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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2006

Ausdruck tiefer Heimatlosigkeit

Else Lasker-Schüler: "Mein blaues Klavier"

Rezensiert von Maike Albath

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Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Die 1869 geborene, jüdische Lyrikerin Else Lasker-Schüler gilt als Ikone des Frühexpressionismus. In ihrem neu aufgelegten Gedichtsband "Mein blaues Klavier" thematisiert sie Schmerz und Einsamkeit sowie tiefe Trauer um ihre verlorene Heimat.

Der Gedichtband "Mein blaues Klavier" war Lasker-Schülers letztes Buch. Die Ikone des Frühexpressionismus, der "schwarze Schwan Israels, eine Sappho, der die Welt entzwei gegangen ist", wie der Schriftsteller Peter Hille die Freundin beschrieb, lebte seit 1939 in Palästina. Die Rückkehr in die Schweiz, wohin sie nach ihrer Flucht aus Berlin übergesiedelt war, wurde der jüdischen Lyrikerin verweigert: "aus vorsorglich armenpolizeilichen Gründen: Überfremdung" lautete lapidar die Antwort der Behörden.

Schockiert von den politischen Geschehnissen, von Heimweh geplagt und voller Todesahnungen, schrieb die 1869 in Wuppertal geborene Lasker-Schüler schwärmerische Liebesgedichte, Anrufungen der Mutter und des an Tuberkulose verstorbenen Sohnes und Gesänge über ihren herannahenden Abschied vom Leben.

Der blaue Einband – jetzt zum ersten Mal in der Originalfassung bei Suhrkamp neu aufgelegt – nimmt die Farbe aus dem Titel auf und ist mit einer Tuschzeichnung der Dichterin versehen, die eine dicht zusammen gedrängte Menschengruppe zeigt. "Abschied von den Freunden" lautet die Unterschrift, und inmitten der schemenhaften Gestalten befindet sich auch Prinz Jussuf, eine der zahlreichen lyrischen Spiegelungen der berühmten Autorin.

Sich selbst, ihren Ehemännern, Gefährten und Freunden verlieh Lasker-Schüler immer wieder märchenhafte Phantasienamen und machte sie zu Figuren ihrer privaten Mythologie. Die Dichterin inszenierte ihr Leben als Kunstwerk, inspirierte ihren zweiten Ehemann Herwarth Walden zur Gründung des "Vereins für Kunst in Berlin" und der bald führenden Literaturzeitschrift "Der Sturm" und wurde zu einer Schlüsselfigur der Szene.

Lasker-Schüler liebte es, in den Berliner Literatencafés durch ihre Verkleidungen für Wirbel zu sorgen und spielte auch literarisch mit den Geschlechterrollen: In ihren autobiographisch geprägten Prosabänden trat sie als Tino von Bagdad, Prinz von Theben, Prinz Jussuf oder Joseph von Ägypten auf. Ihre sinnliche Bildersprache, die Wortschöpfungen und ungewöhnlichen Verknüpfungen machten sie zu einer Vorreiterin des Expressionismus: "strahlt urkindlich, ist urfinster. In ihres Haares Nacht wandert Winterschnee", heißt es bei Peter Hille über ihre Texte.

Aus den hier versammelten 32 Gedichten spricht Schmerz, Einsamkeit und tiefe Trauer um die verlorene Heimat. "Ich habe zu Hause ein blaues Klavier/ und kenne doch keine Note./ Es steht im Dunkel der Kellertür,/ Seitdem die Welt verrohte" intoniert Lasker-Schüler und spinnt das Farbmotiv, das in ihrem Frühwerk zentral war ("Auf deiner blauen Seele/ setzten sich Sterne zur Nacht" oder "meine Lieder trugen des Sommers Bläue/ Und kehrten düster heim"), weiter fort. Das blaue Klavier wird zur Metapher unerfüllter Sehnsüchte und zum Ausdruck tiefer Heimatlosigkeit, die sie ausgerechnet in dem Land erfährt, das immer als Projektionsfläche ihrer Phantasien gedient hatte.

"Ich wandele durch Mausoleen/ versteint ist unsere Heilige Stadt" lautet ihre Beschreibung von Jerusalem, wo sie als Jecke, wie man die deutschen Juden nannte, nicht mit Sympathie empfangen wurde, denn die Jeckes waren als Snobs verschrien. Zwar erhält sie immerhin eine Ehrenrente, mit der sie sich notdürftig über Wasser halten konnte, aber in dem wachsend zionistischen Umfeld überhaupt einen Gedichtband auf Deutsch zu veröffentlichen, war ein Wagnis. Man wollte Ivrit, das moderne Hebräisch als Sprache durchsetzen. Für Lasker-Schüler blieben diese Bestrebungen unverständlich: "Was soll ich hebritt lernen! Ich möchte die Sprache des Himmels können".

Die Auflage von "Mein blaues Klavier" war klein: 330 Exemplare gingen in den Druck. Nach fünf Monaten waren 118 Bücher verkauft. Immerhin gab es enthusiastische Reaktionen. Aller Verzagtheit zum Trotz ("erblasst ist meine Lebenslust/ ich fiel so einsam auf die Erde" und "Ich liege wo am Wegesrand übermattet –/ Und über mir die finstere kalte Nacht –/ Und zähl schon zu den Toten längst bestattet") wird Lasker-Schüler immer wieder von Energieschüben gepackt. Kurz vor ihrem Tod gründet sie noch einen Vortragskreis namens Kraal, der regelmäßig zu Lesungen in einer Synagoge zusammen kommt.

Auch zu ihrem gerade erschienenen Lyrikband war eine Veranstaltung geplant, doch kurz vorher stirbt Lasker-Schüler am 22. Januar 1945, gut ein Vierteljahr vor Kriegsende. "Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte", erinnert sich Gottfried Benn 1956. "Ihre Themen waren vielfach jüdisch, ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch, eine Sprache, reif und süß, in jeder Wendung dem Kern des Schöpferischen entsprossen".

Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier
Gedichte. Mit einem Nachwort von Ricarda Dick
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Frankfurt 2006
64 Seiten. 16, 80 Euro

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