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Länderreport | Beitrag vom 21.04.2020

Ausfall des OktoberfestsWiesn 2020: O'Gesagt is!

Von Michael Watzke

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Markus Söder und Dieter Reiter bei der Eröffnung des Oktoberfest 2018 im Schottenhamel Festzelt.  (imago / Future Image / P.Schönberger)
Markus Söder und Dieter Reiter bei der Eröffnung des Oktoberfest 2018. In diesem Jahr fällt die Wiesn wegen Corona aus. (imago / Future Image / P.Schönberger)

"Seid’s Ihr deppert?", fragt Michael Watzke, unser Bayern-Korrespondent, Ministerpräsident Markus Söder und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter in seiner Glosse. Der Kollege hätte Ideen gehabt, wie die Wiesn noch zu retten gewesen wäre.

Ja sag amoi: Seid’s Ihr deppert? Söder, Reiter: Habt’s Ihr zu viel gsuffa? Ihr könnt’s doch ned des Oktoberfest absagen? Wegen Corona? Geht’s noch? Wie sollen wir Bayern denn im Oktober den Tag der deutschen Einheit aushalten, ohne dass mir uns im Schottenhamel volllaufen lassen? Wie sollen wir denn im Herbst den Bayern-Blues überstehen?

Dabei weiß doch ein jeder, dass es auf der Wiesn überhaupts kein Corona nicht gibt! Weil da wird bayerisches Bier ausgeschenkt, kein mexikanisches. Und jetzt Corona-Virus , Corona-Virus – so ein asiatisches Virus traut sich doch überhaupt nicht auf die Wiesn! Des kommt aus China. Aus Wuhan. Des kennt der Bayer, da sagt er jedes Jahr: "Wuhan denn die Chinesen scho wieder?" Weil ma doch weiß: der Chines‘ kommt mit dem bayerischen Bier nicht klar. Dem fehlt ein Enzym. Des hat der nicht.

Der Bayer hat des

Der Bayer hat des. Und aufm Oktoberfest san alle Teilnehmer schluckgeimpft – und zwar aus Verantwortungsgefühl. Gleich, wenn man ankommt – zack, Schluckimpfung mit Augustiner! Da kann gar nix passieren. Corona hat keine Chance auf der Wiesn.

Und außerdem: Glaubt‘s Ihr wirklich, des Corona hätte noch Platz aufm Oktoberfest? Da gibt’s scho die Wiesn-Grippe! Da gibt’s die Isar-Influenza! Da gibt’s die Freisinger Flitzkacke! Die virale Wiesn ist seit Jahrhunderten ein Panoptikum für Erreger aller Art. Geradezu ein Bakterien-Karussell. Da entsteht nicht nur ein Wir-Gefühl, sondern ein Viren-Gefühl.

1919 hatten wir in Minga die Spanische Grippe – und ist die Wiesn abgesagt worden? Nein! Im Gegenteil: 1919 ist erstmals der "Kettenflieger Kalb" auf dem Oktoberfest aufgebaut worden, ein besonders wildes Fahrgeschäft. Quasi der Zentrifuge eines Testlabors für Bakterien nachempfunden. Da ist die Spanische Grippe allein durch die Fliehkraft in die Knie gegangen. So bekämpft man eine Pandemie! Und jetzt Absage wegen einem chinesischen Virus? Das ist geradezu ausländerfeindlich!

Adaptieren statt Absagen

Dabei hätte es jede Menge Möglichkeiten gegeben, die Wiesn, sagen wir mal, zu adaptieren, ohne sie gleich abzusagen. Die Inkubationszeit vom Corona beträgt 14 Tage. Das ist genau die Dauer des Oktoberfestes! Man hätte leicht sagen können: so ein Bierzelt ist eine städtische Quarantäne-Einrichtung. Für jedes Wiesn-Zelt finden wir locker 5000 Münchner, die bereit sind, dort zwei Wochen lang in Isolation zu gehen. Innere Einkehr – mit Bierbegleitung. Das wäre eine faszinierende Feldstudie geworden. Wissenschaftlich wertvoll!

Und zur Lederhosen kann man auch Atemschutzmaske tragen. Zum Dirndl passt des sogar modisch hervorragend. Und so ein Mundschutz fängt ja nicht nur die Viren ein, sondern jede Art von Auswurf, der auf der Wiesn anfällt.

Apropos Auswurf: Was soll jetzt, nach der Wiesn-Absage, aus dem Grasbuckel neben der Bavaria-Statue werden? Umgangssprachlich auch "Kotzhügel" genannt? Diese einzigartige oberbayerische Naturlandschaft ist jeden Herbst zwingend auf Düngung angewiesen. Ein bajuwarisches Biosphären-Reservat ist in großer Gefahr.

Gedrückt vorm O'Zapfen

Aber daran denken die Herren bayerischer Ministerpräsident und Münchner Oberbürgermeister natürlich nicht. Die wollen sich nur vorm O'Zapfen drücken. Der Söder, weil er – wie jeder weiß – kein Bier trinkt. Und der Reiter, weil er Schiss in der Lederhosen hat, dass er wieder beim Bierfass-Anschlagen versagt. Und deshalb müssen wir Münchner jetzt auf unsere Wiesn verzichten. Traurig wird des wern. Eine Ruhe in der Stadt, nirgendwo Besoffene, keine Tretminen, kein Verkehr – wie sollen wir das bloß aushalten?

Länderreport

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