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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.08.2018

Aus den FeuilletonsVon Özil bis Ötzi

Von Tobias Wenzel

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Jürgen Vogel als Ötzi bei den Dreharbeiten von "Der Mann aus dem Eis" (dpa/Felix Hörhager)
Clemens Setz empfiehlt gegen die Hitze, nach Bozen zu reisen, um sich den Mann aus dem Gletscher anzusehen: Ötzi. Auf dem Bild ist Jürgen Vogel als Ötzi zu sehen. (dpa/Felix Hörhager)

Die außergewöhnliche Hitze in Deutschland und die erhitzten Gemüter der Rassismusdebatte haben die Feuilletons der Woche dominiert. Dabei stößt der Hashtag #MeTwo mal auf Verständnis, mal auf Ablehnung. Ein Tipp aus den Kulturseiten: Themenwechsel zu Ötzi.

"Wer gutes Klima schätze, könne ja den Himmel wählen, wer jedoch nach interessanter Gesellschaft suche, fahre besser zur Hölle", gab Dirk Lüddecke in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ein Bonmot Mark Twains zum Besten. Die Höllenhitze in Deutschland und die erhitzen Gemüter der Rassismusdebatte haben die ansonsten nachrichtenarme Woche bestimmt.

"Was hätte Erdoğans Pressestab anders formuliert an Özils Abschiedstweet?", fragte Friedrich Küppersbusch in der TAZ und antworte selbst: "Womöglich: wenig. Özil beruft sich auf die Werte seiner Mutter, die offenbar gerade Urlaub hatte, als er mit Offshore-Firmen Steuern hinterzog." Allerdings machte Küppersbusch auch etwas Gutes am Fall Özil aus: "Wir reden nicht mehr über einen technischen Terminus 'Doppelpass', sondern über das Phänomen 'Doppelherz', und wir Biodeutschen müssen gucken, ob unser Herz groß genug ist für Leute mit zwei Herzen."

Ali Can, Student an der Uni Gießen, ist Gründer der "Hotline für besorgte Bürger" und der #MeTwo-Debatte auf Twitter über Rassismus (Imago)Ali Can, Student an der Uni Gießen, ist Gründer der "Hotline für besorgte Bürger" und Initiator der #MeTwo-Debatte auf Twitter (Imago)

#MeTwo: Hass anstelle von Solidarität und Verständnis

"Endlich gibt es für all die ungeordneten Gefühle und Gedanken ein Ventil", schrieb Mithu Sanyal in der TAZ über den Hashtag MeTwo ("Two" für zwei Zugehörigkeiten) und gab Beispiele: "Menschen werfen Bewerbungen mit einem zu anders klingenden Namen in den Papierkorb. Oder sie sind gute Freund*innen und erklären dir, wie wunderbar es ist, dass du eine Rassenmischung bist, weil Mischlinge besonders intelligent sind (schließlich ist das bei Hunden genauso)."

Jan Fleischhauer am 16.05.2012 in der ARD-Talksendung "Anne Will". (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)Jan Fleischhauer twittert auch unter dem Hashtag #MeTwo und setzt damit seine Erfahrung mit Diskriminierung und Ausgrenzung gleich. (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)

"Doch in dieser Debatte ist es extrem – nach wenigen Tagen wird sie von Hass anstatt von Solidarität und Verständnis dominiert", schrieb – ebenfalls in der TAZ – Carolina Schwarz. Dafür seien nicht nur rechte Trolle verantwortlich: "Der Journalist Jan Fleischhauer beschwert sich beispielsweise bei Twitter, dass seine Spiegel-Online-Kolumne noch keine Preise gewonnen hat und versieht den Tweet mit dem Hashtag #MeTwo. Damit setzt er seine Erfahrung mit Diskriminierung und Ausgrenzung gleich.

Ganz so, als würde es keinen Unterschied machen, ob die Texte eines privilegierten Mannes nicht ausgezeichnet werden oder beispielsweise eine Frau aufgrund eines getragenen Kopftuches bedroht wird." Carolina Schwarz forderte schließlich mit Blick auf #MeTwo: "Einfach mal zuhören!"

Widerwillen gegen den neuen Hashtag

Auch Matthias Heine stört sich an den "Kotzbrocken", die auf geschilderte Rassismuserfahrungen abwertend patzig reagiert haben. Trotzdem hegt er einen "Widerwillen" gegen den neuen Hashtag, verriet in der WELT:

"Die meisten Dinge, die unter #MeTwo berichtet werden, sind nicht schlimmer als das, was früher auch Herkunftsdeutsche erleben konnten, wenn sie dick waren, Brillen oder Zahnspangen trugen. Daneben liest man viel über Spott und Gemeinheiten, die aufgrund sprachlicher und kultureller Differenzen ertragen werden mussten. Ach. Als ich in den Sechzigerjahren von Kassel in ein Dorf bei Braunschweig zog, war ich dort auch erst mal ein Außenseiter, weil ich anders sprach und anders angezogen war."

rbb Fernsehen TATORT: BOROWSKI UND DAS MEER, am Montag (19.06.17) um 22:15 Uhr. Wird Sarah Brandt (Sebil Kekilli) schießen? Borowski (Axel Milberg) und Klee (Jan Peter Heyne) schauen gebannt zu. © rbb/NDR/Christine Schroeder, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter rbb-Sendung bei Nennung "Bild: rbb/NDR/Christine Schroeder" (S2). rbb Presse & Information, Masurenallee 8-14, 14057 Berlin, Tel: 030/97 99 3-12118 oder -12116, pressefoto@rbb-online.de (ARD Presse)Sibel Kekilli muss sich anhören, dass es keine guten Schauspieler mit Migrationshintergrund gebe. (ARD Presse)

Er freue sich zwar darüber, dass endlich in Deutschland über Alltagsrassismus diskutiert werde, aber leider gerate da einiges durcheinander, schrieb auch Ijoma Mangold in der ZEIT. Er empfahl, zwischen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu unterscheiden und nur bei krassen Fällen von Rassismus zu sprechen. Ob das, was die Schauspielerin Sibel Kekilli in der ZEIT beschrieb, wohl krass genug für Mangold ist?

"Ein Regisseur, hoch angesehen, meinte auf meine Frage, warum er denn keine 'Deutschtürken' oder andere 'ausländische' Schauspieler in Hauptrollen besetzen würde, es gebe keine guten Schauspieler mit Migrationshintergrund." Sie bekomme in Deutschland oft das Gefühl vermittelt, nicht richtig dazuzugehören, schrieb Kekilli: "Mein Nachbar etwa, der mir am Briefkasten sagt: 'Und? Hat Ihnen das Paket Herr Erdoğan geschickt?' oder 'Was macht Ihr Präsident denn gerade wieder für Sachen?!' Ich versuche dann ruhig zu erklären, dass mein Präsident Herr Steinmeier ist und im Paket selbstverständlich eine Bombe verschickt wurde."

"Es gibt zwei Themen, um die man im Moment nicht herumkommt, das eine ist #MeTwo, das andere die Hitze", schreibt Elke Schmitter im neuen SPIEGEL. "Wenn man über das eine uneins ist, kann man schnell zum anderen übergehen."

Themenwechsel: Ötzi, der Mann aus dem Gletscher

Danke für den Tipp! "Macht man das Fenster auf, ist es, als halte einem jemand einen Föhn in den Mund", beschreibt Niklas Maak in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG sein Hitzeempfinden. "Man sollte in diesen heißen Tagen nach Bozen reisen, um sich den Ötzi anzusehen, den Mann aus dem Gletscher", empfahl der Schriftsteller Clemens Setz in der ZEIT, reiste selbst hin und war entzückt.

"Allerdings löst der Eismann sich auf. Er verliert zwei Gramm Wassergewicht am Tag. Bei zwei Gramm pro Tag könnte er in zwanzig Jahren nur noch ein Haufen Knochen sein", vermutete Setz. "Man überlegt deshalb ernsthaft, den Mann aus dem Eis in einen riesigen Eisblock einzuschließen, so könnte er länger überdauern, wäre aber nur noch unscharf zu erkennen."

Attraktivität für Paris-Touristen: Die Kanalisation

Und noch ein Tipp zur Abkühlung, inklusive Geruchserlebnis. Marco D’Eramo, der ein kulturwissenschaftliches Buch über den Tourismus geschrieben hat, erzählte im Gespräch mit der WELT: "Eine große Attraktivität für Paris-Touristen war die Kanalisation."

Ein Kanalarbeiter steht während einer öffentlichen Führung durch die Kanalisation an einem Abwasserkanal (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)Heute schwer nachvollziehbar: Die Pariser Kanalisation als Touristenattraktion. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

"In seinem Buch 'Les odeurs de Paris' von 1867 berichtet Louis Veuillot: 'Leute, die alles gesehen haben, sagen, dass diese Kanalisation vielleicht den schönsten Anblick der Welt bietet: Das Licht fängt sich darin, der Schlamm sorgt für milde Temperaturen, man fährt mit Booten herum, geht auf Rattenjagd, arrangiert Begegnungen – und hat dort auch schon manche Verlobung gefeiert.'" Erläuterung von Marco D’Eramo: "Die Menschen hatten sich damals noch nicht so sehr entfremdet von Gerüchen, auch denen ihrer eigenen Spezies."

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