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Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.10.2019

Aus den FeuilletonsZur gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst

Von Adelheid Wedel

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93/ "TOCOTRONIC", Dirk von Lowtzow, Konzert in der Waldbuehne, Berlin, 09.06.2018 (picture alliance / POP-EYE / Christian Behring)
Dirk von Lowtzow betont in der "taz", wie wichtig es sei, sich gesellschaftlich gegen Antisemitismus zu positionieren. (picture alliance / POP-EYE / Christian Behring)

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow sagte nach dem Anschlag in Halle in der "taz", einen Song zum Thema zu machen, sei wie eine Hausarbeit zu schreiben: unangenehm und misslich. Gefragt seien dagegen Aufklärungsarbeit und wissenschaftliche Analyse.

Mit "Sie kommen" überschreibt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Artikel. Wer kommt? Falsch gefragt. Was kommt? Und macht uns vermutlich Staunen oder verbreitet Angst und Schrecken? Die Rede ist von "autonomen Waffensystemen" und "algorithmischer Kriegsführung, die", wie Elke Schwarz warnt, "ernsthaft auf dem Vormarsch sind".

Schwarz ist Politologin an der Queen Mary University of London und Mitglied des International Comitee for Robot Arms Control. Sie meldet Bedenken gegen den militärischen Einsatz von künstlicher Intelligenz an. Die Übertragung moralischer Entscheidungen auf Computer stelle ein Abdanken der menschlichen Verantwortung dar.

Schwarz schreibt: "In unserer Begeisterung für neue Technologien laufen wir Gefahr, zu vergessen, dass die Moralität einer Entscheidung nicht von Effizienz, Schnelligkeit und scheinbarer Objektivität bestimmt wird."

Entwicklung von tödlichen autonomen Waffensystemen

Es ist bekannt und dennoch erschreckend: "Autonome Militärwaffensysteme haben sich in den vergangenen fünf Jahren immer weiter entwickelt. Es gibt bereits militärische Systeme, die über einen gewissen Grad an intelligenter Autonomie verfügen. Das alarmierendste Potenzial der KI ist jedoch die Entwicklung von tödlichen autonomen Waffensystemen."

Und aufrüttelnd dabei: "Während die Ausgaben für militärische KI in die Höhe schießen und uns dem Punkt näherbringen, an dem neue Technologien ohne menschliche Beteiligung Ziele auswählen und angreifen können, hinken Aufsicht und Regulierung hinterher."

Elke Schwarz stellt die Fragen: "Sollten Killerroboter verboten werden? Oder lassen sie sich humanisieren?" Vermutlich sollten sich Regierungen dringend diesen Fragen zuwenden.

Politik ist Interessenvertretung

Edo Reents beschäftigt sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG mit dem, was Politik ist und sein soll bzw. sein könnte. Seine These: "Politik ist die Vertretung von Interessen. Aber die werden kaum noch ausgesprochen." Er registriert einen "Überdruss an öffentlichen Debatten", gleichzeitig eine "intellektuelle Ödnis". Die zeige sich so: "Wer traut sich, seine ehrliche Meinung zu sagen, wenn sie der Leitlinie des Wahren, Schönen, Guten auch nur im mindesten zuwiderläuft?"

Reents schlägt vor: "Erforderlich wäre, Politik als das zu begreifen, was sie immer war: Interessenvertretung. Zwischen diesen verschiedenen Interessen ist, nach alter Aufgabenbeschreibung, ein Ausgleich zu finden."

Reents fordert: Wenn Klimaschutz und Migration die Themen unserer Zeit sind, dann müsste die deutsche Regierungschefin spätestens jetzt nachholen, was sie schon früher hätte tun sollen: "den Leuten erklären, was konkret an Kosten und Verzicht auf sie zukommt oder, wenn das nicht geht, ihnen wenigstens sagen, dass überhaupt etwas auf sie zukommt".

Denn "Zusammenhalt erreicht man weniger mit Beschwichtigungen, sondern mit dem Offenlegen von Zumutungen". Längst sei aus dem Blick geraten, dass sich in einer Gesellschaft eben nicht alle einig sind – "dass es beispielsweise auf der einen Seite Arbeitgeber, auf der anderen Arbeitnehmer und, ja, auch noch Gewerkschaften" gibt.

Gesellschaftliches Engagement gegen rechts

Zur gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst gibt es in der Tageszeitung TAZ ein Gespräch mit dem Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Er ist Pate der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung. Er betont, wie wichtig es sei, sich gesellschaftlich gegen Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus zu positionieren.

Einen konkreten Song zum Thema zu machen, meint er, sei ein bisschen wie eine Hausarbeit zu schreiben, eher unangenehm und misslich. Aber natürlich könne auch das gelingen. Nach seiner Meinung, so Dirk von Lowtzow, sind "wissenschaftliche Arbeit, Analyse und Theorie fast besser geeignet, um Themen wie Antisemitismus zu bearbeiten".

Es sei wichtig, "Diskussionen anzustoßen" und "sachkundige Aufklärungsarbeit" zu leisten. "An einer Tat wie dem Anschlag von Halle sehen wir ja, wie dringend notwendig das ist", bekennt der Autor und Sänger Dirk von Lowtzow in der TAZ.

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