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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 15.01.2019

Aus den FeuilletonsWenn der Blutmond kommt

Von Gregor Sander

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Rot steigt der Vollmond hinter dem Berg Säntis im Kanton Appenzell in der Schweiz auf. (dpa-Bildfunk / KEYSTONE / Christian Merz)
So war der Mond am 27. Juli 2018 im Kanton Appenzell in der Schweiz zu sehen. (dpa-Bildfunk / KEYSTONE / Christian Merz)

Ein Mondritual mit Kerzen und Räucherstäbchen - das empfiehlt die TAZ, um den Energien des Blutmondes zu entrinnen. Und auch sonst zieht sich ein deutlicher Hang zum Spirituellen durch die Kulturseiten des Tages.

"Der Blutmond kommt", titelt fast schon drohend die TAZ, denn der Mond wird sich am 21. Januar ab 3.36 Uhr in ganz Deutschland nicht nur verfinstern, sondern auch noch rot und besonders groß erscheinen. Eine Mondfinsternis gepaart mit einem Super-Blutmond also, stellt Maike Brülls begeistert fest, und ermahnt ihre Leser, dass die Energien dieses roten Super-Mondes fordernd seien und Unbequemes zum Vorschein brächten. Frau Brülls empfiehlt daher ein Mondritual: "Zünden Sie Kerzen an, reinigen Sie sich und die Umgebung mit Räucherstäbchen, Weißem Salbei oder Palo Santo."

Meditieren im Museum of Modern Art

Wer dazu aber keine Lust verspürt, wem es 3.36 Uhr vielleicht auch noch etwas zu früh zum Räucherstäbchen anzünden ist, der folgt einfach Hannes Stein von der Tageszeitung DIE WELT zum Meditieren ins Museum of Modern Art in New York. Neben dem Mönch steht eine schwarze Vase mit Lotusblüten. Vor ihm liegen ein Smartphone und ein Buch. Hinter ihm erblickt der Besucher den Skulpturengarten des Museums im Morgenlicht. Vielleicht hundert Meditationsbeflissene haben sich eingefunden, um im Kunsttempel in sich zu gehen.

Jeden ersten Mittwoch im Monat meditieren sie so in Manhattan und es geht immerhin erst um halb acht los. Einfach ist es trotzdem nicht, wie Hannes Stein beim Mantramurmeln feststellt: "Dabei müssen die Meditationsjünger ihren Nachbarn zur Linken und zur Rechten die Hand reichen. Das ist schwierig. Schließlich sind wir hier nicht im Aschram, sondern in New York. Hier fahren wir mit der Subway, ohne einander in die Augen zu schauen. Und jetzt plötzlich Körperkontakt mit wildfremden Menschen aufnehmen? What the fuck."

"Warten auf Godot" mit Yoga

Aber es geht gut aus für den WELT-Autor und beseelt verlässt er den Kunsttempel, und wäre so erleuchtet vielleicht ein potentieller Zuschauer für "Warten auf Godot" an der Frankfurter Schaubühne. Nikolas Freund erklärt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG die künstlerischen Beweggründe des verantwortlichen Regisseurs Robert Borgmann so: "Für ihn war der Ausgangspunkt seine 'Auseinandersetzung mit dem Yoga und dem philosophischen Teil dessen, der aus der vedischen Philosophie und den Upanishaden kommt'".

Leider wird das nun im Text nicht genauer erklärt, es klingt einfach nur nach, und Freund fasst auch seine Kritik in einen schwebenden Satz: "'Warten auf Godot'" und Robert Borgmanns Inszenierung kann man verstehen als ständige Suche nach irgendwelchen Dingen, mit denen sich der leere Bühnenraum füllen lässt." Ohmmm, möchte man an dieser Stelle summen oder fragen, ob das nicht bei jeder anderen "Warten auf Godot"-Inszenierung genauso ist?

Spirituelle Fragen zum Schnee

Die große Verwandlung der Welt hat Manuel Müller von der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG erlebt. Die aktuellen Schneemassen in den Alpen haben ihn zu einer religiösen Einsicht geführt: "Im Schnee fällt es schwerer, nur einem zu huldigen. Keine der großen monotheistischen Religionen erlebte hier ihre erste Blüte, sie erwuchsen allesamt einem heisseren, trockeneren Süden." Was für Müller Fragen über Fragen auftürmt: "Kannte Jesus Schnee? Ahnte Noah, dass Sterne vom Himmel fallen können? Sah Mohammed einmal Weiß auf den Dächern seiner Heimatstadt? Vielleicht hätten Zweifel sie erfasst – mag sein, dass sie den Teufel geschimpft hätten, der ihnen solche Kälte und solche Zeichen beschert."

Doch trotz dieser Einsichten erklärt sich Müller in der NZZ die Schneemassen dann monotheistisch. "In sanften Flocken ist der Gott vom Himmel gefallen, hat sich leicht auf Gräsern gesammelt und langsam jeden Baum bedeckt. Erst nach Stunden hüllt er die letzten scharfen Kanten in weiche Linien. Dann hält er inne und schweigt." Schweigen wollen wir jetzt hier auch und blasen unsere Lesekerze aus. Aber vorher soll noch eine Überschrift des Berliner TAGESSPIEGEL diese Feuilletonpresseschau bewerten: "Korrekt, aber einseitig".

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