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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.11.2018

Aus den FeuilletonsWarum wir Angela Merkel noch vermissen werden

Von Ulrike Timm

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Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Bundesvorsitzende, spricht bei einer Pressekonferenz nach der Sitzung des CDU-Bundesvorstands im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. (dpa / Michael Kappeler)
Angela Merkel, Bundeskanzlerin und akutell noch CDU-Bundesvorsitzende. (dpa / Michael Kappeler)

Angela Merkels Verzicht auf eine weitere Kandidatur als CDU-Vorsitzende ist ein bestimmendes Thema in den deutschen Feuilletons. Die "taz" ist sich sicher, dass wir sie noch vermissen werden. Und der "Tagesspiegel" ehrt ihren berühmtesten Satz.

"Wir werden uns noch nach ihr sehnen" – gibt die TAZ den Tonfall der Woche zum Thema der Woche vor, Angela Merkels Verzicht auf eine weitere Kandidatur als CDU-Vorsitzende.

Ein geplanter Ausstieg aus eigener Kraft. Mit Haltung. Angekündigt in uckermärkischer Umstandslosigkeit – das sagen, so oder so ähnlich, eigentlich alle Zeitungen.

Merkels großer Satz

Im TAGESSPIEGEL schreibt der Dramatiker Moritz Rinke über seine Jahre mit Merkel, darüber, wie er sich an ihrem Pragmatismus rieb und sie dann doch "für diesen Satz umarmen" könnte, der eine der Schlüsselstellen ihrer Kanzlerschaft war und wohl als historisch eingehen wird, wie immer man zu ihm steht: natürlich, "Wir schaffen das!"

"Menschen werden weiter migrieren. Nicht nur, weil sie verfolgt werden, weil Kriege herrschen, weil wir selbst Kriege fördern und weil es immer mehr Klimawandel gibt, sondern auch, weil diese Menschen längst durch die globale Kultur und globale Netzwerke an unsere europäische Welt angebunden sind. Und irgendwann wird uns gar nichts anderes mehr übrig bleiben, als uns an Merkels großen Satz aus dem Sommer 2015 zu erinnern." Soweit Moritz Rinke im TAGESSPIEGEL.

Geradezu pathetisch prophezeit der britische Schriftsteller Martin Amis im Gespräch mit der WELT: "Angela Merkels große Geste war nicht ein Schritt zu weit, sondern ein Schritt zu früh. Sie ist Opfer der Gegenaufklärung, die nun den Westen heimsucht; aber wenn – wenn, nicht falls – das mit der Aufklärung weitergeht, wird sie als eine der Heldinnen geehrt werden". Meine Güte, sowas wie einen Nachruf braucht sie ja nun doch noch nicht!

Wer folgt auf Merkel?

Die FAS zitiert andere Töne, nämlich das "Brexit-Kampfblatt" Daily Mail: "Mutti ist kaputti" – das Wort von Mutti hat es übrigens zum gesamteuropäischen Merkel-Spitznamen gebracht! Wer immer ihr im Parteivorsitz nachfolgt, müsste mit ihr auskommen, zwei Bewerbern sollte das schwer fallen. "Einer macht sich Hoffnungen, einer weckt Hoffnungen, eine wird unterschätzt", meint die ZEIT sibyllinisch, bezieht aber Position, wenn unter dem Titel "Rettung naht" Jens Spahn, Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer als medizinisches Team gezeichnet werden -  aber nur die Frau in der Mitte mit dem Stethoskop könnte tatsächlich gleich loslegen!

Friedrich Merz, der am strategischsten agierende Kandidat, baut auf mehr Markenkern statt Mutti, sollte er Merkel tatsächlich beerben, "wäre es die späte Rache des Abservierten. Eine größere Ironie der Geschichte ist es, dass Jens Spahn, Posterboy der Rechten in der Partei, als bekennender Schwuler keine Chance gehabt hätte in der Union, bevor Merkel sie umkrempelte", meint Alan Posener in der WELT. Manchmal sind ja auch die eloquenten Markenkerndefinierer doch recht weit von den Menschen entfernt, die den Markenkern tatsächlich umsetzen sollen und leben müssen, die hatten eben auch was an Mutti.

Wo Merz' Schwäche liegt 

"Ich werde euch rocken" – nein, da sind wir versehentlich irgendwie aus der Zeitung gekippt, das gilt dem Queen-Film "Bohemian Rhapsody" im TAGESSPIEGEL, passt aber ein bisschen zum Auftreten des BlackRock-Aufsichtsrats-Kandidaten, von dem Bettina Gaus in der TAZ erst sagt: "Er hat bewiesen, dass er nicht an einem politischen Posten klebte, sondern nach seinem Abschied aus dem Bundestag achselzuckend ein neues, erfolgreiches Kapitel in seinem Lebenslauf aufzuschlagen imstande war", um dann die Schwäche des Kandidaten Merz so zu fassen: "Friedrich Merz hat 2002 den Machtkampf gegen Angela Merkel verloren, obwohl er als Fraktionsvorsitzender der Union die weitaus besseren Voraussetzungen für einen Sieg hatte als eine CDU-Parteivorsitzende ohne Hausmacht. Weil sie etwas von Machtpolitik verstand und er nicht. So einfach war das."     

"Mit Macht für die Künste: seit 20 Jahren leistet sich der Bund Kulturpolitik im Kanzleramt", und das sei eine einzigartige Erfolgsgeschichte, meint Christiane Peitz im TAGESSPIEGEL. Skepsis und Spott seien lange vorbei. Inzwischen gelte unumstritten: "Der Bund darf auch Kultur". Und die bisherigen StaatsministerInnen vom Fach "konnten die Haushälter zu der Einsicht bewegen, dass es selbst in mageren Zeiten keinen Sinn hat, bei der Kultur zu streichen, da sie nicht mal ein Prozent des 343–Milliarden Bundesetats ausmacht. Der Spareffekt ist gleich null, umso größer der öffentliche Schaden." Angela Merkel hielt übrigens eine Festrede zum Jubiläum, darin ein Zitat Alexander von Humboldts: "Alles ist Wechselwirkung." Das hat die FAZ aufgespießt.

Micky Maus als perfekter Parteivorsitzender

Und sonst?

"Zeter! Grummel! Seufz!", gibt uns die FAZ einen kleinen Höreindruck aus der Welt eines besonderen Jubilars, Micky Maus wird in ein paar Tagen 90. Katja Nicodemus durfte für die ZEIT die heiligen Hallen des Disney-Archivs besuchen. Und erfuhr, wie sanft und sensibel der Mäuserich in den vergangenen Jahrzehnten zeichnerisch immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst wurde. Und was darf die Maus gar nicht? "Sie darf nicht rauchen, keine Drogen nehmen, keinen Sex haben. Sie darf nicht die Hosen runterlassen und nicht politisch sein", erklärt Eric Goldberg, einer der Chefzeichner von Disney, und weiter: "Sie darf uns keine Angst machen."

Perfekter Anforderungskatalog für Parteivorsitzende!

"Wir Menschen sind Trottel. Wir irren uns ständig" – und wir sind, ganz bestimmt! – schon wieder eine Zeitung weiter, diesmal bei der FAS. Die stellt – sonntags ist Zeit für sowas – in einer kleinen Nachricht Nico Simrotts "Kalender des Scheiterns" vor, jeden Tag einmal Scheitern zum Abreißen, mal politisch, mal poetisch, mal sarkastisch. Kostprobe: "18. August, an dem im Jahr 1227 Dschingis Khan stirbt. 2000 Trauergäste besuchen seine Beerdigung. Gemäß mongolischer Sitte werden sie danach alle umgebracht."

Pech.

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