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Kulturpresseschau | Beitrag vom 29.09.2018

Aus den FeuilletonsVon Spaltungen und Filterblasen

Von Arno Orzessek

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(dpa)
Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth will neuerdings lieber als Mann angesprochen werden (dpa)

Die katholische Kirche könne sich per Definition nicht spalten, schreibt die FAZ. Die WELT fragt Conchita Wurst, ob es denn mehr Frau sein dürfe und ärgert sich über Fantasien feministischer Autorinnen. Und die ZEIT spürt derweil der sogenannten Filterblase nach.

Die Wochenzeitung DIE ZEIT tat sich mit einem "Lob der Blase" hervor. Und weil der gleichnamige Artikel im Feuilleton stand, ging es naturgemäß nicht um Urologisches. Jens Jessen widersprach vielmehr einer gängigen These: Dass nämlich die sogenannten Filterblasen im Internet, jeder hört nur noch, was er gern hören möchte, an der Polarisierung der Gesellschaft schuld seien.

Laut Jessen liegt das Problem komplett anders: Früher sei die Vielgestaltigkeit der Gesellschaft durch Unkenntnis im Verborgenen geblieben; man wusste nicht so genau, wie die Leute ticken. Heute dagegen erfährt man es via Internet haarklein – und regt sich auf.

"Das Problem ist nicht die Blase (so Jessen), sondern ihre Durchsichtigkeit – die Einsehbarkeit jeder Blase von jeder anderen Blase aus. (…) Die Zwangskommunikation im Netz erzeugt den Hass, der von dort in die reale Welt strömt. (…) Es ist eine große Illusion, (…) dass Sympathie und Verständnis wachsen, wenn man nur die Gedanken der anderen kennt und sie mit den eigenen ins Benehmen setzt. (…) Wenn man jemanden besser versteht, kann man ihn auch umso hassenswerter finden."

So der Blasen-Diagnostiker Jens Jessen in der ZEIT.

Historikertag über "gespaltene Gesellschaften"

Apropos Spaltung! Der diesjährige Historikertag, abgehalten in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens, stand unter dem Motto "Gespaltene Gesellschaften". Was so klingt, als wäre da partout nichts mehr zu machen.

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG jedoch zog Johann Schloemann nach der Veranstaltung mit mehreren hundert Vorträgen, wir überspringen die Einzelheiten, ein erträglicheres Resümee: "Das Grundgefühl ist: Es driftet einiges auseinander. Aber man muss auch nicht überall ein fundamentales Zerwürfnis herbeianalysieren. Um (…) die Geruchsforschung aufzurufen: Es ist nicht alles Spaltung, was einem stinkt."

Womit wir nach Jens Jessens Erkenntnis in der ZEIT, dass aus Verständnis Hass erwachsen kann, schon den zweiten Merksatz erbeutet haben. Denn na klar, es ist nicht alles Spaltung, was einem stinkt.

Kirchenaustritt als Zeichen?

Die allein seligmachende katholische Kirche kann sich per Definition nicht spalten, einzelne Mitglieder jedoch können austreten. Und genau das, den Austritt, empfahl die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG allen Gläubigen, die nicht mittragen wollen, dass ihre Kirche zu einem Institut für Missbrauch und amtliche Vertuschung herabgesunken ist.

Tiefschürfend und auch ein bisschen böse, wie so manches Mal, erklärte Christian Geyer: "Jemand kann die Zahlung der Kirchensteuer einstellen, kann sich dabei auf sein Gewissen berufen, sofern es an ihm nagt, weil die Kirchensteuer nun ja für alle erkennbar mittelbar den sexuellen Missbrauch unterstützt – ein Umstand, welcher nach ehrwürdiger kirchlicher Lehre doch immerhin als ‚cooperatio ad malum‘, als eine Beteiligung am Bösen darstellbar sein müsste. So verrückt schwingt hier das heilsgeschichtliche Moment tatsächlich ins Unheil aus: dass man sich unversehens vor die Frage einer Mitwirkung an einer verbrecherischen Organisation mit mafiotischen Schweigespiralen gestellt sieht, (…) sofern man sich nicht durch Widerspruch oder Abwanderung gegen solche kriminelle Vereinnahmung verwahrt."

Die Pointe des FAZ-Artikels muss für Rom endgültig niederschmetternd gewesen sein. Geyer betonte, man könne formal aus der Kirche austreten und ihr die Kirchensteuer aus Protest entziehen, sei deshalb aber nicht wirklich draußen, sei nicht exkommuniziert. 

Denn merke: "Auch wer nicht zahlt, bleibt drin". Theologisch gesehen jedenfalls und insofern der FAZ-Autor Geyer recht hat.

Debütfilm von Eva Trobisch 

Viel Aufmerksamkeit richtete sich auf Eva Trobischs Debütfilm "Alles ist gut". Inhalt: Eine junge Frau wird missbraucht, versucht aber darüber hinwegzugehen, um nicht in die Opferrolle gedrängt zu werden. Die WELT belobigte Trobischs Film, weil er der Protagonistin kein Standardverhalten aufoktroyiert.

"Was wissen wir schon, was innen los ist?" fragte Cosima Lutz. In die gleiche Kerbe schlug Katja Nicodemus in der ZEIT. "Man kann nur dankbar sein, dass sich diese junge Regisseurin auf ein derart vermintes Terrain begeben hat: weil ihr Film das, was in Debatten, Kommentaren und Tweets erstarrt ist, verflüssigen kann. Er zeigt die Grenze der Debatte, wenn es um das Erleben einer Frau geht, die kein Opfer sein will. Die Grenze des Vorstellbaren, wenn ein Mann eine Tat, zu der er sich nicht imstande glaubte, in sein Selbstbild integrieren muss. Und letztlich auch die Grenze der Betrachtung – indem er viele Sichtweisen zulässt und jeder einzelnen klarmacht, dass sie nicht die einzige sein kann."

Ob die notorische Gender-Debatte die Gesellschaft spaltet, sei dahingestellt – tüchtig aufgeregt ist sie allemal.

Mann oder Frau?

Und nun fragte Marlen Hobrack in der WELT unter einem Foto von Dragqueen Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth, der/die neuerdings lieber als Mann angesprochen werden will: "Darf’s ein bisschen mehr Frau sein?" Hobrack ärgerte sich darüber, dass die Fantasien queer-feministischer Autorinnen um die Auslöschung des biologischen Körpers kreisen.

"Damit aber würde auch das Subjekt Frau verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand, um es mit Michel Foucault zu sagen. Nun könnte man auch dieses Verschwinden begrüßen, ganz im Sinne eines Postgenderismus. Nur ist die uns umgebende Realität ja nicht postgender. Und ein Feminismus, der das Subjekt auflöst, für das er kämpfen und realpolitische Veränderungen bewirken will, macht sich nicht nur obsolet. Er betreibt obendrein erfolgreich das, was zweitausend Jahre und mehr des patriarchalen Diskurses über die Frau nie vollständig bewerkstelligen konnten: die Auslöschung der Frau."

Auf Angriff gebürstet: Marlen Hobrack in der WELT

Spaltung war unser Leitthema, wir enden mit Trennung.

"Welche Farbe hat Sex?" begann in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG Andrea Köhler ihre Besprechung des Buches "Bluets" der amerikanischen Schriftstellerin Meggie Nelson. Warum die Antwort "blau" lautet, können wir hier nicht mehr erklären.

Wohl aber uns mit dem Zitat verabschieden, für uns das schönste der Woche, das die NZZ mit gutem Geschmack herausgehoben hat: "Ich will, dass du weisst, dass es einmal eine Zeit gab, zu der ich dich lieber an meiner Seite gehabt hätte als alles Blau dieser Welt."

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