Aus den Feuilletons

Zeh fordert "digitales Grundrecht"

Die Schriftstellerin Juli Zeh liest in Dresden aus ihrem neuen Roman "Schilf". © AP
Von Adelheid Wedel · 10.02.2014
Die Kulturpresseschau befasst sich unter anderem mit der Forderung der Schriftstellerin Juli Zeh nach einem "digitalen Grundrecht", mit dem neuen Enthüllungsportal "Intercept" und mit der Berliner Ausstellung "Ernste Spiele".
"Er klingt wie der einsame Rufer in der Wüste", schreibt die Schriftstellerin Juli Zeh über den Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz. Anlass für dieses Lob: "Schulz bekennt sich zu einer Verteidigung der persönlichen Freiheit im Informationszeitalter." Das ist, so registriert die Autorin, immerhin eine Ausnahme unter deutschen Politikern, "die das Thema Datenschutz üblicherweise wie der Teufel das Weihwasser meiden". Eine Ursache dafür sieht Zeh darin, "dass sich die meisten Politiker und Bürger nach wie vor wenig unter Datenschutz vorstellen können. Unklare Begriffe verweisen auf unklare Vorstellungen", ein Ergebnis der seit Jahren verschleppten Diskussion über die digitale Revolution. Angriffslustig fährt Juli Zeh fort: "Aus Hilflosigkeit gegenüber den rasanten Entwicklungen wird die Privatsphäre zum Anachronismus erklärt. Die Haltung bedeutet" ihrer Meinung nach "nicht weniger als der Verzicht auf persönliche Autonomie." Ausführlich schildert sie die Gefahren allumfassender Beobachtung für die Menschenwürde, die dabei zusehends unter die Räder gerät.
Auf die Empfehlung von Innenminister Friedrich eingehend, "wer nicht ausgespäht werden wolle, müsse eben auf Facebook verzichten", erwidert sie: "Digitale Selbstverteidigung käme einer realen Selbstauslöschung gleich." Stattdessen fordert sie eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Problem. "Es geht um die Klärung ethischer Konflikte, um die Renovierung unseres Wertesystems im Angesicht neuer Bedingungen." Erforderlich wäre "ein klar formuliertes digitales Grundrecht, welches personenbezogene Daten unter die alleinige Verfügungsgewalt des Einzelnen stellt", oder knapp gesagt: Uns fehlt ein digitaler Code Civil. "Die Zeichen für einen groß angelegten gemeinschaftlichen Lösungsversuch stehen gut", meint die Autorin und warnt: "Die ersten zwanzig Jahre der digitalen Ära haben wir bereits politisch verschlafen."
Ambitioniertes Journalismusprojekt "Intercept" startet
Ein Artikel in der Tageszeitung TAZ beschäftigt sich ebenfalls mit dem Internet. Die Zeitung berichtet über ein neues Enthüllungsportal namens "Intercept". Martin Kaul redet von einem gegenwärtig stattfindenden DOKUKrieg, denn "mit Intercept", so meint er, "rüsten Journalisten zum nächsten Kampf". An diesem Montag präsentierte der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald gemeinsam mit einigen KollegInnen diesen neuen Blog, hinter dem sich – so die Einschätzung von Martin Kaul – "eines der womöglich ambitioniertesten Journalismusprojekte der letzten Jahre verbirgt".
Geld dafür, 250 Millionen Euro – kommt von eBay-Mitbegründer Pierre Omidyar, zum Team um Greenwald gehören die Filmemacherin und Snowden-Dokumentarin Laura Poitras, der Enthüllungsjournalist Jeremy Scahill sowie "eine kleine Avantgarde weltweit geachteter Journalisten". Dabei handelt es sich "um einen Blog mit sehr brisantem Material". In der Selbstbeschreibung des Projekts heißt es, es gehe "um aggressiven und um anwaltschaftlichen Journalismus".
Noch einmal spielt der Computer die Hauptrolle in dem Artikel "Schnitt und Schuss" im TAGESSPIEGEL. Es wird berichtet: Unter dem Motto "Ernste Spiele" zeigt der Filmkünstler Harun Farocki im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin "den Krieg am Computer". Insgesamt vier neue Videoinstallationen setzen sich zusammen aus Computerspielen, die nicht der Unterhaltung dienen, sondern beispielsweise der Ausbildung amerikanischer Soldaten vor ihrem Einsatz in Afghanistan.
In einem anderen Teil der Installation ist eine arabische Stadt zu sehen. Die Frage: Wie verhält man sich, wenn plötzlich geschossen wird? Beantworten computergesteuerte Bilder. Daniela Sannwald hat sich die Ausstellung angeschaut: "Unwillkürlich kommt dem Betrachter die Angst und Fremdheit in den Sinn, die bei allen am Krieg Beteiligten herrscht. Wie muss der in leichte Baumwollstoffe gekleideten Zivilbevölkerung das Auftreten der rundum gepolsterten, bis an die Zähne bewaffneten, jungen, vierschrötigen Männer vorkommen?" Sannwalds Kommentar: "Es offenbart sich die Absurdität der Vorstellung, der Westen könne die Probleme in der Region nach seinen Regeln lösen."