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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 24.03.2017

Aus den FeuilletonsZeit läuft - Lesen im Digitalen Zeitalter

Von Klaus Pokatzky

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e-Book neben einem Buch (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)
e-Book neben einem Buch (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

Der "Süddeutschen Zeitung" ist aufgefallen, dass Texte im Internet immer öfter mit der geschätzten Lesedauer angepriesen werden. Und Tablets und Lesegeräte erfassen, wie oft "umgeblättert" wird. Bei so viel Analyse empfiehlt der Autor, einfach mal ohne Zeitdruck wieder ein gutes Buch zu lesen.

"Man gibt einem Affen einen Spiegel in die Hand, und er findet sich schön und beginnt zu schnattern."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG klärt uns über unsere Ahnen auf.

"Man gibt einem Affen eine Banane in die Hand und weiß, was sogleich passieren wird", schreibt Martin Meyer.

"Man gebe dem Homo sapiens ein Smartphone zwischen die Finger, und schon beginnt es zu drücken."

Die Welt ist wirklich nicht einfach für den digitalisierten Zweibeiner – aber entkommen kann er ihr nicht, wie uns Martin Meyer prophezeit:

"So sehr sich die Menschen aus guten und schlechten Gründen gegen die Apparaturen des Fortschritts stellten, den sie gleichzeitig anderswo immer mehr zu beschleunigen trachten, so wenig half bisher der Widerstand."

Digitale Analyse der Lesedauer

Es kann noch schlimmer kommen.

"Texte werden im Internet immer öfter mit der geschätzten Lesedauer angepriesen", hat die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG beobachtet.

"Datensammelnde Lesegeräte und Tablets erfassen zudem, wie oft man 'umblättert', und rechnen hoch, wie lang der restliche Text noch ist, nicht nur in Prozent, auch in Zeit",

erfahren wir von Johan Schloemann – der uns auch auf eine spezielle Internetseite verweist, wo wir ausrechnen lassen können, was uns Bücherlektüre so kostet:

"'Ein wenig Leben' von Hanya Yanagihara, eines der Bücher dieses Frühjahrs, verlangt 11:47 Stunden, Christian Krachts 'Imperium' in der englischen bersetzung nur 2:43. Alles natürlich Nettozeiten, ohne Schlaf und Toilettenpausen!"

Kein Wunder, dass Johan Schloemann da die Lektüre der guten alten analogen Zeit empfiehlt:

"Gelingendes Lesen – nicht nur von Büchern, sondern auch von klugen Aufsätzen oder Reportagen – hebt vor allem immer zeitweise das Zeitgefühl auf."

Europa – ein Sehnsuchtsort

Also auf zum nächsten klugen Aufsatz im Feuilleton.

"Was machte 'Europa' als Sehnsuchtsort aus, zu dem viele Länder aus dem Südosten 'zurückkehren' wollten?", wird im neuen SPIEGEL gefragt.

"Bestimmt nicht der Nationalismus, der rigide Konservativismus, der Populismus, der Revisionismus, die Intoleranz, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, die Korruption, die Feindschaft Migranten gegenüber!", gibt Alida Bremer ihre deutliche Antwort.

"Der Traum von Europa meinte einen Ort der Freiheit, der Toleranz und der Rechtsstaatlichkeit", so die deutsch-kroatische Schriftstellerin, die in Split geboren wurde und heute in Münster lebt.

"Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um vom Balkan etwas zu lernen. Die Lektion Nummer eins lautet: kein Nationalismus. Die Lektion Nummer zwei: Europa hat nur dann Sinn, wenn es auch Europa bleibt – ein Ort der Demokratie, der Meinungsfreiheit und der Rechtsstaatlichkeit."

Sir Elton John wird 70

Vergessen wir die Musen nicht. "Er ist der schillernde Meister der Rockballade und des flauschig aufgeschäumten Pianopops", lesen wir im Berliner TAGESSPIEGEL über einen Jubilar: Der Sänger Elton John wird jetzt am Samstag 70.

"König Kuschelkater", nennt ihn die FRANKFURTER ALLGEMEINE. "Happy Birthday, Sir!", ruft ihm die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG zu – schließlich:

"Englands Königin schlug ihn zum Ritter, und er engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen HIV", schreibt Jürg Zbinden.

"Der Menschentyp, den er darstellt, war im Unterhaltungswesen nicht vorgesehen", meint Dietmar Dath in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN:

"Weder Zierfisch noch Hai, weder Nachtigall noch Dreckspatz, irgendwie beides und keins von beidem, wie ein Jugendlicher, der zwar jederzeit alten Damen über die Straße hilft, aber vielleicht nur, weil es auf der anderen Seite weniger hell ist und er sie dort deshalb besser ausrauben kann."

Die NEUE ZÜRCHER ist da freundlicher und lobt "eine grosse Stimme, schöne Brillen und ein paar Songs, die jeder kennt". Jürg Zbinden erinnert: "1993 lernte er David Furnish kennen und lieben."

Glückwunsch!

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