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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 07.11.2014

Aus den FeuilletonsWas ist ein DDR-Schriftsteller?

Die DDR und ihr unrühmliches Ende in den Kulturbeilagen vom Wochenende

Von Adelheid Wedel

(picture alliance / dpa)
Der Schriftsteller Ingo Schulze, Aufnahme vom Mai 2014 (picture alliance / dpa)

Vehement wehrt sich Ingo Schulze im Berliner "Tagesspiegel" gegen den Begriff "Unrechtsstaat". Die FAZ fokussiert sich auf die Frage, ob in der DDR Weltliteratur entstand.

Die DDR und ihr unrühmliches Ende flackern durch fast alle Zeitungsseiten an diesem Wochenende. Die Blickwinkel, aus denen jüngste deutsche Geschichte betrachtet wird, geben mitunter die Vielfalt wirklichen Geschehens wieder. 

Jochen Hieber zum Beispiel wendet sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG der Literatur zu und provoziert mit dem Urteil:

"Strenggenommen entstand in der DDR nur ein einziges Werk der Weltliteratur."

Erst in der zweiten Hälfte seines Artikels löst er das Rätsel:

"Von Jurek Becker stammt der einzige Roman aus DDR-Zeiten, der auf emphatische Weise Weltliteratur wurde, 'Jakob der Lügner'."

Dann lesen wir die befremdliche Einschätzung:

"Beckers bezwingende Parabel einer so verzweifelten wie vitalen Hoffnung hatte mit der DDR lediglich gemein, dass sie dort entstand. Also las man sie von vornherein auch nicht als Teil ihrer Literatur."

Hier aber irrt Jochen Hieber und macht deutlich, dass er nicht in dem Land lebte, über dessen Umgang mit Literatur er schreibt. Genauer beschreibt er die Wirkung von Literatur aus der DDR auf den Leser im Westen:

"Man las die Romane, Erzählungen und Gedichte von Franz Fühmann, Volker Braun, Günter de Bruyn, Günter Kunert, Christoph Hein, Thomas Brasch, Wolfgang Hilbig und jene der bald hochberühmten Christa Wolf zunächst als Nachrichten aus einem fernen Land, zudem als Kassiber des Widerständigen, die entschlüsselt sein wollten."

Ergänzend dazu: Hierbei unterschieden sich die Lesegewohnheiten im Westen gar nicht von denen im Osten. Unwidersprochen bleibt,

"dass die kritische Literatur des Landes allen Widersprüchen, Kompromissen und, nicht zuletzt, allen Kooperationen mit der Staatsmacht zum Trotz, wesentlich dazu beitrug, die Unterdrückung zu benennen. Es mag eine Einheitskraft wider Willen gewesen sein, die von der Literatur der DDR ausging – eine Einheitskraft war sie gleichwohl, weit über ihr Ende hinaus."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG bemüht sich um Verständnis und Einordnung, wenn sie schreibt:

"Natürlich ist es lächerlich und falsch, einen Dichter heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, einen DDR-Schriftsteller zu nennen. Aber das ist Volker Braun",

meint Volker Weidermann, der Brauns "Werktage 2. Arbeitsbuch 1990 – 2008“ rezensiert, das bei Suhrkamp erschien.

"Ich bin unter Brüdern aufgewachsen",wird Braun zitiert. "Er meint damit die Familie und auch sein Land",erklärt Weidermann und:

"Jetzt das Werkbuch lesend, hat man den Eindruck, einen Fels zu besteigen, einen grauen Granitfelsen. Es ist alles festgefügt in dieser Welt, die Kompassnadel der Moral, der Sicht auf die Welt scheint niemals zu zittern."

Dem Rezensenten fällt beim Lesen "die vollständige Abwesenheit von Zynismus" auf, "auch von Selbstverliebtheit, Selbstüberschätzung".

Erklären kann man sich diese Haltung aus einem Satz von Braun:

"Wenn ich etwas für unverzichtbar halte, dann den Komfort des Großmuts."

Im TAGESSPIEGEL äußert sich der Schriftsteller Ingo Schulze zum Mauerfall und zu verpassten Chancen. Er sagt:

"An Wiedervereinigung hatten meine Freunde und ich erst mal gar nicht gedacht. Wir wollten den Sozialismus mit menschlichem Antlitz."

Auf die Frage von Peter von Becker nach dem Unrechtsstaat gibt Ingo Schulze, Direktor der Sektion Literatur an der Berliner Akademie der Künste, eine deutliche Antwort:

"Ich hätte früher kein Problem gehabt, bei dem stasidurchtränkten Ding von einem Unrechtsstaat zu sprechen. Aber diese Benennung hat sich in der Bedeutung inzwischen verschoben. Durch das Wort 'Unrechtsstaat' hat sich alles, was es in der DDR gab, pauschal erledigt. Und es gab durchaus Rechte: Das Arbeits- oder Familienrecht war dem westlichen womöglich überlegen. Die Bezeichnung Unrechtsstaat mit der darin mitschwingenden Selbstgerechtigkeit wischt auch weg, was nach dem Beitritt an neuem sozialem Unrecht oder Unfug geschah. Und um eine Gesellschaft, in der sich alles um Wachstum dreht, auf dem falschen Weg zu sehen – dafür spielt Ost oder West wahrlich keine Rolle."

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