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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.10.2015

Aus den FeuilletonsWas Hamed Abdel-Samad bei der AfD macht

Von Tobias Wenzel

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Der Publizist Hamed Abdel-Samad bei einem Vortrag bei der Jugendorganisation der AfD in Köln (imago / Futur Image)
Hamed Abdel-Samad spricht bei einer AfD-Veranstaltung. (imago / Futur Image)

"Ein Narziss zu Gast bei Freunden": Mit diesen Worten kommentiert die "taz" den Auftritt des ägyptisch-deutschen Publizisten Hamed Abdel-Samad vor Berliner AfD-Leuten - und spart nicht mit kritischen Anmerkungen.

"Lesen Sie nicht weiter. Gehen Sie lieber selber ins Kino", schreibt Jan Küveler in der WELT, um dann doch dazu aufzufordern, die Rezension zum neuen James-Bond-Film "Spectre" weiterzulesen. Küveler wirkt, als wäre er auf Ecstasy: "Der neue James Bond ist im Grunde eine Parabel auf das Leben eines Filmkritikers", behauptet er an einer Stelle. Das freut den Kritiker der WELT merklich. Weniger, dass Bond verweichlicht.

"Seine Lieblingswaffe war immer schon das Wort", schreibt Küveler. "Mittlerweile sind ihm Pistolen aber so egal, dass er seine angestammte Walther PPK gegen eine VP9 von Heckler & Koch eingetauscht hat. Später wirft er sie ganz weg. Man hat ja schon länger den Eindruck, dass dieser Bond verlottert."

SED-Plakat: "Das schaffen wir!"

Wenn wir uns nicht mehr auf Bond verlassen können, dann vielleicht noch auf Angela Merkel und ihren Satz "Wir schaffen das!"? Diese Hoffnung droht Henryk M. Broder nun, ebenfalls in der WELT, zu zerstören. Die Zeitung hat dazu ein SED-Plakat aus dem Jahr 1981 abgedruckt, das eine Bäuerin zeigen soll. Die junge Frau sieht, da hat Broder Recht, der Bundeskanzlerin "zum Verwechseln ähnlich". Auf dem SED-Plakat steht der Satz "Das schaffen wir!".

Ob die Frau auf dem Plakat tatsächlich Angela Merkel ist, weiß Broder nicht. Aber:

"Das Plakat zum 10. Parteitag der SED erinnert uns daran, dass die Kanzlerin in der DDR sozialisiert wurde, in einem System, das vom ersten bis zum letzten Tag seines Bestehens ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit hatte", schreibt Broder, um dann folgendes Fazit zu ziehen: "Es sieht danach aus, als wäre die Bundesrepublik nun auf dem gleichen Weg, auf dem die DDR in den Abgrund der Geschichte geschliddert ist."

Solche Sätze sind Wasser auf die Mühlen der Pegida-Anhänger. Die wollen ja nicht noch ein zweites Mal den Abgrund erleben. Also rufen sie vor lauter Panik Sätze wie: "Werden wir immer weniger, / enden wir wie die Armenier!" Patrick Bahners von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG hat sich dankenswerter Weise unter Pegida-Demonstranten in München gemischt und dieses Meisterwerk pegidaischer Denk- und Dichtkunst vor dem alles fressenden Nichts bewahrt.

Bei dem arabischen Namen gerät der AfD-Sprecher ins Stottern

Am 14. Juli 2014 verkündete der ägyptisch-deutsche Publizist und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad vorübergehend auf Facebook, er wolle Deutschland verlassen, weil es hier zu ungemütlich für ihn werde. Nun, bei der Lektüre des TAZ-Artikels von Johanna Roth, fragt man sich, ob Abdel-Samad, der übrigens mit Henryk M. Broder gemeinsam Fernsehen gemacht hat, das Gefühl der Gemütlichkeit empfand, als er vor Berliner AfD-Leuten einen Vortrag hielt. Amüsant liest sich, was Johanna Roth über den Beginn der Veranstaltung berichtet. Der stellvertretende Berliner Sprecher der AfD Hugh Bronson sei bei der Ankündigung des Gastes ins Stottern geraten: "Herr, Herr, ähhh … also, unser Gast …"

"Einen arabischen Namen nimmt Hugh Bronson wohl eher selten in den Mund", kommentiert die TAZ-Autorin und endet mit dem Satz über Abdel-Samad und seine an diesem Ort sehr willkommenen islamkritischen Äußerungen: "Ein Narziss zu Gast bei Freunden."

Wie hält man einen guten Freund vom Gehen ab? Die Antwort auf diese Frage liefert Jens Malte Fischer in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG mit der Rezension eines Briefwechsels. Als Karl Wolfskehl erfuhr, sein Freund, der Dichter Stefan George, wolle wohl auswandern, schrieb er ihm folgenden Brief:

"Lieber Stefan, Verehrter und Geliebter, ich wage nicht auch nur wie zu einer Möglichkeit hierzu aufzublicken und ich erkläre Ihnen daß es nimmer geht. Daß ich sie nimmer lasse. Daß ich kein Opfer kenne, das solches zu hindern mir zu schwer wäre. Sie haben den einzigen Punkt berührt in dem ich mich nicht bangen lasse. Sie dürfen nicht von uns ziehen. Wir sind unlöslich verkettet."

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