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Länderreport | Beitrag vom 16.04.2020

Ausbildung muslimischer GeistlicherImame made in Germany

Von Ita Niehaus

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Ein Imam steht auf einem kleinen verzierten Balkon und spricht zu einer Gruppe Männer. An der Wand befinden sich arabische Schriftzeichen. (dpa / Christian Charisius)
Freitagsgebet in einer Hamburger Moschee: Der Imam ist in der Praxis viel mehr, als nur Vorbeter. (dpa / Christian Charisius)

Schon lange wird darüber diskutiert, getan hat sich bisher wenig. Die große Mehrheit der muslimischen Geistlichen bundesweit kommt nach wie vor aus dem Ausland. Das soll sich nun ändern – mit dem "Islamkolleg Deutschland" in Osnabrück.

Sicherlich: In den vergangenen Jahren sind an den deutschen Universitäten Institute für Islamische Theologie entstanden. Und auch in der Deutschen Islam Konferenz ist die Imamausbildung in Deutschland ein zentrales Thema. Doch die Umsetzung dauert länger als gedacht.

In Osnabrück hat man nun die Initiative ergriffen. Dort soll das "Islamkolleg Deutschland" entstehen, eine von den Herkunftsländern unabhängige Ausbildung von muslimischen Geistlichen.

Imam ist kein Traumjob

"Wer von Ihnen hätte Lust gehabt in eine Gemeinde zu gehen, wenn die Möglichkeit finanziell vorhanden und die Ausbildung gesichert gewesen wären? So als Plan B?"

Dies ist Teil einer kleinen Umfrage unter jungen Muslimen in einem Seminar am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück. Keiner der Befragten möchte Imam werden, die meisten studieren auf Lehramt.

Auch der 23-jährige Junus el-Naggar hat sich dagegen entschieden und promoviert. Muslimischer Geistlicher sei, so el-Naggar, kein Traumjob für viele Studierende der Islamischen Theologie in Deutschland. 

Viel Verantwortung, wenig Perspektive

Das habe damit zu tun, dass der Imam ist in der Praxis viel mehr sei, als nur Vorbeter: "Er ist der Mann für alles: die Jugendarbeit, das Gesicht nach außen, Seelsorger. Und die Akzeptanz in den Gemeinden – das ist alles noch relativ jung und in den Kinderschuhen."

Die unsicheren Berufsperspektiven und hohen Erwartungen haben Abdulsamet Demir dagegen nicht abgeschreckt.

Der 28 Jahre alte Sohn türkischer Gastarbeiter ist einer von wenigen muslimischen Geistlichen bundesweit, die in Deutschland geboren sind und hier auch Islamische Theologie studiert haben. Nun leitet Demir als Imam eine Gemeinde der konservativen türkisch-sunnitisch geprägten Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş in Hamburg-Harburg.

"Wir wurden ins kalte Wasser geschmissen"

Der junge Hamburger wollte immer schon Imam werden, vor allem die Jugendarbeit hat ihn gereizt. Und trotzdem: Die erste Zeit als muslimischer Geistlicher war nicht einfach.

Denn es gab nach dem Studium keine zweite praxisorientierte Ausbildungsphase, die zum Beispiel dem katholischen Priesterseminar gleichen würde.

"Wir wurden ins kalte Wasser geschmissen", erzählt er, "ins Haifischbecken – das Gemeindeleben. Wir hatten keine pädagogische Erfahrung, keinen Rhetorikunterricht, wie man predigt." Zum Glück sei er in einer muslimischen Community tief verwurzelt. Das habe ihm sehr geholfen.

Nicht nur Männer sollen ausgebildet werden

Mit großem Interesse verfolgt Abdulsamet Demir daher die Diskussionen um das "Islamkolleg Deutschland". In Osnabrück soll nun endlich das aufgebaut werden, was schon lange gefordert wird: eine Ausbildungsstätte für deutsche muslimische Geistliche in Moscheegemeinden – praxisnah, verbandsübergreifend und unabhängig.

Und: Für Männer und Frauen, sagt Esnaf Begić, islamischer Theologe und Vorstandsvorsitzender des Trägervereins.

"Wir müssen unterschiedliche Zugänge zu unterschiedlichen Handlungsfeldern anbieten", erklärt er. "Vielleicht möchte jemand Prediger sein, Imam im Sinne, dass er Gebete leitet, predigt. Aber wir sollen auch Gemeindepädagogen und Gemeindepädagoginnen ausbilden. Die dritte Schiene wäre die Seelsorge."

Vertreter der Islamverbände sitzen nicht im Vorstand

Ein Trägerverein wurde vor einigen Monaten bereits gegründet. Mit dabei sind islamische Theologen und einige Islamverbände, wie etwa der Zentralrat der Muslime. Das Bundesinnenministerium will das bundesweite Modellprojekt fördern. Inwieweit sich das Land Niedersachsen daran beteiligen wird, ist noch offen.

Noch müssen viele Einzelheiten geklärt und einige bürokratische Hürden genommen werden. Eine Entscheidung sorgt sicherlich schon jetzt für Diskussionsstoff: Vertreter der beteiligten Islamverbände können bei Ausbildungsinhalten zwar mitbestimmen, im Vorstand jedoch sind sie während der Aufbauphase nicht vertreten. 

Für Esnaf Begić ein Problem: "Uns war es wichtig, dass wir Leute im Vorstand haben, die unabhängig agieren können. Die sich an die jeweiligen Verbände in Anführungszeichen nicht gebunden fühlen, an deren Denkweisen, Entscheidungen, Planungen, sondern dass wir eine Konstruktion haben, die frei ist in Planung aller Strukturen eines solchen künftigen Kollegs."

Angst vor dem "Staatsislam"

In den muslimischen Gemeinschaften wird das geplante Islamkolleg sehr kontrovers gesehen. Für die einen ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Andere, wie zum Beispiel Recep Bilgen, der Vorsitzende des Moscheeverbandes SCHURA Niedersachsen, befürchten, dass dort eine Art "Staatsislam" vermittelt werden wird.

"Es wurden ja im Vorfeld zahlreiche öffentliche Aussagen getätigt, sowohl im Landtag als auf Bundesebene", sagt er. "Und das erweckt den Eindruck bei der muslimischen Community, dass hier versucht wird, eine staatlich kontrollierte Institution aufzubauen."

Woher kommt das Geld?

Nicht nur für Recep Bilgen ist die Imamausbildung vorrangig eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Immer mehr Islamverbände, seit kurzem die auch die DITIB, bilden bereits muslimische Geistliche in Deutschland aus. Ungeklärt ist nach wie vor jedoch die Finanzierung der Imame.

Auch die Absolventen des neuen Ausbildungsprogramms der DITIB-Akademie sollen von der türkischen Religionsbehörde Diyanet bezahlt werden. Das kritisiert unter anderem Yilmaz Kiliç, der ehemalige Vorsitzender des DITIB Landesverbandes Niedersachsen-Bremen.

"Es kann nicht sein, dass wir hier Leute ausbilden, welche aus der Türkei bezahlt werden", kritisiert er. "Dann sind wir da, wo wir heute sind."

Viele Mitglieder der großen Verbände argumentieren, die Gemeinden hätten dafür kein Geld. Für kleinere und auch manche verbandsunabhängige Gemeinde träfe das sicherlich zu, sagt Kiliç. Dennoch setzt er sich dafür ein, dass Moscheegemeinden mehr finanzielle Verantwortung übernehmen. 

Veränderung ist möglich

Darüber müsse auch innermuslimisch diskutiert werden. So könne beispielsweise die Mitgliedsstruktur anders gestaltet werden, damit die Gemeinden in der Lage seien, Imame auch selber zu bezahlen.

Der Hamburger Imam Abdulsamet Demir bekommt bereits sein Gehalt von seiner Gemeinde. Seine Erfahrung: Es braucht Zeit und Aufklärungsarbeit, um gerade auch die älteren Gemeindemitglieder von der neuen Generation der deutschen Imame zu überzeugen.

"Die alten Imame machen gute Jobs", sagt er. "Aber die Jugend – da sind sie nicht so gut wie wir. Und in der Öffentlichkeitsarbeit, Dialogarbeit, das sind neue Felder für uns. Krankenhaus-, oder Gefängnisseelsorge, wie geht man mit Salafismus um? Das alles sind Dinge, in denen wir sehr stark sind."

"Wir bleiben hier"

Angesichts des Generationenwandels in den Moscheegemeinden steigt der Bedarf an hier aufgewachsenen und ausgebildeten Imamen, Seelsorgerinnen und Gemeindepädagogen. Spätestens zum Sommersemester 2021 soll es losgehen mit dem Islamkolleg Deutschland in Osnabrück.

Esnaf Begić, dem Vorstandsvorsitzender des Trägervereins, ist dabei noch etwas wichtig: Mit dem Islamkolleg möchte er auch ein Signal an die deutsche Mehrheitsgesellschaft senden.

"Obwohl uns einige nicht hier haben wollen, das ist doch unser Land, wir sind hier, wir bleiben hier", sagt er. "Und wir wollen hier die Strukturen entwickeln. Wie wir es schaffen, wird die Zeit zeigen."

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