricht und damit unschädlich macht. Man ist nirgendwo sicherer als in einem Chlorbecken", sagt Krause, "Jede Fahrt mit dem Bus ist gefährlicher als ein Aufenthalt bei uns im Wasser."
    Josephine Krause hat fleißig investiert, seit sie das Bad von einer Physiotherapie übernommen hat. Im Maschinenraum rauschen die Kessel. Das gechlorte Wasser wird zusätzlich mittels UV und Salzelektrolyse entkeimt.
    "Wenn man das mal nicht mehr chloren würde, dann kommt Algenbildung. Und das dann weg zu kriegen, ist an sich unmöglich. Da müsste man es austauschen. Und das geht in einige tausend Euro, 60.000 Liter Wasser mal eben auszutauschen. Deswegen läuft das durch seit Monaten."

    Online-Wassergewöhnung mit Blubberparty

    Einen anderen Weg, Kindern das Schwimmen beizubringen, probiert Mynia Deeg aus: "Toll, dass ihr da seid bei unserer allerersten Blubberparty. Wir blubbern jetzt mal in die Hand. Einfach die Hand ins Wasser legen, ein bisschen Wasser in die Hand nehmen und dann in die Hand blubbern. Super!"
    Die Kamera zeigt Mynia Deeg, wie sie ihrem Sohn, der sich über eine Schüssel beugt, die Haartolle zurückhält, dabei auf den Monitor schaut und Kinder anfeuert, die zu Hause vor dem Bildschirm blubbern. Die Blubberparty ist Höhepunkt des Wassergewöhnungskurses der onlineschwimmschule.de .
    "Jeder hat eine Schüssel Wasser vor sich, manche hatten auch einen Eimer", berichtet Deeg. "Dann ist nach 30 Minuten das Highlight, dass idealerweise alle ihren Kopf ins Wasser stecken. Das funktioniert nicht bei allen, aber es haben jedenfalls alle megaviel Spaß."
    Mutter Mynia Deeg hält ihrem Sohn die Haartolle aus dem Gesicht, während er sein Gesicht in einer Wasserschüssel taucht.
    Mynia Deegs Sohn ist bei den Online-Kursen der Mutter dabei. Er zeigt, was die anderen KInder machen sollen.© Deutschlandradio / Fritz Schütte
    Die Blubberparty nimmt Fahrt auf. Spielfiguren sollen in die Schüssel getaucht werden. Paul stellt seinen Bumblebee vor. Mynia Deeg fordert die anderen Kinder an den Bildschirmen auf, auch ihre Spielsachen vorzustellen: "Es wäre toll, wenn ihr sagt, ob die schwimmen können auf dem Wasser oder untergehen."

    Für Abonnenten schaltet Mynia Deeg aufeinander aufbauende Lernvideos frei. Einige richten sich an Kinder, andere an Eltern. "Viele Eltern kennen das Thema vom Haare waschen her. Wie schaffe ich es, dass mein Kind Wasser im Gesicht und auf den Kopf toleriert? Das ist eine ganz wichtige Fähigkeit", sagt sie, "auch später im Schwimmbad oder in einer gefährlichen Situation, dass das Kind Wasser im Gesicht gewohnt ist und nicht sofort in Panik ausbricht."
    Mynia Deeg wischt ihrem Sohn mit einem Handtuch übers Gesicht. Er ist fünf und hat vor anderthalb Jahren unfreiwillig den Anstoß für die Onlineschwimmschule geliefert. "Der ist in einem Moment, in dem er nicht beobachtet wurde, ohne Schwimmhilfe ins Becken gegangen, weil er da was rausholen wollte. Er war aber vorher noch nie ohne Schwimmhilfe im Wasser und hat sich sehr gewundert, dass er untergeht. Wir haben das im letzten Moment noch gesehen und haben ihn dann da wieder raus gefischt. Dann habe ich mir gedacht: Oh ja, das Schwimmen ist ein Thema, das werden auch andere Eltern haben. Dann habe ich ein Experiment gestartet und gesagt, wenn ich es schaffe, meinem Sohn, der sicher nicht der einfachste ist, das Schwimmen beizubringen, dann können das andere Eltern auch."

    Daheim statt im Schwimmbad

    Schwimmbäder sind ideal fürs Schwimmen lernen, aber bis sie wieder öffnen, kann an der Wassergewöhnung gearbeitet werden. "Man braucht nur eine Schüssel Wasser, da kann man dann die richtige Atmung schon üben", sagt Mynia Deeg: "Das Gesicht eintauchen und ganz wichtig: korrekt atmet man ins Wasser aus, und über Wasser aus." Das fänden die meisten Kinder auch toll.
    Phillip Oppermann aus Kronberg hat vier Kinder und nimmt das Angebot von Mynia Deeg war. "Unser Sohn, fünf, sollte Schwimmen lernen, schon im letzten Jahr, im Frühling, da waren natürlich auch die ganzen Anmeldungen schon parat. Tatsächlich konnte es dann aber nicht stattfinden", berichtet Oppermann.
    Er sei skeptisch gewesen gegenüber der Onlineschwimmschule, überzeugt habe ihn schließlich das Thema Haare waschen. "Du lachst. Aber das sind Probleme, die man als Elternteil leicht nachempfinden kann, wenn du dann deine Lütten in der Badewanne sitzen hast und die sagen: ‚Nein, ich will kein Wasser! Nicht auf den Kopf!"‘ Er freue sich, einen Weg gefunden zu haben, das Ganze spielerisch anzugehen.
    "Wir haben einen kleinen Teich, so einen Miniteich, im Garten. Wir haben den Bach hinter dem Grundstück. Genug Gefahrenpotenzial also, um sich nicht nur nasse Füße, sondern möglicherweise auch Schlimmeres zu holen. Das gibt ein gutes Gefühl, tatsächlich zu wissen: die machen das schon."

    "Kinder wollen machen"

    Lilli Ahrendt sei die Koryphäe auf dem Gebiet Säuglings- und Kinderschwimmen, heißt es auf der Webseite der Deutschen Sporthochschule. "Schwimmen für Kinder", "Schwimmen macht Schule" – ihre Bücher sind voller Spielideen.
    "Kinder wollen machen. Denen gibt man im Prinzip einen kleinen Tipp, und dann legen die schon los", so Ahrendt. "Das sind Macher, und diese Macher wollen ihre eigenen Erfahrungen machen. Kinder wollen nicht so viel gesagt bekommen. Der Erwachsene will lieber was gesagt bekommen."
    "Was schwebt? Was sinkt? Warum kann der Mensch schweben? Ah, wir haben wie ein Luftballon eine Lunge. Können wir uns denn festhalten im Wasser? Nein, das Wasser ist ja flüssig. Wir können uns ja gar nicht daran festhalten. Es gibt uns keinen Halt. Wo könnten wir uns festhalten? Ah ja, am Beckenrand können wir das. Toll, super. Dann fangen wir doch da mal an als Kletteräffchen am Beckenrand entlang."
    Mit den Beinen strampeln! Die linke Hand lässt los! Die rechte Hand lässt los! Beide Hände lassen los!
    "Hurra, ich kann schwimmen! Das ist für das Kind, wenn es loslassen kann, irgendwie so ein bisschen oben bleibt, das ist für das Kind schon: Ich kann schwimmen. Manche Kinder tauchen eher. ‚Ich bin wie ein Fisch, ich kann unter Wasser schwimmen‘, sagt das Kind dann. Über Wasser kann ich noch nicht, aber unter Wasser kann ich schon schwimmen. Guck mal!"
    Die einen rudern hastig mit den Armen und versuchen den Kopf über Wasser zu halten, andere tauchen mutig unter und tasten dann nach dem Beckenrand.
    "Darüber haben sich auch Schwimmlehrer gestritten: Was ist denn nun Schwimmen? Was definieren wir als schwimmen können?"

    Tiefenwahrnehmung verursacht Urängste

    Freischwimmer ist, wer 15 Minuten, ohne sich zwischendurch festzuhalten, schwimmen kann, dabei mindestens 200 Meter in einem erkennbaren Schwimmstil zurücklegt und von der Bauch- in die Rückenlage wechseln kann.
    Sogenannte Frühschwimmer erwerben das Seepferdchen-Abzeichen. "Das bedeutet: 25 Meter in einer groben Technik mit Ausatmung ins Wasser schwimmen können und einen Ring aus schultertiefem Wasser raufholen", erklärt Lilli Ahrendt.
    Anfang 2020 wurden die Bestimmungen für das Seepferdchen geändert. Früher reichte es, 25 Meter lang den Kopf über Wasser halten zu können. Hauptsache nicht ertrinken! "Das geht jetzt nicht mehr. Ich muss jetzt erkennbar ins Wasser ausatmen." Das heißt, ein Atemrhythmus ist erforderlich.

    Je früher Kinder schwimmen lernen, desto besser. "Ab neun Jahren beginnt die sogenannte Raumwahrnehmung, die Tiefenwahrnehmung", erklärt Ahrendt. "Das Kind nimmt viel mehr und natürlich auch Gefahren wahr. Wasser ist ja eine Riesenfreude, kann aber auch große Ängste, Urängste verursachen für ein Kind."
    In der Schule klappt es oft nicht mehr mit dem Schwimmen Lernen. Manche Kinder trauen sich trotz guten Zuredens nicht mal, den Beckenrand loszulassen oder mit dem Gesicht unterzutauchen. "Jetzt ist die Frage, wer wird sich um diese Kinder kümmern, die was verpasst haben. Wird es jetzt Schwimmkurse geben in den Sommerferien, wo alle Drittklässler das Schwimmen lernen nachholen können?", fragt sich Ahrendt. "Die Nächsten stehen ja schon in der Warteschlange, das heißt, die, die es bisher vor der ersten Klasse gelernt haben, die konnten es ja auch nicht lernen."
    Kinder halten das Seepferdchen-Schwimmabzeichen in den Händen.
    Für das Erlangen des Seepferden-Abzeichens sind die Voraussetzungen verschärft worden.© imago / McPHOTO

    Familien können ein komplettes Bad mieten

    Selbst die Kleinsten, die Babys, die theoretisch auch schon Rückenschwimmen erlernen könnten, die können nicht ins Wasser", sagt Aquapädagogin Nancy Herzer. Vor acht Jahren hat "Robby - Die Schwimmschule" das ungenutzte Therapiebad in einem Buxtehuder Seniorenheim übernommen.
    "Wir nehmen in einem normalen Jahr fünf- bis sechshundert Seepferdchen ab. Wir haben aber im Moment tatsächlich eine Wartezeit von zwei bis vier Jahren. Zwei Jahre waren es vor Corona. Jetzt müssen wir schon an die vier Jahre rechnen, weil wir durch Corona natürlich die Wartelisten nicht abarbeiten konnten."
    Schwimmkurse sind nicht erlaubt. Aber Familien können das Bad mieten für 45 Euro die Stunde.
    "Darf ich euch bitten, die Hände zu desinfizieren? Mach mal langsam. Nicht gleich alles ausziehen."
    Familie Hermann aus Winsen an der Luhe ist schon zum zweiten Mal hier. "Das ist großartig. Als wir davon gehört haben, haben wir gleich gesagt: super. Im letzten Jahr, wann waren wir denn mal schwimmen?", sagt Björn Hermann. "Und selbst wenn das hier ein bisschen teurer ist, ist es das absolut wert. Wirklich klasse."
    Die Hermanns ziehen sich die Schuhe aus. Julian ist neun und Finn ist vier. Er möchte am liebsten gleich ins Wasser. Durch das Panoramafenster schaut er zu, wie der kleine Matti ein letztes Mal von seiner Mutter auf die Plastikrutsche gesetzt wird. Dann ist die Stunde für diese Familie abgelaufen, die zuvor im Becken war. Eine Mitarbeiterin desinfiziert Kinken und Wasserhähne und klopft dann an die Tür der Umkleidekabine. "Wenn ihr soweit seid?"
    Nancy Herzer erklärt, eine Familie gehe rechts in der Herrendusche, die andere links in die Damendusche.

    Schwierige Diskussionen um Corona-Auflagen

    Die Niedersächsische Corona-Verordnung erlaubt, anders als etwa die Berliner Verordnung, Individual- und Hallensport unter Auflagen. Wenn Tennis gespielt werden darf, warum können wir dann nicht unsere Fitnessstudios und Schwimmbäder vermieten? Es war ein zähes Hin und Her, bis die Beamten überzeugt waren, sagt Esther Deppe-Becker, die Chefin der Schwimmschule "Robby"
    "Mittlerweile bin ich sehr, sehr Corona-müde und auch müde zu kämpfen. Man kämpft gegen Windmühlen. Man erreicht niemanden. Es ist keiner zuständig."
    Es gibt noch viele Ungereimtheiten. Das fängt schon in der Umkleidekabine an. Ahrens und Hermanns werden ungefönt ins Auto steigen. "Beim Friseur darfst du die Haare fönen, bei uns darfst du das nicht. Warum? Das kann mir keiner sagen", so Esther Deppe-Becker.
    Es spreche im Grunde auch nichts dagegen, Schwimmkurse abzuhalten, findet sie. "Ich muss mein Personal hier zweimal wöchentlich testen. Warum kann ich mit diesen Tests nicht beispielsweise meine Schwimmkinder testen, die in der Schule oder im Kindergarten teilweise sogar getestet werden, warum können die dann nicht schwimmen kommen, wenn sie negativ getestet sind?"

    100 Kilometer für eine Stunde Schwimmen

    Mittlerweile sind Hermanns im Wasser. Nancy Herzer beobachtet das Geschehen auf dem Bildschirm im Aufenthaltsraum. Im Notfall kann sie sofort helfen.
    Eine Szene, die über Wohl und Weh eines Nachmittags entscheiden kann, wiederholt sich stündlich. Protagonisten in diesem Fall der kleine Finn und seine Mama. "Die Mama wollte ihm die Schwimmflügel anziehen, bevor er so tief ins Wasser geht, dass er nicht mehr stehen kann. Er hat gesagt: ‚Nein, ich will das alleine.‘", schildert die Aquapädagogin.
    Herzer lobt die Reaktion von Mutter Birte Herrmann, die dem Vierjährigen sagte, er solle es doch einfach probieren. Herzer weiter: "Er hat es probiert, ist natürlich untergegangen, Mama war da, hat ihn wieder hochgeholt und konnte ihm danach stressfrei die Schwimmflügel umtun. Ansonsten wäre das in eine Endlosdiskussion ausgeartet, weil er das ja eigentlich nicht wollte. Mama wollte aber nicht, dass er ohne Schwimmflügel im Wasser ist. Kann man ja auch verstehen, wenn er nicht schwimmen kann. Und so ist es deutlich entspannter für alle."
    Das Vermietung des Bades spült immerhin ein bisschen Geld in die Kasse, aber nicht genug, um den normalen Betrieb aufrechtzuerhalten. Die meisten der 21 Robby-Mitarbeiter sind Minijobber, die keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben.
    "Seit Anbeginn von Corona habe ich mein Personal aus eigener Tasche bezahlt", sagt die Inhaberin der Schwimmschule, Esther Deppe-Becker: "Es bringt mir nichts, wenn die alle Packer bei Lidl sind, wenn wir vielleicht irgendwann mal wieder Kurse geben dürfen."
    Esther Deppe-Becker sagt: "Wir haben Familien, die kommen zwischen 80 und 100 Kilometer weit weg, um einfach mal eine Stunde schwimmen zu können. Also, wir haben Kunden, die kommen aus Bremen, aus Celle, aus Soltau, aus Norderstedt, von überall. Das hat uns schon sehr beeindruckt."
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