Azubi-Mangel bekämpfen

Mit ein paar Klicks zum Praktikum

06:31 Minuten
Henry Heidrich, Auszubildender in einem Bauunternehmen, steht auf einer Baustelle und misst die Tiefe eines Grabens für das Fundament mit einem Rotationslaser
Auszubildender in einem Bauunternehmen: Viele Unternehmen suchen verzweifelt nach gutem Personal. © picture alliance/dpa / Hauke-Christian Dittrich
Von Armin Himmelrath · 02.05.2022
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Hunderttausende Fachkräfte fehlen und das Problem verschärft sich noch durch den Mangel an Nachwuchs für Ausbildungsberufe. Es geht um bessere Arbeitsbedingungen und um Aufwertung. Firmen und Politik müssen reagieren.
Julia Freuding muss sich im Moment viele Klagen anhören. Sie ist Fachreferentin am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, dem ifo-Institut in München. Als Wirtschaftsforscherin beobachtet sie unter anderem den Ausbildungsmarkt und die Auswirkungen von Corona. Und da bringen die Firmen, mit denen Julia Freuding spricht, derzeit nicht allzu viele gute Nachrichten mit.
Die stärksten Veränderungen erleben die Betriebe bei der Nachfrage nach Ausbildungsplätzen. „2020 waren es noch 45 Prozent, die angaben, Schwierigkeiten zu haben, und 2021 waren es dann 63 Prozent. Also, wir sehen, dass diese Schwierigkeiten deutlich angestiegen sind“, sagt Freuding.

Corona beschleunigt die Krise

Eine Beobachtung, die auch Arbeitsmarktforscher Christian Brzinsky-Fay vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gemacht hat. Corona habe bereits zuvor bestehende Probleme noch einmal deutlich verschärft.
„Was wir beobachten, ist ein paralleler Rückgang von dem Angebot von Ausbildungsplätzen, aber auch zur Nachfrage von Ausbildungsplätzen durch die Krise ganz stark. Das heißt, vorher hatten wir schon aufgrund demografischer Gründe, aufgrund von Bildungsexpansion und auch aufgrund des Wandels von Bildung als genereller Wert in der Gesellschaft eine Akademisierung zu beobachten – das heißt, die duale Berufsausbildung ist schon zurückgegangen, aber durch Corona wird das alles nochmal ein bisschen schneller.“
Gunnar Barghorn ist Unternehmer und leitet eine Firma für Stahl- und Maschinenbau in Brake in Niedersachsen. Er ist auf Auszubildende angewiesen – und wirbt ganz offensiv auf sozialen Medien, aber auch direkt an Schulen um den Nachwuchs. Das sei aber nur das Standardprogramm, sagt Barghorn.

Praktikum buchen wie ein Hotelzimmer

Womit er tatsächlich punktet: Wer bei ihm ein Praktikum machen möchte, muss sich nicht bewerben, sondern kann sich den Platz über das Internet sofort sichern. „Ja genau, Praktikumsplätze werden bei uns gebucht. So wie andernorts ein Hotelzimmer. Die Praktikanten – sprich: die Schüler – die gehen bei uns da drauf und suchen sich die Abteilung aus, in der sie ein Praktikum machen wollen, und die Kalenderwoche“, sagt er.
Bis zu drei Wochen dauert so ein Schülerpraktikum, die Inhalte können sich die Interessenten selbst zusammenstellen. Damit, sagt Gunnar Barghorn, erreiche er Jugendliche, die er sonst nie kennengelernt hätte: mehr junge Frauen zum Beispiel oder auch Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen.
„Die Schüler finden das einfach nur gut. Die sind es ja gewohnt, dass sie heute mit ihrem Smartphone alle möglichen Dinge mit ein paar Klicks geregelt kriegen. Und dann ist es für sie auch ganz normal, dass sie einen Praktikumsplatz mit ein paar Klicks buchen können – statt so ein Unfug mit Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräch und Auswahlprozess.“
Und gute Praktikanten, sagt Gunnar Barghorn, die lasse er dann gar nicht mehr von der Angel: Im Idealfall gehen die nach drei Wochen Praktikum mit einem unterschriebenen Ausbildungsvertrag nach Hause.

Neue Kultur auf dem Arbeitsmarkt

So ein Umgang mit potenziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei Ausdruck einer neuen Kultur auf dem Arbeitsmarkt, sagt Sozialwissenschaftler Christian Brzinsky-Fay vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung; und auch Ausdruck der verzweifelten Suche vieler Unternehmen nach gutem Personal – sowohl bei den Auszubildenden als auch bei den Fachkräften.
„Wenn ich weiterhin diesen Fachkräftemangel habe, dann sollte das, nach Marktlogik zumindest, dazu führen, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen – nicht nur des Lohns, sondern der Arbeitsbedingungen auch – haben. Und wenn jetzt die finanzielle Seite, sprich: die Lohnseite eine Grenze erfährt, weil es halt nicht genügend Wirtschaftswachstum gibt, dann müssen die Arbeitgeber:innen dann eben anders gegensteuern und gegebenenfalls die Arbeitsverhältnisse verbessern.“
Flexible Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit und generell ein gutes Betriebsklima mit persönlichen Entwicklungschancen seien hier denkbare Angebote der Unternehmen – die sie auch für Auszubildende interessant machen. So gebe es etwa bisher viel zu wenig Möglichkeiten, eine betriebliche Ausbildung in Teilzeit zu machen.

Fachkräftekatastrophe steht bevor

Darüber hinaus sei aber auch die Politik in der Pflicht, ergänzt Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Zwar gebe es bereits einzelne Förderprogramme wie Stipendien für Auszubildende oder später das Meister-BAfög, und das seien auch richtige Ansätze, aber eben noch keine konsistente Strategie. Wenn da nicht schnell gehandelt werde, könne das dramatische Auswirkungen auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben, sagt Esser.
„Wir stehen vor einer Fachkräftekatastrophe. Denn diese Entwicklung wird insbesondere die gewerblich-technischen Berufe treffen, wir werden im Handwerk große Probleme bekommen, die Bauberufe zählen jetzt schon zu den Engpassberufen, Elektrohandwerk und Sanitär melden über 140.000 fehlende Fachkräfte als Beispiel. Also, wir haben hier ein Riesenproblem.“
Und ohne eine ausreichende Zahl von Auszubildenden in diesen Bereichen, sagt Esser, gebe es auch keine realistische Chance, diese Lücken zu schließen.

Aufwertung betrieblicher Ausbildung

Daher, sagt der BIBB-Präsident, brauche Deutschland jetzt einen schnellen Plan zur Aufwertung der betrieblichen Ausbildung.
„Der fängt bei mir an mit einem deutlichen politischen Impuls für die Gleichwertigkeit der beruflichen allgemeinen akademischen Bildung. Wir haben in der Schweiz die Gleichwertigkeit in der Verfassung verankert, wir haben mittlerweile in der Schweiz und in Österreich Rechtsverordnungen, die die Gleichwertigkeit im Rahmen des nationalen Qualifikationsrahmens bestimmen.“
Gleichwertigkeit bedeutet: Ein Meisterabschluss wird auch formell einem Hochschulabschluss gleichgestellt, die Übergänge zwischen betrieblichem und akademischem Bildungsweg verschwimmen. Diskussionen darüber gibt es auch in Deutschland, bisher aber noch keine gesetzliche Gleichstellung der Abschlüsse. Hier anzusetzen, sagt Friedrich Hubert Esser, könne – zusammen mit kreativen Strategien der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber – zwar nicht kurzfristig, aber doch zumindest perspektivisch zu einer Trendwende am Ausbildungsmarkt führen.

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