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Kulturpresseschau | Beitrag vom 27.08.2019

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Von Gregor Sander

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07.04.2019, Japan, Kawasaki: Ein riesiger Phallus wird beim Phallus-Festival durch die Straßen getragen. Was in europäischen Breitengraden undenkbar wäre, gehört in Kawasaki zum Frühlingsbeginn: Beim Kanamara Matsuri, zu Deutsch Festival des metallenen Phallus, dreht sich auf dem Gelände des Schreins Wakamiya Hachimangu alles um den Penis. (zu dpa "Hoch lebe der Penis - Kurioses Phallus-Festival in Japan") Foto: Lars Nicolaysen/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Was in europäischen Breitengraden undenkbar wäre, gehört im japanischen Kawasaki zur Tradition: Ein Phallusfestival (dpa)

Riesige Figuren, aber auch Schokolollies und Rettichschnitzereien. Der "Tagesspiegel" hat Charlotte Roche bei ihrer globalen Recherche zu Liebesritualen begleitet und titelt: "Lecker Penis in Japan".

"Das Nichts nach Nolde" beschäftigt Jürgen Kaube in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Er meint damit die abgehängten Bilder Emil Noldes im Arbeitszimmer der Kanzlerin. "Nolde war ein komplexer Nationalsozialist", schreibt Kaube, bedauert aber die nun folgende Leere an den Merkelschen Wänden: "Wenn damit gerechnet werden muss, dass Kunst ambivalent ist, scheint das zu sagen, dann eben lieber gar keine Kunst. Sie macht nur Ärger."

Fettnäpfchen rund um Kunstwerke

Da sich die Kanzlerschaft Angela Merkels nun dem Ende neigt, hat der FAZ-Autor dafür durchaus Verständnis. Denn: "In den vergangenen Jahren sind rund um Kunstwerke Dutzende von Fettnäpfchen aufgestellt worden. War der Maler so vorurteilsfrei, wie sich seine Kritiker wähnen? Ging er fair mit Frauen um? Hatte er Umgang mit undemokratischen Personen?"

Mit ähnlichen Problemen hatte in den vergangenen Jahren auch Woody Allen zu kämpfen. Die erneuten Missbrauchsvorwürfe seiner Tochter Dylan Farrow und die Auseinandersetzung mit Amazon um Allens neuen Film ließen es still werden um den 83-Jährigen. Doch nun kommt sein Streifen "A Rainy Day in New York" in Europa doch in die Kinos, in Deutschland am 5. Dezember. Arianna Finos hat den Regisseur für die Tageszeitung DIE WELT zum Interview getroffen. Der hat zumindest seinen Humor nicht verloren.

So meint er: "Ich habe schon mit acht Jahren begriffen, dass das Leben furchterregend, schwierig und anstrengend ist. Das hat sich im Verlauf meines Lebens bestätigt. Aber ich habe es zumindest vermeiden können, von einer Drohne getroffen zu werden."

Es wird dann ein typisches Woody-Allen-Interview. Ein bisschen über den Film, der zwei verliebte Collegestudenten an einem Wochenende in New York beschreibt, ein bisschen über Politik. Fragen zu Amazon und den Missbrauchsvorwürfen sind natürlich verboten. Stattdessen antwortet Allen auf die ewige Frage nach seiner Motivation: "Wenn ich für mich zu viel Zeit zur Verfügung habe, dann spielt das eine Rolle. Es gibt Sport und Literatur, aber dann fängt man doch an nachzudenken."

Pixelfeuer

Nachdenken möchte Allen offensichtlich nicht zu viel. Dass man das aber doch ab und zu muss, fordert Ingo Arzt in der TAZ. Oder besser, dass man genauer hinsehen soll. So behauptet er am Anfang seines Artikels: "Endlich gute Nachrichten: In Brasilien gibt es immer weniger Brände im Regenwald. Von Januar bis August 2005 loderten in Brasilien an 268.119 Stellen Feuer, im gleichen Zeitraum 2019 dagegen nur an 154.000. Ein signifikanter Rückgang."

Auch wenn diese Zahlen stimmen, bezweifelt der TAZ-Autor natürlich nicht, dass die Anzahl der Regenwaldbrände unter dem neuen Präsidenten Bolsonaro gerade wieder dramatisch angestiegen ist. Und, dass das ein großes Problem ist. Was Arzt bemängelt, sind die vereinfachten Darstellungen von Satellitenmessungen der NASA, die derzeit in vielen Medien gezeigt werden. "Ein echtes Feuer im Regenwald von hundert mal hundert Meter (also 0,01 Quadratkilometer) stellt die NASA-Karte standardmäßig als drei mal drei Pixel großen, roten Fleck dar.

Auf einer Karte, die ganz Brasilien zeigt, entspricht der rote Fleck, den man dann am Monitor sieht, einer Fläche von rund 1.000 Quadratkilometern." Das ergebe einfach ein falsches Bild. Oder wie es Ingo Arzt erklärt: "Aus einem Brand im Berliner Tierpark wird also ungefähr ein Flächenbrand in der ganzen Stadt."

Phallussymbole aus Rettich

Joachim Huber berichtet im Berliner TAGESSPIEGEL von einer neuen Dokuserie mit Charlotte Roche über globale Liebesrituale. "In Japan beispielsweise, dem ersten Stopp ihrer Recherchereise, beobachtet sie Menschen, die an schokoladenüberzogenen Lollis in Penisform lutschen. Ältere Frauen schnitzen beim jährlichen ‚Kanamara‘-Festival in Kawasaki – dem ‚Festival des eisernen Schwanzes‘ – Phallussymbole aus Rettich. Alles passiert in einem Land, das selbst Einheimische als entsexualisiert beschreiben." Die Fettnäpfchen, die in dieser Sendung drohen, sind von ARTE offensichtlich eingeplant. Auch Huber springt mit seiner Überschrift im TAGESSPIEGEL lustvoll in eines hinein: "Lecker Penis in Japan".

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