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Kulturpresseschau | Beitrag vom 29.08.2019

Aus den FeuilletonsWarum der "Kotti" in Berlin nicht die Hölle auf Erden ist

Von Arno Orzessek

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Das Foto zeigt den Bahnhof Kottbusser Tor - der Blick geht durch die Fenster des Bahnhofgebäudes nach draußen auf den Platz. (picture alliance/dpa/Arco Images)
Der gute alte "Kotti" in Berlin-Kreuzberg - offenbar doch nicht so schlimm, wie viele denken. (picture alliance/dpa/Arco Images)

Was sind Halal-Discos? Und warum ist es am Berliner "Kotti" so schön schrecklich und schrecklich schön? Die "Welt" klärt über das Kottbusser Tor in Kreuzberg auf. Und auch an Boris Johnson kommen die Feuilletons mal wieder nicht vorbei.

"Was ist eine Halal-Disco?" fragt in großen Lettern die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Während Sie über der richtigen Antwort grübeln, kommen wir schon mal, auf den Artikel zu sprechen. Sonja Zekri stellt im Rahmen der SZ-Serie "Am Start" – Leitfrage: "Was tun junge Künstler oder Wissenschaftler, wenn sie noch nicht etabliert sind?" – den Islamwissenschafter Noel van den Heuvel vor. Und unterstreicht, dass Islamwissenschaft nichts Elfenbeinturmhaftes hat.

"Wenn man bedenkt, dass ein Eugeniker wie Thilo Sarrazin mit seinen Islam-Panschereien Millionen aufhetzt, ein seriöser Forscher wie der Franzose Gilles Kepel wiederum für seine Äußerungen zum Terrorismus Polizeischutz bekam, lässt sich die Beschäftigung mit dem Islam mit einigem Recht als Risikoforschung bezeichnen. Wer über den Islam redet, spricht über die schmerzhaftesten Themen der Gegenwart, über die Verletzlichkeit moderner Gesellschaften, die Illusion westlicher Toleranz, die Veränderbarkeit der Welt."

Es gibt nicht nur den einen Islam

Das heiße Eisen Islamforschung – vorgestellt von Sonja Zekri am Beispiel des Islamwissenschaftlers Noel van den Heuvel. Ach ja: Halal-Discos heißen übrigens jene Clubs, die es neuerdings auch wieder im saudi-arabischen Dschidda gibt, wo van den Heuvel forschen will.

"Den einen Islam gibt es nicht" titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG beileibe nichts Neues. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor findet jedoch, die Botschaft sei unter Muslimen noch nicht richtig angekommen:

"Islamexperten haben sich lange darum bemüht, Nichtmuslimen zu er­klären, dass es ‚den‘ Islam nicht gibt. Viel wichtiger indes wäre es, unter Mus­limen selbst diesen Gedanken stärker zu verankern. Den einen ‚wah­ren‘ Islam mag es aus einer göttlichen Perspektive geben, aber kein Mensch kann sich anmassen, ihn ebenfalls zu kennen. Das beanspruchen nur Funda­mentalisten, dünkelhafte Gelehrte und blasierte Imame für sich."

Ein legendärer Ort: Kottbusser Tor

Besuchen wir nun mit der Tageszeitung DIE WELT einen legendären Ort, an dem man viele Muslime, viele Nicht-Muslime und überhaupt Tag und Nacht viele verschiedene Menschen in unterschiedlichen Verfassungen – und nicht immer den besten – trifft.

"Verteidigung des Kottbusser Tors" nennt der WELT-Autor Boris Pofalla seine Besichtigung des Ortes, von dem es in der Unterzeile heißt: "Schläger, Junkies, gescheiterte Architektur: Über keinen Platz in Deutschland kursieren so viele Horrorgeschichten wie über den 'Kotti' in Berlin Kreuzberg."

Aber, so fragt Pofalla, "ist der Kotti wirklich ein ‚Platz der Verdammten‘, wie der 'Spiegel' behauptete? Als Kulturoptimist würde man sagen: Er ist ein Theater von barocker Raffiniertheit. Aber es ist natürlich kein Theaterstück, das hier gegeben wird. Der Platz lebt nicht von staunenden Bildungsbürgern, sondern von der Nachbarschaft. Die ganzen Cafés, Restaurants, Gemüseläden, Reisebüros und Versicherungsagenturen werden von Einzelunternehmern gestemmt, die fast alle Migranten sind. Sie leiden am meisten unter der Stigmatisierung des Kottis als Höllentor. Die Gegend immer nur als ewigen Problem- und Sozialfall darzustellen, das hat auch einen rassistischen Unterton. Dabei gibt es hier mehr Unternehmer und mehr Innovation als in so manchem Start-up-Inkubator. Und vor jedem Döner stehen Pflanzenkübel."

Wir wohnen unweit vom Kotti und möchten Pofalla für die Fairness seines Porträts loben.

Und noch ein Blick auf die Insel

Und jetzt noch kurz auf die Insel. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG denkt Jürgen Kaube über den Mann nach, der schon "vieles genannt worden" ist, "ein inkompetenter Lügner, ein schamloser Clown, ein manischer Selbstvermarkter, ein egoistischer Hanswurst, ein von sich absorbierter Soziopath, auf vielfältige Weise böse und so weiter."

Die Rede ist, na klar, von Boris Johnson. Jürgen Kaube macht den britischen Premier für dessen Parlamentsferienverlängerungsaktion tüchtig runter – gibt aber auch zu: "Das Spiel, bei dem zwei Autos auf eine Klippe zurasen und gewinnt, wer zuletzt aus seinem aussteigt, möchte man mit Boris Johnson nicht spielen."

Okay, so weit für heute. Bleibt zu hoffen, dass viele Briten auch nach dem Brexit noch den Satz sagen können, der in der WELT Überschrift wurden: "Ich bin glücklich hier."

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