Seit 15:30 Uhr Tonart

Donnerstag, 20.06.2019
 
Seit 15:30 Uhr Tonart

Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.01.2019

Aus den FeuilletonsVon Trollen und Dinos

Von Ulrike Timm

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Bild zeigt zwei große Dinosaurier-Skelette im Berliner Naturkundemuseum (imago stock&people)
So riesig, dass sie auf kein Bild passen: Dinosaurier-Skelette im Berliner Naturkundemuseum. (imago stock&people)

Die Debatte um die Rückgabe historischer Funde aus afrikanischen Ländern geht weiter. Jetzt fordert die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy, dass das Naturkundemuseum Berlin sein Brachiosaurus-Skelett an Tansania zurückgibt. Das Museum lehnt das strikt ab.

Die Künstlerin und Cyberfeministin Cornelia Sollfrank schaut uns missmutig von der TAZ entgegen und tönt: "Ich wäre gern ein richtig guter Troll!" Die Schauspielerin Juliette Binoche leuchtet geheimnisvoll vom ZEIT-Titel und beteuert: "Ich bin radikaler denn je!"

Widmen wir uns zuerst der Frau, die gerne ein richtig guter Troll wäre, also eine Userin, "die durch Provokationen gezielt die Kommunikation stört oder mithilfe von Fake Accounts den Algorithmus von sozialen Medien und damit Meinungen beeinflusst".

Ein richtig guter Troll

Warum will Cornelia Sollfrank das sein? "Das ist die Ebene, auf der man im Moment Einfluss nehmen kann", sagt sie der TAZ. "Ein guter Troll muss sehr, sehr intelligent sein, um dieses Spiel mit vielen verschiedenen Identitäten beherrschen zu können.

Mein Ziel wäre, die Rechten in Deutschland so zu verwirren, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, ob eine Demo wirklich stattfindet, weil alles durcheinandergeht und sie schon hundertmal irgendwohin gefahren sind, wo dann nichts war."

Eine schlaue Idee der Frau, die in den neunziger Jahren den Cyberfeminismus mitbegründete, und trotzdem wechseln wir fix zur Radikalen, zu Juliette Binoche, in die ZEIT. Die Schauspielerin  wird Jurypräsidentin der kommenden Berlinale.

Die "radikale" Juliette Binoche

Radikal? "Mit 44 Jahren habe ich mir gesagt, dass ich Tänzerin werde, und bin mit dem Choreographen Akram Khan auf Welttournee gegangen. Ich hatte weder die Muskeln noch die Erfahrung, um eineinviertel Stunden auf der Bühne zu überstehen. Ich musste lernen, trainieren, üben."

Das ist echt taff, und Binoche ist stolz darauf. Auf die verschreckte Jungschauspielerin, die sie mal war, ist sie weniger stolz. Sie hatte aber auch einiges durchzustehen, etwa das Casting beim Filmguru Jean Luc Godard, der sie "testete": Binoche musste sich "ausziehen, ein Gedicht rezitieren, die Haare kämmen und dabei um einen Stuhl herumlaufen." Und offenbar hat sie’s gemacht.

Dino-Knochen zurück nach Tansania?

Schnell weg vom archaisch-gruseligen Altmännergehabe und hin zu einem echten Dino. Die ZEIT hat dem Berliner Naturkundemuseum einen Besuch abgestattet. Dort ist der 130 Millionen Jahre alte Saurier Publikumsmagnet, "die Nofretete des Naturkundemuseums".

Soll er da wieder weg, zurück nach Tansania, wo er um 1900 ausgebuddelt wurde? Die Diskussion um entwendete afrikanische Kunst und Kultur hat den Saurier erreicht. Die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy meint, der "Dino soll nach Hause".

Der Leiter des Naturkundemuseums, Johannes Vogel, unterscheidet dagegen zwischen Artefakten und naturkundlichem Material und meint, wenn an dem Dino was Kunst und Kultur sei, dann sei das die Leistung, die alten Knochen zusammengepuzzelt und wieder zum Ganz-Dino gemacht zu haben!

Naturkundemuseum will Skelett behalten

Zitat gegenüber der ZEIT: "Eine Maske oder ein Thron – die sind für mich der Ausdruck der Identität einer bestimmten Ethnie. Andererseits ist der Brachiosaurus hier in Berlin ebenfalls der Ausdruck der Kunstfertigkeit und der Identität einer bestimmten Ethnie. Das ist die Ethnie der Berliner Paläontologen."

Besser, man unterstütze Tansania darin, einen weiteren Dino auszubuddeln, der dort in der fossiliengesättigten Erde bestimmt zu finden sei, und Forschungswissen mit den Afrikanern zu teilen.

Die NZZ diskutiert ein "Hohles Herz zum Tag der Liebe". In Großbritannien ist ein herzförmiger Plastikhohlkörper der neueste Schrei zum Valentinstag. Eigentlich gehören ja Süßigkeiten in so ein Ding. Aber "The gift is nothing!" das Nix-Drin ist die Gabe.

Wäre das leere Herz ein Geschenk in einem Liebesfilm, könnte das Happy-End schwierig werden. "Aber wie es so geht, hat das herzförmige Nichts offenbar schon wieder das Zeug zum Kultgegenstand". Umweltschützer wettern: "Das Produkt ist dafür gemacht, direkt in den Müll zu wandern, aber es wird 500 Jahre halten. Es ist ein Symbol für alles, was falsch ist an unserer Weltsicht".

Vielleicht sollte man es mal mit ins Parlament nehmen, das Herz mit nix drin, zur Brexit-Debatte etwa. Einmal piksen und beherzt alle heiße Luft rauslassen.

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur