Seit 20:03 Uhr Konzert
Dienstag, 02.03.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 04.01.2016

Aus den FeuilletonsWenn den Deutschen nur ihr Roggenbrot bleibt

Von Tobias Wenzel

Podcast abonnieren
Roggenbrote kommen am 30.04.2014 in der Backstube des Biobäckers "Brotgarten" in Berlin aus dem Ofen. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Krachend harte Kruste: Roggenbrote kommen aus dem Backofen. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Was ist typisch deutsch? Til Schweiger schimpft nach Kritik an seinem "Tatort" über das Land der Neider. Und der Schriftsteller Martin Mosebach beantwortet die Frage in der "SZ" letztendlich kulinarisch.

"Was ist deutsch?" heißt die Serie, die die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ins Leben gerufen hat. In dieser Dienstagsausgabe setzt sich der Schriftsteller Martin Mosebach damit auseinander.

"Hundert Antworten fallen mir auf diese Frage ein – keine davon hält einer Überprüfung stand", schreibt er schon etwas ratlos. Dann hangelt er sich von einer deutschen Assoziation zur nächsten und findet hier und da, wenn auch etwas vom Thema abgekommen, doch etwas Gewissheit:

"Was gut ist in Deutschland: säuerliches Roggenbrot mit einer krachend harten schwarzen Kruste."

Und noch etwas scheint gut in Deutschland zu sein: Til Schweiger. "Du bist der Größte!!!!", schreibt Paul Wrusch jedenfalls in der TAZ in seinem offenen Brief an den Schauspieler und Regisseur. "Ich bin meeega stolz auf dich!!!!" Die vielen Ausrufungszeichen, das muss Ironie und zugleich eine Schweiger-Persiflage sein:

"Ich sage, du hast schon jetzt den schoensten Facebook-Post des Jahres geschaffen. Atemlos, phantasievoll, arrogant, –
und das mit deinem schmalen Geist", schreibt Wrusch.

Filmkritiker als "Trottel"

Nach dem Doppelpack-"Tatort" mit Til Schweiger als Nick Tschiller am Wochenende hatte der Schauspieler seinen Regisseur und damit auch sich selbst auf Facebook gelobt, schlecht über den "Tatort" der Kollegen gesprochen und Filmkritiker als "Trottel" bezeichnet. Deutschland sei weiterhin das Land der Neider, so Schweiger.

"Unklar blieb, worauf die Neider bei Schweiger neidisch sein sollen", kommentiert Joachim Huber im TAGESSPIEGEL, erwähnt die mäßigen Einschaltquoten und nennt Schweiger einen "Egomanen".

Michael Hanfeld verweist darauf, dass der actionreiche "Tatort" mit Schauplatz Hamburg nur knapp mehr Zuschauer hatte als der "Bergdoktor" im ZDF: "Vor dem Hamburger Inferno scheinen jedenfalls nicht wenige ins Alpenidyll geflüchtet zu sein."

Und zur Qualität des Schweiger-Produkts: "Etwas James-Bond-Modus im 'Tatort' ist gut und schön. Es ist aber kein Grund abzuheben, wie es Til Schweiger auf seinem Facebook-Account unternahm."

Hanfeld lobt allerdings die Entscheider beim NDR dafür, dass sie erstens mit Blick auf die Anschläge in Paris den "Tatort" auf Januar verschoben hatten und zweitens Jan Hofer die "Tagesschau" davor moderieren ließen und nicht Judith Rakers. Die wurde nämlich in der Fiktion des Krimis während einer Tagesschaumoderation von Terroristen als Geisel genommen.

Pianist Alfred Brendel wird 85

Ursprünglich war geplant, Rakers auch die reale "Tagesschau" moderieren zu lassen und dann auf den "Tatort"-Vorspann zu verzichten. Der NDR hat sich allerdings dagegen entschieden. "Andernfalls wäre dieser 'Tatort' auf dem schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität abgestürzt", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ. Für Katharina Riehl war das aber schon so zu viel des Guten.

"[N]icht nur die Tagesschau hat ein bisschen ihrer Seele am Sonntag an den großen Quotenbringer Til Schweiger und seinen grauenhaft langweiligen Tatort verraten", schreibt sie in der SZ. Auch der NDR habe sich "die Gunst Schweigers teuer erkauft". Der Tatort mit Schweiger komme ins Kino und dann wieder ins Fernsehen. Kommentar von Katharina Riehl: "Kino-Promotion, gebührenfinanziert."

Wie Til Schweigers Facebook-Nachrichten wohl aussehen, wenn er einmal 85 ist ... So alt wie nun der Pianist Alfred Brendel. Eleonore Büning hat ihn für die FAZ in London interviewt.

"Streamen ersetzt heute die haptische Tonträgerei. Music is in the air, jederzeit für jeden verfügbar, in Häppchen oder in Gänze. Was denken Sie, wo wird das hinführen?", fragt die Musikkritikerin.

Brendels Antwort: "Vielleicht in die Sphärenmusik. Das wäre mir schon recht, solange neben den Engeln auch ein paar Teufel herumflattern."

Mehr zum Thema

Reisen in "Tatort"-Städte - "Sie profitieren von den Krimi-Touristen"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 09.03.2015)

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur